Institutionen und Organisationen, die früher wie selbstverständlich als »Säulen der Gesellschaft« angesehen wurden, kommen gegenwärtig unter erheblichen Druck. Damit meine ich nicht nur die Anstrengungen notwendiger Transformationen oder den Rückgang finanzieller Möglichkeiten, sondern einen gestiegenen Rechtfertigungsdruck. Institutionen genießen kaum noch Vorschuss-Respekt, sondern müssen der Öffentlichkeit erklären, warum es sie gibt, wofür sie da sind und was sie für das Gemeinwesen leisten. Die evangelische Kirche kennt dies schon seit Längerem. Für viele Kultureinrichtungen – Museen, Theater, Opern, Festivals – scheint dies eine neue Erfahrung zu sein. Auch sie müssen der Gesellschaft erklären, warum ihre öffentliche Förderung gerechtfertigt ist. Ein Grund dafür sind die Sparpläne der Politik. Aber es gibt noch tiefere Ursachen: Die Teilnahme an kulturellen Veranstaltungen gehört für viele Menschen – ebenso wie der Gottesdienstbesuch – nicht mehr fraglos dazu, ist für sie nichts mehr, was sich ein Land selbstverständlich leisten sollte.

Rechtfertigungsdruck mag für die Institutionsverantwortlichen anstrengend sein, ist aber eine demokratische Selbstverständlichkeit. Niemand ist davon ausgenommen, vor der Öffentlichkeit über die Sinnhaftigkeit des eigenen Tuns Auskunft zu geben – auch altehrwürdige kulturelle oder religiöse Einrichtungen nicht. Nur ist es für sie nicht so einfach, diesem Anspruch der Gesellschaft zu entsprechen. Man kann das daran sehen, dass viele Erklärungen – gerade neuerdings aus Kunst und Kulturpolitik – manchmal so formelhaft geraten. Da wird dann erklärt, man sei der Kitt, der die Gesellschaft zusammenhalte – ein erstaunlich unschönes Sprachbild. Oder es wird behauptet, dass ohne einen die Gesellschaft ihre Mitte verlöre, der Demokratie die Grundlage entzogen werde, ein friedliches Zusammenleben in Toleranz und Vielfalt unmöglich wäre. Natürlich ist an solchen Erklärungen vieles richtig. Problematisch sind sie jedoch dann, wenn sie in allerbester Absicht einen politischen Nutzen der Kultur – oder Religion – behaupten, dabei aber deren Freiheit aus dem Blick verlieren.

Kultur und Kirche stehen gemeinsam vor der Aufgabe, ihren Sinn für das Gemeinwesen vorzustellen. Zugleich aber muss die Kunst wie der Glaube frei sein – ein Zweck für sich selbst. Wer die Kunst zu einer Unterabteilung der politischen Bildung (dieser oder jener Tendenz) macht oder den Glauben zu einer Schule für anständiges Benehmen, nimmt ihnen das, was sie im Kern ausmacht und was sie für viele Menschen so kostbar macht. Damit will ich natürlich nicht sagen, dass Kunst und Glaube keinen Beitrag für eine demokratische Kultur leisten würden. Aber sie tun dies nicht direkt, unmittelbar, sodass man es schnell vorrechnen und beweisen könnte. Vielmehr entfalten sie ihre gesellschaftlichen Wirkungen indirekt, unbeabsichtigt. Ihr Nutzen liegt auch in ihrer Nutzlosigkeit. Als Selbstzwecke stehen die Kunst wie der Glaube für das, was eine menschliche Existenz unvergleichlich macht, für eine Freiheit, die nicht von dieser Welt ist, für eine Würde, die sich nicht in Geldwerten beziffern lässt. Wer also den Sinn von Kunst und Glaube für die Gesellschaft zur Diskussion stellen will, sollte nicht vorschnell direkte Nutzanwendungen aufzählen, sondern ein Verständnis dafür wecken, dass eine Gesellschaft nicht zuletzt von geistigen Leistungen und seelischen Erfahrungen lebt, die sich nicht in staatlichen oder wirtschaftlichen Mittel-Zweck-Berechnungen einfangen lassen.

Kultur und Kirche stehen vor sehr ähnlichen Herausforderungen. Das könnte ihr Bewusstsein dafür stärken, was sie aneinander haben. Für mich ist eine evangelische Kirche ohne Kultur nicht denkbar. Jede gemeinsame Feier des Glaubens hat eine kulturelle Gestalt. Gemeinsam gesungene Lieder, beglückende Instrumentalmusik, geformte Sprache, außeralltägliche Architektur tragen dazu bei, dass ein Gottesdienst der »seelischen Erhebung« dient. Zugleich bereichern Lesungen, Konzerte, Cinematografisches und Theatralisches, manchmal sogar Performances das Leben unserer Gemeinden und Einrichtungen und öffnen uns für die drängenden Fragen der Gegenwart. Die evangelische Kirche ist letztlich wie ein unendliches Gespräch von Christenmenschen untereinander und mit der Welt, die sie umgibt. Diesem Gespräch Inhalt und Form geben kann die Kirche nicht allein. Deshalb ist sie unbedingt darauf angewiesen, sich von der Kultur der Gegenwart inspirieren zu lassen. Da wir Kirchenleute nicht vor der Versuchung gefeit sind, mit unserem Tun allzu feste Ziele verfolgen zu wollen, können wir uns von der Kultur daran erinnern lassen, dass es in der Kunst wie im Glauben um Erfahrungen unbedingter Freiheit und unverzweckter Gemeinschaft geht. Inzwischen haben wir in der evangelischen Kirche zum Glück ganz gut gelernt, Künstlerinnen und Künstler nicht zu vereinnahmen, sondern ihnen offen und gastfreundlich zu begegnen. So jüngst zu erleben in St. Katharinen in Hamburg. In der Hauptkirche war im Rahmen der »Hamburg Sustainability Week« die Kunstausstellung »Gaia« zu Gast. Eine beeindruckende Installation des Planeten Erde auf Grundlage von Fotos aus dem Universum, der auch die ganze Fragilität unserer Lebensgrundlage sichtbar und erfahrbar gemacht hat. In aller Freiheit hat dieser Erdball unter dem Himmelsgewölbe der Kirche Obdach gesucht. Ein anrührendes Bild, wie die Schöpfung begehrt, geschützt zu werden. Als von Anfang an gewürdigte Existenz, die kein Mensch das Recht hat zu zerstören.

Es sind also nicht nur Räume, die wir als Kirchen zu geben haben. Viele Menschen im Kulturbereich wissen das und arbeiten gern mit uns zusammen, was für uns immer eine besondere Freude ist. Allerdings begegnen wir nicht selten einer gewissen Reserviertheit. In manchen Kulturbereichen scheint es zum guten Ton zu gehören, der evangelischen Kirche vor allem kritisch zu begegnen. Dafür gibt es Gründe. Für uns sind solche Irritationen wichtig, weil sie uns herausfordern, uns mit dunklen Seiten unserer Traditionen oder Schwächen unserer heutigen Arbeit auseinanderzusetzen – im Gespräch mit einer wachen, kritischen, säkularen Kultur. Gerade im Konflikt kann man sich neu kennenlernen. Es gibt allerdings auch diesen Konservatismus der Fernstehenden: Menschen, die seit Langem keine eigenen Erfahrungen mit kirchlichem Leben gemacht haben, hegen mitunter sehr altertümliche oder exotische Vorstellung davon, wie wir sind und was wir tun. Aber Martin Bubers großer Satz »Alles wirkliche Leben ist Begegnung« kann sich auch für die Konflikte zwischen Kultur und evangelischer Kirche als gültig erweisen.

Wenn man sich begegnet ist – ob bei einem schönen Anlass oder durch einen Streit –, kann man überlegen, ob man nicht etwas Gemeinsames auf die Beine stellen könnte. Am besten etwas, das auch für andere einen Wert besitzt. Zwei konkrete Beispiele fallen mir dabei besonders ein. Von Anfang an wirkt die evangelische Kirche bei der Initiative Kulturelle Integration mit, für die der Deutsche Kulturrat geschäftsführend tätig ist. Die 15 Thesen darüber, was die Kultur zum Zusammenhalt einer demokratischen und offenen Gesellschaft beitragen kann, haben bei uns in der evangelischen Kirche für intensive Diskussionen gesorgt und uns in neue Gespräche mit anderen zivilgesellschaftlichen Akteuren geführt. Ein zweites Beispiel ist der Evangelische Kirchbautag, der vom 11. bis 13. September in Berlin stattfindet und sich einem drängenden Thema widmet, das nicht nur die Kirche, sondern die gesamte Gesellschaft angeht: die Zukunft der Kirchengebäude. Kann es gelingen, diese wunderbaren Schatzkammern christlicher Kultur dadurch zu bewahren, dass in Zukunft viel mehr von ihnen von anderen für soziale oder kulturelle Zwecke mitgenutzt werden?

Mein Wunsch ist, dass wir dies noch viel mehr versuchen als bisher. Kunst und Kirche zu verstehen als Orte einer Kultur der Offenheit, die Streit ermöglicht, Klarheit liebt und dem Geheimnis Raum gibt. In aller Freiheit.

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 9/2025.