Es kommt nicht allzu häufig vor, dass deutsche Zeitungen vom Elsass berichten, es sei denn, es geht um gutes Essen, den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg oder die Sehenswürdigkeiten von Colmar. Der jüngste Beschluss der französischen Nationalversammlung, das Elsass wieder aus der Zwangsjacke der vor wenigen Jahren geschaffenen Großregion »Grand Est« zu entlassen und ihm ein Stück seiner Autonomie und Selbstverwaltung zurückzugeben, fand dann doch den Weg in die deutschen Medien. Wobei das eigentliche Interesse wohl mehr dem Umstand galt, dass auch der einst eher zentralistisch gesonnene Rassemblement National von Marine Le Pen dem Gesetzesentwurf zustimmte, als dass man sich ernsthaft für eine Region interessierte, die jahrhundertelang der Zankapfel zwischen Deutschland und Frankreich war.
Es ist das alte Lied. In der Bundesrepublik herrschte lange Zeit eine tiefsitzende Scheu, über jene Gebiete zu sprechen, die Deutschland nach zwei selbstverschuldeten Weltkriegen eingebüßt hatte. Wer das tat, galt als revisionistisch. Aber das Schweigen legte sich nicht nur über die ehemaligen Gebiete im Osten, auch von der wechselvollen Geschichte Elsass-Lothringens nahm man kaum noch Notiz. An diese empfindlichste Stelle im deutsch-französischen Verhältnis wollte niemand mehr rühren; so ging allmählich das Wissen um das jahrhundertelange gemeinsame Schicksal verloren. Was man an den erstaunten Reaktionen badischer Zeitungen ablesen konnte, als die Straßburger vor einigen Jahren über mehrsprachige Ortschilder diskutierten. Warum eine französische Grenzregion auf ihre alemannischen und sogar auf die alten deutschen Namen bestand, hat man auf der anderen Rheinseite nicht mehr verstanden.
Im Elsass hingegen hat man sich bei aller Reserviertheit gegenüber den »Schwoben«, wie man die Besucher mit deutschem Pass immer noch gerne nennt, das Wissen um die gemeinsame, oft konfliktreiche Geschichte bewahrt. Deren Erbe ließ sich auch nicht übersehen. Noch heute findet man deutsche Schriftzüge an den Häuserfassaden. Und das deutsche Recht hat als »droit local alsacien-mosellan« überlebt.
Vor allem die Mundart, auch wenn sie in der jungen Generation immer weniger gesprochen wird, gehört zum gemeinsamen alemannischen Erbe. Weshalb die rigide Sprachpolitik von deutscher wie von französischer Seite zu den dunkelsten Kapiteln der elsässischen und lothringischen Geschichte gehört. Zweisprachige Schulen gibt es im Elsass ohnehin erst seit den 1990er Jahren.
Mein Lieblingsbeispiel für diese abstruse Sprachpolitik habe ich im alten Stadtkern von Straßburg entdeckt. Dort gibt es eine Rue de la Nuee-Bleue und man denkt sofort an die »blauen Wolken«. Aber damit hatte der Straßenname rein gar nichts zu tun. Dort war einst die Gasse der Blauwalker, ein alter Handwerksbegriff, mit dem die französischen Sprachbeamten freilich nichts anfangen konnten. So haben sie die Gasse kurzerhand umbenannt, und damit die Erinnerung an ein Stück Lokalgeschichte gelöscht.
Die preußischen Verwaltungsbeamten standen ihren französischen Kollegen im Mangel an Verständnis keineswegs nach. Im Gegenteil! Sie ließen das nach dem Siebzigerkrieg neugeschaffene Reichsland Elsass-Lothringen lange Zeit spüren, dass es nur ein Bundesstaat zweiter Klasse war. Den »Diktaturparagrafen« im alten Besatzungsstatut hat man deshalb bis heute nicht vergessen. Auch das Telegramm, das der preußische Kronprinz nach dem sogenannten Zaberner Zwischenfall an seine Garnisonen kabelte, ist bis heute im kollektiven Gedächtnis geblieben. »Immer feste druff«, war der Aufruf, der sich wie ein Lauffeuer unter den Aufständischen verbreitete.
Die Arroganz und Blasiertheit von damals ist dem allgemeinen Desinteresse gewichen. Diese Grenzregion erscheint heute als eine französische Provinz wie jede andere auch. Aber genau das war sie nie. Gerade das Elsass steht für ein Europa der Regionen, das eben nicht aus dem nationalstaatlichen Blickwinkel erwächst.
Das Oberrheintal ist auch nicht zufällig zu einem der Urorte der Anti-atomkraftbewegung geworden. Die Atommeiler im badischen Wyhl und dem elsässischen Fessenheim haben den Widerstand auf beiden Seiten des Rheins geeint. Aber der blieb eben nicht auf die Atommeiler beschränkt. Er war Ausdruck des Wiedererwachens einer ganzen Region, eine, die ihre Mundart wiederentdeckte und benutzte. »Unsere Stimme« hieß damals ein hastig gedrucktes Flugblattorgan.
Was die heutigen Bündnisgrünen in ihrer Funktionärhaftigkeit leider vergessen haben: Dieser Protest war kein deklamatorischer, der sich in abstrakten Klimazielen verlor. Es ging dort um einen gefährdeten Landstrich, den viele als ihre Heimat empfanden. Ökologischer Widerstand war ein kultureller geworden.
Das passierte im Elsass nicht anders. Umweltbewusstsein wurde sehr schnell zum Ausdruck einer wiedererwachenden Identität und die alemannische Mundart zu ihrer politischen Sprache. Zahlreiche autonome Zeitungen entstanden damals, von denen »Rot un Wiss«, nach den Elsässer Farben, noch heute ein »föderalistisches und demokratisches Elsass-Lothringen« fordert.
Aber die Grenzlage mit ihrer wechselvollen deutsch-französischen Geschichte machte es dem Elsass natürlich nicht leicht. Den Vorwurf des Separatismus hat man in Paris immer sofort erhoben; und auch diesmal war der Widerstand groß.
Doch der Umgang mit der Geschichte dieser Region offenbart ein noch viel grundsätzlicheres Problem: Wir haben den Metropolenblick auf unsere Nachbarländer nie überwunden. Wir blicken auf das vereinte Europa immer noch von den Regierungskanzeln herab. Am Oberrhein war man da schon einmal viel weiter. Da wurde (und wird) Europa tatsächlich im Kleinen gelebt. Das neue Verwaltungsgesetz für das Elsass müsste uns deshalb aufhorchen lassen. Paris hat sich für die Abkehr von zentralistischen Großstrukturen entschieden. Was erstaunlicherweise heißen könnte: Gewachsene Vielfalt rangiert wieder vor künstlicher Einheit!