Die Frage, was »gute Kunst« ist und wer in der Kunstwelt als bedeutend gilt, ist keineswegs neutral. Sie wird von gesellschaftlichen Machtverhältnissen und tradierten Zuschreibungen bestimmt. Unsere Vorbilder waren fast ausschließlich Männer. Das hat unser Verständnis von Kunst maßgeblich geprägt. Wir sind alle in patriarchale Strukturen hineingeboren und hinterfragen sie oft nicht.

Ein prägnantes Beispiel hierfür ist Duchamps berühmtes »Fountain« von 1917: Das als Kunstwerk eingereichte und mit dem Namen R. Mutt signierte Urinal wurde zunächst in der First Annual Exhibition der Society of Independent Artists in New York abgelehnt, gilt heute aber als Meilenstein der Moderne. In aktuellen Untersuchungen wird diskutiert, ob nicht die Dada-Künstlerin Baroness Elsa von Freytag-Loringhoven die eigentliche Urheberin war. Wie Siri Hustvedt 2019 in The Guardian schreibt, können wir uns jedoch ziemlich sicher sein, dass dieses Werk niemals denselben kunsthistorischen Ruhm erhalten hätte und nie als Meisterwerk gelten würde – ganz zu schweigen vom monetären Wert –, wäre es von Anfang an eindeutig einer Frau zugeordnet worden.

Auch heute noch ist die Kunstwelt männlich dominiert: In den Jahren 2000 bis 2020 waren nur rund 20 Prozent der Einzelausstellungen in deutschen Museen Künstlerinnen gewidmet. Künstlerinnen verdienen im Schnitt 30 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen. Und unter den zehn lebenden Künstlern, die die höchsten Preise weltweit erzielen, findet sich keine einzige Frau. Der Gender-Show-Gap führt direkt in einen Gender-Pay-Gap. Und on Top: Das Streben nach Gleichstellung wird häufig als ein Kampf zwischen Männern und Frauen missverstanden. Dabei ist längst bekannt: Von echter Gleichstellung profitieren alle – unabhängig vom Geschlecht. Denn das patriarchale System nimmt allen Menschen wichtige Aspekte ihrer Menschlichkeit.

Unter dem Titel »Auf den Spuren Bildender Künstlerinnen« widmete sich der Deutsche Künstlerbund anlässlich seines 75-jährigen Jubiläums der Wiedergründung nach dem Zweiten Weltkrieg gemeinsam mit dem Kunst-Mentoring des Kulturbüros Rheinland-Pfalz mit einem zweijährigen Projekt der ungleichen Situation von Künstlerinnen seit 1950 – und damit einer bis heute wirksamen Schieflage in der Kunstwelt, um sich aktiv für mehr Diversität einzusetzen und einem rückwärtsgewandten Frauenbild entgegenzuwirken. Dabei stand im Künstlerbund die Aufarbeitung der eigenen Geschichte im Fokus, denn lange war er ein männlich dominierter Verband: 1994 lag der Anteil weiblicher Mitglieder bei nur 16 Prozent, und zwischen 1950 und 2016 wurde der Vorsitz nur einmal von einer Frau übernommen.

Ein erster Teil des Vorhabens widmete sich diesen blinden Flecken: Die Kunsthistorikerin Antonia Moldenhauer forschte zu zehn Biografien von Bildenden Künstlerinnen, die Mitglied im Deutschen Künstlerbund waren oder sind. Besonders im Fokus standen die strukturellen und biografischen Gründe, warum Künstlerinnen oft unsichtbar blieben und wie diese Mechanismen bis heute fortwirken. Darüber hinaus wurden sechs Recherchestipendien an Bildende Künstlerinnen vergeben, um wegweisende Frauenbiografien zu erforschen, und es wurden Museen und Institutionen in Rheinland-Pfalz befragt, um exemplarisch in diesem Bundesland die Präsenz von Künstlerinnen in Sammlungen zu analysieren und Wege für mehr Sichtbarkeit aufzuzeigen.

Ein zweiter Teil des Projektes umfasste Ausstellungen, Artist Talks und Atelierbesuche deutschlandweit. Die zentrale Ausstellung »OUR VOICES. Auf den Spuren Bildender Künstlerinnen«, kuratiert von Almut Hüfler, fand im Wilhelm-Hack-Museum in Ludwigshafen am Rhein statt. Das kuratorische Konzept stellte Fragen nach dem Verhältnis von Privatem und Politischem. Die Ausstellung thematisierte unter anderem Mutterschaft, Care-Arbeit, Hierarchieverhältnisse und strukturelle Gewalt, sowohl im gesellschaftlichen Kontext als auch im Geschlechterverhältnis und im Umgang mit der Natur.

Das Programm des Ausstellungsraums vom Deutschen Künstlerbund in Berlin widmet sich über einen längeren Zeitraum dem Thema Gleichstellung. Von der Ausstellung »Venus Rebellion« (2025), die sich mit Körper, Geschlecht und der Suche nach einem autonomen Blick auf das Weibliche auseinandersetzt, bis zur aktuellen Ausstellung von Sonya Schönberger (bis zum 8. März 2026, am Frauentag von 12-18 Uhr geöffnet!), die im Rahmen ihres Projekts »Berliner Zimmer« weibliche Mitglieder des Deutschen Künstlerbundes porträtiert. Den Abschluss macht die Ausstellung »ATLANTINNEN deep dive.measuring.spirit 52°/13°« (19. März bis 2. Juli 2026), bei der anhand der Werke von Künstlerinnen mit der Figur ATLAS topografische, philosophische und gesellschaftskritische Sachverhalte erkundet werden.

Eine Publikation, die sowohl die Rechercheergebnisse des ersten Projektteils als auch die Beiträge der Veranstaltungen und der Ausstellung im Wilhelm-Hack-Museum dokumentiert, bietet einen Beitrag zur Sichtbarkeit künstlerischer Arbeit von Frauen und einen Impuls für eine gerechtere Zukunft in der Kunstwelt. Gerade in der aktuellen gesellschaftlichen Situation ist dies wichtiger denn je und ein Appell, dass wir alle weiter daran arbeiten, Gleichstellung zu der Selbstverständlichkeit zu machen, die sie längst sein sollte.

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 3/2026