Noch bis zum 6. Dezember 2026 läuft die Ausstellung „Gabriele Stötzer: Dabei sein und nicht schweigen“ im Gropius Bau in Berlin. Anlässlich dieser trafen sich Gabriele Stötzer und Theresa Brüheim – ein Gespräch über Kunst, Zeitgeschichte und ihre gemeinsame Heimatstadt Erfurt.
Theresa Brüheim: Mich interessieren besonders die Verknüpfungen Ihrer Kunst und Ihres Lebens mit der Stadt Erfurt. Sie leben seit vielen Jahren in der Stadt, und ich bin dort aufgewachsen. Es gibt viele Themen, an die wir hier anknüpfen können: die Kunstszene in Erfurt zur Zeit der DDR, die Besetzung der Erfurter Stasi-Zentrale 1989 …
Gabriele Stötzer: Wichtig ist mir, die Verbindung zwischen diesen Dingen zu sehen. Ich bin politisch, feministisch, aus der DDR, ich war im Gefängnis – aber das waren Phasen meines Weges und auch Mittel zu meinem eigentlichen Zweck: zur Kunst.
Die Kunst begleitet Sie Ihr Leben lang. Zunächst studierten Sie Kunsterziehung in Erfurt, bevor Sie sich ganz der eigenen künstlerischen Arbeit widmeten
Für mich begann das mit dem Wunsch, frei zu sein und selbst zu wählen, wer ich bin.
An der Pädagogischen Hochschule in Erfurt, wo ich Deutsch und Kunsterziehung studierte, merkte ich dagegen, dass Ideologie keine Bildung ist. Wir sollten nur das lernen, was wir später selbst lehren sollten. Wenn man mehr wissen wollte, etwa über antiautoritäre Erziehung usw., galt das schon als Gedankengut des Klassenfeindes. Wer eine andere Kunst, Architektur oder Lebensweise wollte, wurde zurechtgestutzt.
Am Anfang dachte ich noch, der Sozialismus sei reformierbar. Wir haben Marx, Engels, Lenin, Trotzki, Bakunin und Rosa Luxemburg gelesen und versucht, innerhalb des Systems zu argumentieren. Aber ich musste mich immer nur verteidigen und Anschuldigungen widerlegen. Schließlich wurde ich exmatrikuliert.
Das war noch vor der Ausbürgerung von Wolf Biermann. Ich wurde nicht wegen Biermann exmatrikuliert – das wird oft durcheinandergebracht. Ich wurde exmatrikuliert, weil ich einen eigenen Anspruch auf Bildung und eine eigene politische Haltung hatte.
Sie haben gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann protestiert und Unterschriften gesammelt. Daraufhin kamen Sie 1977 in Untersuchungshaft; anschließend folgte die Haft im Frauengefängnis Hoheneck. Während dieser Zeit haben Sie sich entschieden, in die Kunst zu gehen.
Nach dem Gefängnis dachte ich: Jetzt gehst du in die Kunst, da wirst du nicht sofort verhaftet. Ich hatte keine Lust, noch einmal ins Gefängnis zu kommen. Ich wusste überhaupt nicht, ob ich etwas kann. Ich hatte keine Lehrer, viele Künstlerinnen und Künstler waren weggegangen. Ich musste bei null anfangen.
Im Gefängnis habe ich nicht romantisch als Künstlerin geschrieben. Ich habe im Dreischichtsystem Strumpfhosen für den Westen genäht, bis ich dachte, ich sterbe lieber, als noch einmal diese Strumpfhose durch die Maschine zu ziehen. Ich bekam ein Blatt Papier in der Woche und durfte darauf einen Brief an meine Eltern oder meinen damaligen Ehemann schreiben. Das war mein Schreiben im Knast.
Trotzdem haben ich und meine Knastfreundin Tutu versucht, uns kleine künstlerische Räume zu schaffen. Wir schrieben Comics und Stücke als Kassiber. Aus der roten Hülle eines kleinen Käses haben wir Figuren geformt und heimlich ausgetauscht. Weil sie in einem anderen Arbeitskommando war, haben wir beide einen Zeichenzirkel beantragt, um uns zu treffen, aber sie ging vorher auf Transport. Sodass ich sonntags allein in meinem Kommando eine Zeichenstunde leitete.
Das war der Moment, in dem Kunst eintrat. Kunst kann einen Menschen in einer unerträglichen Situation bewahren. Sie schafft eine andere Sprache, eine andere Hoffnung. Nach der Haft wusste ich: Das ist der Weg, auf dem ich von allem wegkommen und zugleich zu mir selbst finden kann.
Was geschieht, wenn Sie künstlerisch arbeiten?
Ich habe sofort Spaß daran. Ich setze den Bleistift an, und meine ganze Verspannung geht in die Zeichnung … löst sich auf. Deshalb weiß ich auch, warum meine Kunst gut ist: Sie ist visionär und löst ein Problem, das oft noch gar nicht ausgesprochen ist.
Die Kunst ist in mir. Sie formiert sich, und ich weiß: Das ist ein Text, das ist ein Super-8-Film, das ist eine Zeichnung. Ich versuche nicht, erst eine Theorie zu bauen. Es materialisiert sich.
Kunst ist für mich aber nicht etwas, das man heimlich allein zu Hause macht. Kunst braucht Öffentlichkeit. Sie soll Menschen erreichen und mit ihnen kommunizieren. Sie ist ein öffentlicher Prozess.
Sie haben auch immer Kunst zusammen mit anderen gemacht, vor allem mit Frauen. Wie haben Sie Ihre Mitstreiterinnen in Erfurt gefunden?
Die ersten Gruppen entstanden nach meiner Exmatrikulation. Zunächst waren es Studentinnen, die ebenfalls betroffen waren. Später kamen andere Menschen dazu, die zeichnen, Musik machen, Texte lesen oder einfach etwas anderes erleben wollten.
Wir haben Häuser besetzt und Werkstätten eingerichtet: eine Webwerkstatt, eine Siebdruckwerkstatt, eine Fotowerkstatt. Wir nannten sie Werkstätten, weil wir uns auf das Bauhaus beriefen. Wir wollten uns selbst weiterbilden, von unten, mit den Mitteln, die wir hatten.
Dann bekam ich die Schlüssel zur privaten „Galerie im Flur“. Eine Galerie lebt von Publikum, und so erweiterte sich alles. Musikerinnen und Musiker kamen hinzu. Aus einigen Begegnungen entstanden lebenslange Freundschaften. Wir traten gemeinsam auf: mit Text, Zeichnung, Malerei und Musik. Heute trete ich noch immer mit dem Weimarer Ensemble für Intuitive Musik auf, das sich damals gründete.
Viele dieser ersten Gruppen wurden von der Staatssicherheit zerschlagen. Zersetzung nennt man das in Stasisprache. Aber ich brauchte für meine Arbeit immer wieder andere Menschen – als Modelle oder Akteurinnen. Sie sollten nicht einfach ausführen, was ich ihnen sagte, sondern ihr ganzes Sein in die Arbeit geben.
Meine Kraft liegt darin, Menschen einzubeziehen und selbst zu aktivieren. Man lässt eine Tür offen, durch die die anderen mitgehen können. Und irgendwann muss man die eigene Idee loslassen, damit die anderen fühlen können: Das ist auch meine, unsere Idee. Dann kann ich mich darüber freuen, was zurückkommt, und selbst wieder staunen.
Welche Rolle spielt dabei die Künstlerinnengruppe Erfurt?
Die Frauen haben mich diszipliniert. Wenn es heißt, ich hätte die Gruppe gegründet, sagen sie: Nein, du bist Mitbegründerin. Wenn wir nicht gewesen wären, hätte es keine Gruppe gegeben. Und sie haben recht.
Wir arbeiteten mit unseren eigenen Erfahrungen, Körpern, Träumen und Verletzungen. Wenn wir ein Thema benennen und in Kunst verwandeln konnten, verlor es einen Teil seiner Macht. Das ist ein magischer Prozess. Wenn man den Namen kennt, ist das Geheimnis gebannt – wie bei Rumpelstilzchen.
Deshalb war es uns wichtig, nicht zu schweigen: über das, wofür Menschen sich schämen, über Krankheit, Körper, Gewalt oder Alter. Wenn man es zeigt und ausspricht, verändert es sich.
Wir sind etwa 30 Jahre lang nicht gemeinsam aufgetreten. Für eine Ausstellung in der neuen Gesellschaft für bildende Kunst (nGbK) in Berlin kamen wir vor ein paar Jahren erstmals wieder zusammen. Da waren wir älter, einige waren krank, unsere Körper hatten sich verändert. Aber gerade das wollten wir zeigen.
Bei dieser Performance habe ich mich mit damals 70 Jahren auch wieder oben herum ausgezogen, meine Brüste mit Ketchup bemalt und die Abdrücke an das Publikum weitergegeben. Männer und Frauen hielten dieses weibliche Zeichen der Schöpferkraft vor sich und wurden zu Mittäterinnen und Mittätern. Das war ein starkes Bild.
Heute entwickeln die Frauen wieder eigene Ideen für unsere gemeinsamen Auftritte. Eine Frau zeigt ihre Glatze nach der Chemotherapie, eine andere projiziert etwas auf ihren Bauch. Ich denke dann: Die sind noch verrückter als ich. Das ist wunderbar. Jetzt treten wir Ende August auf dem Dach des Gropius Baus in Berlin auf.
In Ihren Arbeiten geht es häufig darum, körperliche Grenzen zu überschreiten, bis zur Erschöpfung zu arbeiten. Ich nehme das als bedeutenden Teil Ihrer Arbeitsweise, Ihres künstlerischen Prozesses wahr.
Über sich selbst hinauszuwachsen, ist für mich ein Sinn des Lebens. Bei den Fotografien haben wir oft bis zur Erschöpfung gearbeitet. Aber die Menschen waren nicht bloß Modelle. Jede Person gab ihre eigene innere Kraft in das Bild. Deshalb sind diese Fotografien nicht stereotyp. Die Figuren schauen einen direkt an, jedes Bild trägt etwas Eigenes.
Kunst ist für mich etwas, das man immer wieder ansehen kann und in dem man immer wieder neue Informationen entdeckt. Auch die kleinen Arbeiten tragen etwas Monumentales in sich. Sie gehen über Zeit, Raum und die eigenen Grenzen hinaus.
Gruppen spielten auch in Ihrem Leben nach der Friedlichen Revolution eine wichtige Rolle.
Ich habe nach der Friedlichen Revolution immer wieder Gruppen aufgebaut, weil ich weiß: Man braucht Gruppen, um zu überleben.
Selbst im Gefängnis brauchte ich eine Freundin, die ich liebte. Wir sahen uns alle drei Wochen für eine Stunde auf dem Gefängnishof. Aber diese Liebe war wichtig, um nicht zu verrohen, sich nicht aufzugeben und die eigenen Gefühle zu bewahren. Für mich war das eine Liebe ohne Namen und damit ohne Begrenzung. Dieses Erlebnis hat mir gezeigt, wie wichtig eine Verbindung zu einem anderen Menschen sein kann.
Aus verschiedenen Erfurter Frauengruppen entstand kurz vor der Friedlichen Revolution „Frauen für Veränderung“. Wie kam es dazu?
1988 gab es im Augustinerkloster einen Kirchentag von Frauen für Frauen. Dort stellten sich verschiedene Erfurter Gruppen vor: lesbische Frauen, Frauen, die sich mit familiärer Gewalt beschäftigten, mit Bildung, Wehrdienstunterricht oder der individuellen Betreuung von Kindern.
Wir sahen plötzlich, wie viele Gruppen es in Erfurt gab, und verabredeten, uns einmal im Monat zu treffen und auszutauschen. Daraus entstand kurz vor der Friedlichen Revolution „Frauen für Veränderung“. Wir gründeten einen Verein und entwickelten ein gesellschaftliches Konzept dazu, was sich für Frauen in einer zukünftigen Gesellschaft verändern müsste.
Die großen Bürgerbewegungen waren zunächst stark von Männern geprägt. Wir Frauen hatten aber bereits eigene Strukturen aufgebaut, miteinander gesprochen und uns auf einen historischen Moment vorbereitet, ohne zu wissen, wann er kommen würde.
Dieser historische Moment kam im darauffolgenden Jahr. Die Grenzen wurden geöffnet. Und am 4. Dezember 1989 folgte die Besetzung der Erfurter Stasi-Zentrale, an der Sie maßgeblich beteiligt waren. Wie begann der Tag?
Zwei Frauen kamen morgens zu mir und sagten: Wir müssen jetzt handeln. Die Stasi verbrennt hier in Erfurt die Akten, während in Berlin nur geredet wird. Wir gehen zum Bürgermeister und zur SED-Parteileitung. Wir zeigen die Stasi beim Staatsanwalt an, weil sie Volkseigentum vernichtet. Und wir rufen die Bevölkerung auf, das Stasigebäude zu umstellen und bei der Zeitung, zu kommen und zu fotografieren.
Ich wusste sofort: Das ist richtig. Aber ich wollte weitere Gruppen einbeziehen, auch Frauen aus der Künstlerinnengruppe und aus anderen Erfurter Frauengruppen. Über ein Telefon im Pfarrhaus riefen wir Menschen an. Viele verließen ihre Arbeitsplätze und umstellten die Stasi-Bezirkszentrale.
Sie sind zum Bürgermeister gegangen und haben angekündigt, die Stasi-Zentrale zu besetzen?!
Genau, wir gingen direkt ins Rathaus zu seiner Sitzung und sagten: Wir besetzen heute die Stasi. Ganz Erfurt steht hinter uns. Und wir verlangen von Ihnen, dass es friedlich bleibt.
Die waren sprachlos. Wir brachten die verantwortlichen Köpfe der Stadt dazu, die Verantwortung für einen friedlichen Ablauf zu übernehmen. Das ist für mich das Besondere an dieser Revolution: Wir haben die Köpfe nicht abgeschlagen wie in der Französischen Revolution, sondern wir haben sie dazu gebracht, an der friedlichen Übernahme mitzumachen.
Deshalb spreche ich auch von einer Revolution und nicht nur von einer Wende. Es war eine schnelle und radikale Veränderung der sozialistischen Diktatur, aber eine friedliche. Die Menschen hatten gesagt: Wir sind das Volk. Das war ein Moment der Selbstermächtigung.
Ein wichtiges Argument war also, dass die Akten Volkseigentum seien.
In der DDR war alles Mögliche zu Volkseigentum erklärt worden. Die Bauern und Betriebe waren enteignet worden. Aber wer war eigentlich dieses Volk?
In diesem Moment sagten wir: Das, was ihr über uns gesammelt habt, ist unser Volkseigentum. Die Akten gehören uns. Die Stasi-Leute waren so verblüfft, dass sie uns in die Zentrale hineinließen.
Dieses Argument wurde von anderen Städten übernommen. Als bekannt wurde, dass die Stasi-Zentrale in Erfurt besetzt war, gingen auch Menschen in Leipzig, Halle, Gotha, Rostock und anderen Orten zu den Dienststellen.
Man braucht in einer aussichtslosen Situation zuerst eine Idee, die etwas bewegt. Man muss nicht schon ein vollständiges System haben. Man muss anfangen.
Das konnten in diesem Moment die Frauen tun, weil wir uns vorbereitet hatten. Wenn die historische Konstellation der Veränderung da ist, muss man sich selbst autorisieren und handeln.
Jetzt erhalten Sie den Goslarer Kaiserring. In der Berichterstattung wird häufig betont, dass Sie die erste ostdeutsche Künstlerin sind, die diese Auszeichnung bekommt. Wie empfinden Sie diese Zuschreibung?
Es ist wahr. Ich bin die Erste. Auch die erste Ostdeutsche, die in der DDR geblieben ist und dort Kunst gemacht hat, mit einer Einzelausstellung im Gropius Bau. Warum gerade ich? Weil ich nicht aufgegeben habe. Aber ich habe es nicht darauf angelegt. Ich wusste zunächst nicht einmal, was der Goslarer Kaiserring ist.
Anfangs dachte ich, vielleicht ist das ein Irrtum oder sie meinen jemand anderen.
Das sogenannte Hochstaplersyndrom.
Genau. Mein Yogalehrer sagte damals zu mir: „Du hast diesen Preis richtig bekommen. Bleib diese unverblümte, natürliche Künstlerin. Der Preis ehrt dich, aber du ehrst auch den Preis.“ Das muss ich mir merken.
Nach der Friedlichen Revolution wollte lange niemand etwas von meiner Kunst wissen. Ich habe weitergearbeitet, aber wurde wie andere Künstlerinnen aus der DDR nicht gesehen. Man behandelte uns, als hätten wir westliche Kunst nur verspätet nachgeahmt.
Erst als meine Arbeiten gemeinsam mit Künstlerinnen wie Marina Abramović, Yoko Ono oder VALIE EXPORT gezeigt wurden, änderte sich etwas. Plötzlich bekam ich einen Namen und etwa ab 2009 wurde in der Kunstszene anerkannt, dass wir Künstlerinnen aus dem osteuropäischen Raum eine eigene Form der Kunst und ein eigenes Recht, zu bestehen, hatten.
Die Gesellschaft hat lange unterschätzt, dass eine Diktatur nicht nur das politische Denken, sondern auch die Kunst zur Anpassung zwingt. Im Nationalsozialismus ist das offensichtlich. Beim sozialistischen Realismus wird es weniger klar benannt. Dabei hat die DDR ihre Kunst des Sozialistischen Realismus ebenfalls als ein Mittel betrachtet, das sie für ihre Zwecke einsetzte.
Man muss deshalb viel stärker fragen: Wogegen musste sich unsere Kunst behaupten? Politisch, familiär und gegen vorgegebenen ideologische Richtungen. Wie entstand unter diesen Bedingungen eine eigene, große Kunst?
Ich habe immer versucht, unter den Umständen, in denen ich lebte, das Machbare herauszuholen, mit anderen Menschen etwas zu tun, Spaß daran zu haben und Schönheit zu schaffen.
Kunst kann beruhigen, einen Boden geben und zugleich etwas Neues materialisieren. Eine Sekunde vorher gab es die Zeichnung noch nicht. Dann ist sie da. Das ist die Kraft der Kunst.
Vielen Dank.