Im Mittelpunkt steht ein Paar, das durch die Willkür eines autoritären politischen Systems unter Druck gerät und sich zwischen seinen Idealen und Anpassung entscheiden muss. GELBE BRIEFE wurde beim Wettbewerb der 76. Internationalen Filmfestspiele Berlin mit dem höchsten Preis, dem Goldenen Bären, ausgezeichnet.
Sophia Blochowitz: Der Film dreht sich um eine Familie, die über Nacht ins Visier des Staates gerät. Woher kam die Idee, diesen Film zu machen?
İlker Çatak: Im Jahr 2019 war ich für einen Film in Istanbul. Ich saß mit Kollegen, die am Theater als Schauspielende tätig waren, in einem Café. Dort haben sie mir zum ersten Mal von den Briefen erzählt. In der Türkei gab es diese sogenannten großen Säuberungen. Zwischen 2015 und 2016 wurden circa zweitausend Kunstschaffende und Akademikerinnen suspendiert und vor Gericht gestellt, weil sie eine Friedenspetition unterzeichnet hatten. Daraufhin verloren sie alle ihre Anstellung. Als ich diese Geschichte hörte, dachte ich, wow, das ist verrückt. Du wirst also entlassen, weil du im Backstagebereich eine Zigarette geraucht hast? Das gibt es doch nicht. Wir haben dann angefangen, dieses Thema zu recherchieren. Wir, das waren meine Frau, unser türkischer Koproduzent und Koautor Enis Köstepen und ich. Plötzlich hatten wir eine Fülle von Material und beschlossen, einen Film über ein Paar zu schreiben, das sich genau über den Druck, den diese neue Situation mit sich bringt, über die folgende Verhandlung ihrer Ideale entzweit.
Eine Besonderheit an dem Film ist die Kulisse. Berlin ist Ankara und Hamburg ist Istanbul. Wie sind Sie darauf gekommen?
Bei meiner Recherche zu diesem Thema konnte ich das Gefühl nicht abschütteln, ein Tourist im eigenen Drehbuch zu sein. Ich bin in Deutschland, genieße hier bestimmte Privilegien und möchte aus meiner privilegierten Situation heraus keinen Film über die Zustände dort machen. Dieses Gefühl, im eigenen Drehbuch fremd zu sein, konnte ich nicht ablegen. Dann hat mein Koautor und Koproduzent Enis Köstepen vorgeschlagen, den Film ins Exil zu schicken, da ja auch viele Türkinnen und Türken mittlerweile im Exil leben. Das hat plötzlich ganz neue Türen geöffnet. Wir haben uns gefragt, welche Geschichte Deutschland mit dem zivilen Tod hat, also dem Zustand, in den man Menschen versetzt, wenn man sie aus der Gesellschaft ausschließen will. Wir haben die Regel aufgestellt, dass wir die Türkei nicht nachstellen, sondern die Orte in Deutschland finden, an denen die Türkei real stattfindet. Sei es nun eine Moschee, ein Marktplatz oder eine Hamburger Fähre, die wirklich eins zu eins wie die Fähren in Istanbul aussieht.
Wie ging es dann weiter?
Dann haben wir uns der Geschichte genähert. Wir hatten den Wunsch, das Problem in Deutschland zu benennen, dass wir uns hier stets sehr wohl und wichtig fühlen, wenn wir die Zustände in anderen Ländern anprangern. Obwohl es genug Probleme gäbe, mit denen wir uns hierzulande auch auseinandersetzen könnten: allen voran die Gefahr von rechts. Wir wollten zeigen, dass das, was in der Türkei passiert, auch hier stattgefunden hat und – wenn wir nicht aufpassen – wieder passieren kann.
Was hat es mit dem Titel »GELBE BRIEFE« auf sich?
Im Film kommen die »gelben Briefe« zunächst als willkürliche Kündigungsschreiben daher. Aber später schaffen es die Figuren, aus diesen Briefen, die negativ konnotiert sind, etwas Positives zu machen: sie entwickeln ein Theaterstück mit dem gleichen Namen. Der kurdische Theaterbetreiber sagt, der Titel sei ja schön und gut, aber ob man nicht etwas anderes finden könne. Diese Diskussion hatte ich auch mit meinen Verleihern. Ich möchte, dass der Titel so bleibt, damit die Leute auch wissen, worum es uns hier geht. Der Film ist eine politische Auseinandersetzung mit gewissen Themen unserer Zeit. Und es ist gleichzeitig eine Ermutigung, die Frustrationen der Welt durch Kunst in etwas anderes zu transformieren. Mit dem Titel »GELBE BRIEFE« bleiben wir der Seele dieses Films und seiner Initialzündung treu. Deswegen fände ich es schwierig, dem Film einen anderen, vielleicht blumigeren Titel zu geben.
Werden in der Türkei die Kündigungen auch mit gelben Briefen versendet?
Ja, das ist in der Türkei ähnlich. Ich hoffe auch sehr, dass der Film dort läuft. In der Türkei muss jeder Film vom Kultusministerium eine Genehmigung bekommen, um im Kino zu laufen. Diese werden wir demnächst beantragen.
Welche Rolle spielen internationale Kooperationen für das politische Kino?
Ich empfinde das als äußerst bereichernd. Bei diesem Projekt hatten wir zwei türkische Koproduzenten, zwei französische Koproduzentinnen und einen deutschen Hauptproduzenten. Ich fand es großartig, weil wir alle den gleichen Film gesehen haben. Wir konnten uns alle auf die Themen einigen, die darin verhandelt werden und uns gegenseitig aus verschiedenen Blickwinkeln ergänzen, unsere Stärken bündeln. Durch unsere Zusammenarbeit verkörpern wir auch eine europäische Identität.
Was wünschen Sie sich, dass das Publikum mitnimmt?
Ich wünsche mir, dass das Publikum darüber nachdenkt, was es bedeutet, bestimmte Freiheiten zu genießen und sie in Gefahr zu sehen. Das gilt vor allem für das deutsche Publikum, aber auch für alle anderen. Es geht darum, zu sehen, wie die öffentliche politische Auseinandersetzung die Dynamik einer Familie beeinflusst und wie wir in unseren Beziehungen damit umgehen. Über diese Reflexion können wir dann gemeinsam in die Diskussion treten. Ich wünsche mir, dass der Film nicht als Anklage verstanden wird, sondern als Einladung zum Dialog.
Vielen Dank.