Im Januar 2021 ernannte die deutsche Kulturministerkonferenz Chemnitz zur Kulturhauptstadt Europas für das Jahr 2025. Damit folgte sie der im Herbst 2020 gefallenen Entscheidung der europäischen Jury. Die überregionale Berichterstattung über das, was sich seitdem in Chemnitz tut, ist in den letzten Monaten eher still verlaufen. Das allerdings sieht Chemnitz’ Oberbürgermeister Sven Schulze im Interview mit Sven Scherz-Schade anders.

Sven Scherz-Schade: Chemnitz wird 2025 Europäische Kulturhauptstadt und steckt in den Vorbereitungen. Regiert sich eine Stadt eigentlich in so einer Situation anders, als wenn man nicht Kulturhauptstadt werden würde?

Sven Schulze: Da fehlt mir der Vergleich. Zwei Wochen nach meiner Wahl im Oktober 2020 verkündete die Jury, dass die Wahl auf Chemnitz gefallen ist. Damit war das Großprojekt, das ich schon als Kämmerer mit vorbereiten durfte, für diese Amtszeit gesetzt. Jetzt ist es eine Freude, diesen Prozess zu gestalten, um das Kulturhauptstadtjahr unter dem Motto »C the Unseen« zu einem Erfolg zu machen, der die Stadt idealerweise noch lange nach 2025 prägen wird. Wichtig ist mir, dass wir neben der vielfältigen Zusammenarbeit mit unseren europäischen Partnern weiterhin auf eine breite Beteiligung der interessierten Stadtgesellschaft und der Region setzen. Chemnitz steht schon heute mehr im Fokus als in der Vergangenheit. Endlich, möchte man sagen. So erreichen uns nun vermehrt Anfragen, Veranstaltungen oder Tagungen in unserer Stadt durchzuführen. Der Titel öffnet Türen.

Können Sie somit auch die Vorbereitungszeit kommunalpolitisch nutzen?

Der Titel erfordert von der Stadt zunächst Aufbauarbeit. Kommunalpolitisch muss vor allem daran gedacht werden, wie das Erbe der Kulturhauptstadt, die zuerst als Stadtentwicklungsprojekt zu sehen ist, auch über 2025 fortgeführt wird. Programm und Inhalte liegen in den Händen der eigens dafür gegründeten Kulturhauptstadt Europas Chemnitz 2025 GmbH. Sie hat am 1. Dezember 2021 mit Geschäftsführer Stefan Schmidtke ihre Arbeit aufgenommen. Auch nach 2025 werden Programmteile weiterwirken. Insbesondere sind das die sogenannten Interventionsflächen in den Stadtteilen, deren dort entstehende Infrastrukturen nicht nur für das Programmjahr, sondern auch darüber hinaus genutzt werden.

In der Bewerbung um den Titel spielte bei Chemnitz die Umgebung, sprich die Kulturregion, die über die Kommune und ihre Politik hinausgeht, eine wesentliche Rolle. Ist da in den letzten Monaten etwas zusammengewachsen?

Die Kulturregion liegt vor allem nahe der tschechischen Grenze, weshalb es hier um die qualitative Neubewertung unserer internationalen Beziehungen geht. Mit der Region haben wir es in den vergangenen vier Jahren geschafft, eine gut funktionierende Struktur aufzubauen.

Die Beziehung der insgesamt 30 Kommunen soll auch nach 2025 im sogenannten »Purple Path«, einem der Leuchtturmprojekte unserer Bewerbung, weitergelebt werden.

Dieser Pfad wird Chemnitz mit der Region verbinden. Kulturtouristen werden internationale Künstler in Oelsnitz, Lugau oder Mittweida ebenso erleben können wie Kreative aus der Region.

Was hat sich seit vergangenem Jahr getan und wo steckt Chemnitz gerade in der Vorbereitung?

Im vergangenen Jahr galt es vor allem, die Interimszeit zu strukturieren. Wir haben die GmbH aufgebaut. Zudem wurden konsultative Organe geschaffen.

Dazu gehört die interministerielle Arbeitsgruppe in der Landeshauptstadt Dresden, in der sich die Ressorts und Ministerien einmal im Quartal unter der Leitung der Staatskanzlei treffen, um über die Unterstützung der Vorbereitung des Festjahres, auch über finanzielle Aspekte hinaus, zu sprechen.

Wichtig war auch der Aufbau der regionalen Strukturen. Da die GmbH weitgehend unabhängig von städtischer Verwaltung und Politik agiert, haben wir mit dem Strategieausschuss eine Schnittstelle geschaffen, wo sich die im Stadtrat vertretenen Fraktionen mit der Kulturhauptstadt befassen. Und letztlich haben erste Aktionen in unseren Flagship-Programmen stattgefunden. Der »Purple Path« wurde auf den Weg gebracht. Die erste »European Peace Ride« als Neuauflage der legendären Friedensfahrt fand statt. »We parapom«, die Parade der Apfelbäume, erlebte erste Pflanzungen.

Darüber hinaus sichtet das Team um Stefan Schmidtke die Ideen aus dem Bidbook und bereitet hier die nächsten Schritte mit den Akteuren vor.

Das heißt, da geht es konkret ans inhaltliche Programm jenseits der baulichen Vorhaben …

… Die Vorbereitungen für die Interventionsflächen laufen ja längst. Wir haben dafür eine Meilensteinplanung und einen Entwicklungsprozess in Gang gesetzt, so dass wir 2025 die Areale für das Programm bereitstellen können.

Eine der Interventionsflächen ist der Garagen-Campus. Hier soll ein ehemaliges Straßenbahndepot an der Zwickauer Straße im Stadtteil Kappel zu einem europäischen Kultur-Campus entwickelt werden, wohl sehr groß, d. h. von der Größe von fünf Fußballfeldern. Sieht man da schon was vor Ort?

Ende Januar haben wir das Konzept für das wirklich riesige Areal im Stadtteil Kappel vorgestellt. Vorangegangen ist ein neunmonatiger Prozess aus Workshops, Veranstaltungen und Gesprächen. So sind zahlreiche Ideen und Anregungen zusammengekommen. Nun beginnen weitere Planungen. Im kommenden Jahr soll es dann tatsächlich losgehen. Der ehemalige Betriebshof bietet viel unentdecktes Gestaltungspotenzial. Wir planen über einen Zeitraum von etwa zehn Jahren, einen Teil davon wird man aber 2025 schon erleben können. Die Entwicklung geschieht in Zusammenarbeit mit dem Haupteigentümer des Geländes, den kommunalen Verkehrsbetrieben CVAG und den bereits vorhandenen Museen – dem Straßenbahnmuseum und Uhrenmuseum. Auf dem als Garagen-Campus bezeichneten und denkmalgeschützten Komplex können – neben den bestehenden musealen Nutzungen – auch Aspekte wie Bildung, Ernährung, Mobilität und Digitalität eine wichtige Rolle spielen. Dabei soll die Fläche mit dauerhaften Angeboten alle Altersgruppen einladen.

Leider hört man in der überregionalen Presse derzeit wenig aus Chemnitz. Das war vorletztes Jahr, als die Entscheidung noch frisch war, ganz anders. Woran könnte das liegen?

Das Niveau der Aufmerksamkeit nach dem Juryentscheid fällt naturgemäß erst einmal ab. Zudem galt es zunächst, die Grundlage für die nötigen Strukturen zu schaffen. Dass wir da auf einem guten Weg sind, hat uns im vergangenen November der erste Monitoringbericht der Europäischen Kommission bestätigt. Außerdem ist Ihr Eindruck nicht ganz richtig: Im vergangenen Jahr haben wir mit der Premiere von »European Peace Ride«, der Neuauflage der legendären Friedensfahrt von Prag nach Chemnitz, einen Akzent gesetzt. Und vor Weihnachten konnten wir uns mit dem Ausflug unseres erzgebirgischen Nussknackers »Wilhelm« auf die Internationale Raumstation ISS über überregionale mediale Aufmerksamkeit für die Kulturregion freuen.

In diesem Jahr wollen wir das weiter ausbauen und werden mit einem »kleinen Kulturhauptstadtjahr« einen Vorgeschmack auf 2025 geben.

Das hört sich vielversprechend an. Da müssten Sie mehr verraten, mögen Sie?

Aber gern: Vom 2. bis 10. Juli bringt die Premiere der »Makers United« Macher, Tüftler, Kreative und Künstler zu einem europäischen Macher-Festival zusammen. Im Frühjahr wird »We parapom«, die Parade der Apfelbäume, begleitet von Kunstperformances, um etwa 500 Bäume wachsen. Darüber hinaus feiern wir mit dem Hutfestival« vom 27. bis 29. Mai ein Straßenkunstfestival und vom 1. bis 3. Juli ein großes Chorfest. »European Peace Ride« erlebt schließlich vom 2. bis 4. September die zweite Auflage, dann werden erst mal auch unsere polnischen Freunde in Breslau Etappenort sein. Chemnitz ist, wie ich finde, auch dieses Jahr schon einen Besuch wert.

Wie sehr schränkt Corona momentan die Vorbereitungen ein? Macht die Pandemie die Kulturhauptstadt eher teurer?

Natürlich hat die Pandemie wie in allen Bereichen auch Auswirkungen auf unsere Arbeit. Beziffern lässt sich das nur schwer. Wo Reisekosten wegfallen, entstehen dafür an anderer Stelle Kosten für zusätzliche Technik. Reale Begegnungen wären schöner. Aber auch wir haben uns in den vergangenen beiden Jahren ganz gut im Digitalen eingerichtet und treffen Partnerinnen und Akteure online. Schon in der Bewerbung lag ein Schwerpunkt auf digitalen Formaten. Diesen Weg werden wir auch weiterverfolgen. So haben wir Ende Januar das Konzept für den Garagen-Campus in einem Online-Format mit über 300 Teilnehmenden vorgestellt und diskutiert. Inwiefern die Pandemie 2025 noch Auswirkungen auf unser Programm hat, lässt sich heute noch nicht seriös vorhersagen. Ich hoffe natürlich, dass wir möglichst viele Gäste aus Europa und darüber hinaus in Chemnitz begrüßen werden. Aber eins ist auch jetzt schon sicher: Die meisten Besucherinnen und Besucher werden unsere Stadt mit iPhone und Co. kennenlernen.

Und läuft mit der Finanzierung bislang alles wie angedacht? Im Bewerbungsbuch, dem sogenannten Bidbook, ging man von 25.550.000 Euro für das operative Budget aus. Die Gesamteinnahmen waren auf 53,78 Millionen Euro beziffert, wobei 24,5 Millionen vom Bund, 10,8 Millionen vom Freistaat Sachsen, 10,78 Millionen von der Stadt Chemnitz, 6,2 Millionen von der Region und 1,5 Millionen von der EU kommen sollten.

Für das Gesamtprojekt rechnen wir mit einem Budget von rund 91 Millionen Euro. Ein Großteil dessen macht die Finanzierungsvereinbarung von Bund, Freistaat Sachsen und Stadt Chemnitz aus dem Juli 2021 mit rund 66 Millionen Euro aus, die das Projekt auf solide Beine stellt. Der Bund beteiligt sich dabei mit bis zu 25 Millionen Euro, der Freistaat Sachsen stellt bis zu 20 Millionen Euro zur Verfügung und die Stadt Chemnitz beteiligt sich mit mindestens 21,3 Millionen Euro. Dazu kommen die Unterstützung der Europäischen Union, Beiträge, die die Region leistet, sowie Einnahmen aus Sponsoring und Ticketverkauf. Mit diesem großen Paket wird das Programm der »Kulturhauptstadt Europas Chemnitz 2025« finanziert, aber auch die damit verbundenen Investitionen für Marketing und Tourismus sowie die Entwicklung von nachhaltig wirkenden Strukturen für die Stadt Chemnitz und der Region.

Vielen Dank.

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 03/22.