37 Jahre nach der Aufhebung des Schießbefehls an der innerdeutschen Grenze, dreieinhalb Jahrzehnte nach der Friedlichen Revolution sind die Spuren des DDR-Grenzregimes nahezu verschwunden: die Mauer, die Zäune, die Wachtürme, die Schussapparate und Minen, das schwere Kriegsgerät und die Maschinengewehre, mit denen etwa 50.000 Mann einen Staat zum Gefängnis für seine Bürgerinnen und Bürger machten und den totalitären Machtanspruch der SED-Diktatur durchzusetzen halfen.

Bei allem Verständnis für das Bedürfnis der Menschen, die im Schatten der Mauer leben mussten, diese Spuren der Teilung und Trauer in ihrer Nähe zu beseitigen: Viele Einheimische und Besucher empfinden es als Verlust, heute kaum noch sichtbare Zeichen der SED-Diktatur im Stadt- und Naturraum zu finden und damit dieses wichtige dunkle Kapitel unserer Geschichte beinahe aus dem kollektiven Gedächtnis zu tilgen.

Das darf nicht passieren – zu wenig ist gerade der nachgeborenen Generation bewusst, was hier mitten in unserem Land noch vor Kurzem an Leid geschehen ist.

Natürlich lässt sich die Grausamkeit dieses Grenzregimes auch ohne sichtbare Spuren vergegenwärtigen: etwa in den Dienstanweisungen, die Menschen in kalter Technokratensprache im wahrsten Sinne des Wortes zum Abschuss freigaben.

Die 1977 für die Grenzregimenter erlassene Dienstverordnung DV 718/0/002 zum »Einsatz der Grenztruppen zur Sicherung der Staatsgrenze« erteilte in präzisem Verwaltungsdeutsch Instruktionen zur Verfolgung so genannter »Grenzverletzer« und formulierte unmissverständlich, was dabei erwartet wurde: »Die Verfolgung hat das Ziel, Grenzverletzer in kürzester Zeit und unter Ausnutzung des Geländes festzunehmen oder zu vernichten.«

Solche Anweisungen zur »Vernichtung« von »Grenzverletzern« finden sich an mehreren Stellen; zusammen mit den Regelungen im DDR-Grenzgesetz und öffentlichen Äußerungen der SED-Führung umschreiben sie jene totalitäre Praxis der Grenzsicherung, die unter dem Stichwort »Schießbefehl« subsumiert wird und die jeden Traum von Freiheit im Keim ersticken sollte.

Wer sich diesen Traum dennoch nicht nehmen ließ, wer sich nicht einschüchtern und abschrecken ließ, bezahlte unter Umständen mit dem Leben – so wie der 15-jährige Heiko Runge: Zusammen mit seinem gleichaltrigen Freund Uwe Fleischhauer wagte er am 8. Dezember 1979 im Kreis Wernigerode die Flucht. Gut 100 Meter vor dem Grenzzaun liefen die jugendlichen »Grenzverletzer« den alarmierten Grenzsoldaten in die Arme. Auf beide wurden, weil sie nicht stehen blieben, insgesamt 51 Schüsse abgefeuert. Uwe Fleischhauer überlebte. Heiko Runge wurde, der Dienstverordnung DV 718/0/002 entsprechend, »vernichtet«.

Jedes einzelne derartige Schicksal erzählt von der Unmenschlichkeit der SED-Diktatur und von der Gnadenlosigkeit eines totalitären Regimes; und jede dieser Geschichten findet eine Fortsetzung in weiteren Geschichten von Leid und Unrecht. Denn Familien und Freunde der »Grenzverletzer« wurden massiv ausgespäht und sahen sich den Schikanen, Repressionen und Zermürbungsstrategien des Staatssicherheitsdienstes ausgesetzt.

Persönlichen Geschichten Gehör zu schenken, individuellen Schicksalen Aufmerksamkeit zu verschaffen und hinter abstrakten Zahlen den einzelnen Menschen sichtbar zu machen – das sind wir den Opfern staatlicher Unterdrückung und Gewalt schuldig, auch und nicht zuletzt jenen, die an der innerdeutschen Grenze für Freiheit und Selbstentfaltung ihr Leben ließen.

Sowohl für ein würdiges Gedenken als auch für die politische Bildung gerade junger Menschen, für das Lernen aus Diktaturerfahrungen und die Sensibilisierung für den Wert demokratischer Freiheitsrechte ist die Konfrontation mit den erschütternden Geschichten hinter der leidvollen deutsch-deutschen Teilungsgeschichte unverzichtbar: Denn mehr als ein Überblick im Geschichtsbuch geht die Begegnung mit Zeitzeugen und Zeitzeugnissen unter die Haut, sei es in persönlichen Gesprächen, sei es in Filmen und Büchern, sei es in Dokumentationen und vor allem auch an authentischen Erinnerungsorten.

Deshalb war es wichtig und ist es richtig, dass entlang der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze, dass im Verlauf des sogenannten Mauerstreifens ein Grünes Band entstanden ist. So bleibt die deutsch-deutsche Teilung in Erinnerung – positiv gewendet als Naturraum, aber markiert mit wichtigen geschichtlichen Stationen, die anhand einzelner Ereignisse die Monstrosität dieser 1378 km langen Grenze in Erinnerung verwahren. Die Mauer, die West-Berlin umschloss, war 155 km lang – an 29 Standorten entlang des Weges wird an die Toten an der Berliner Mauer erinnert. Der zentrale Gedenkort für die Opfer der Mauer befindet sich auf dem Areal der Gedenkstätte in der Bernauer Straße in der Mitte der Hauptstadt.

Markante Stationen entlang der Mauer gibt es in ganz Deutschland – z. B. in Bayern/Thüringen der Ort Mödlareuth; 41 Jahre lang verlief die innerdeutsche Grenze mitten durch das Dorf. In Hessen ist es die Station Point Alpha, an der sich die Vorposten von NATO und Warschauer Pakt bis zum Jahr 1990 gegenüberstanden – es war einer der heißesten Punkte im Kalten Krieg.

In Sachsen-Anhalt liegt der ehemals größte Grenzübergang Marienborn. Dort versuchte der 23-jährige Zimmermann Fred Woitke aus Eisenhüttenstadt am 21. April 1973 mit einem LKW die DDR-Grenze zu durchbrechen. Sein Fluchtfahrzeug überschlug sich an der Straßenrollsperre, woraufhin vier Grenzer das Feuer auf den Fliehenden eröffneten. Woitke verstarb wenige Stunden später im Krankenhaus.

Die Dokumente, die er zu diesem Zeitpunkt bei sich trug, gelangten aus den Beständen des Ministeriums für Staatssicherheit in den Besitz des Bundesarchivs. Dieses stellt die Objekte mit Unterstützung der Angehörigen der Öffentlichkeit zur Verfügung. Sie sind nun erstmals am Ort der Ermordung Woitkes zu sehen und erinnern an das Leben des jungen Mannes. Insbesondere Woitkes von einem Einschussloch gezeichneter Sozialversicherungsausweis symbolisiert die Brutalität des DDR-Grenzregimes.

Zur notwendigen Aufarbeitung der SED-Diktatur gehören das Erinnern und Gedenken an die Opfer, gehört die Auseinandersetzung mit ihren Schicksalen, dazu gehört aber auch die umfassende wissenschaftliche Erforschung der DDR-Geschichte und des SED-Unrechts. Um das Geschehene einordnen zu können, um es politisch, historisch, rechtlich und moralisch bewerten und vergleichen zu können, um seine Ursachen und Folgen benennen und daraus die richtigen Schlüsse ziehen zu können, braucht es eine buchstäblich anschauliche Erinnerungsarbeit – die Erzählung der Zeitzeugen und die Wirkung authentischer Orte sind kaum durch andere Formate zu überbieten.

Erinnerung verdienen die Opfer staatlicher Unterdrückung und Gewalt, nicht zuletzt jene, die an der innerdeutschen Grenze für ihre Sehnsucht nach Freiheit mit dem Leben bezahlten. Erinnerung bedeutet aber auch, den Mut all jener DDR-Bürgerinnen und -Bürger anzuerkennen, die sich den Traum von einem selbstbestimmten Leben selbst hinter Mauern und Stacheldraht nicht nehmen ließen und deren Sehnsucht nach Freiheit schließlich 1989 revolutionäre Kraft entfaltete. Denn Erinnerung bietet große Chancen für die Zukunft. Erinnerung kann Menschen, die den Schrecken eines totalitären Unrechtsregimes nie selbst erleben mussten, den Wert demokratischer Grundrechte wie auch die Gefahren totalitärer Ideologien vermitteln.

So war der Mauerbau vor 60 Jahren sowohl Bankrotterklärung der kommunistischen Diktatur als auch Fanal der 28 Jahre währenden Spaltung Europas in zwei Welten. In der einen war Freiheit offener Lebensraum, in der anderen nur heimlicher Lebenstraum. Es sind insbesondere die Zeitzeugnisse des menschenverachtenden DDR-Grenzregimes, die uns das Wunder der Friedlichen Revolution vor 36 Jahren vor Augen führen: Was für ein Glück, was für ein Geschenk – vor allem aber: Was für ein Triumph der Demokratiebewegung über den totalitären Machtanspruch der SED-Diktatur!

Was für ein Triumph der Freiheit über Unfreiheit und Unterdrückung!

Was für ein Triumph des Rechtsstaats über das kommunistische Unrechtsregime!

Was für ein Triumph jener Werte, für die Menschen hier an der innerdeutschen Grenze ihr Leben riskierten und vielfach verloren – jener Werte, für die Hunderttausende DDR-Bürgerinnen und Bürger im Herbst 1989 mutig und selbstbewusst ihre Stimme erhoben und für die Oppositionellen und Bürgerrechtler, Friedensbewegte und Umweltschützer über viele Jahre gekämpft haben und zermürbende Repressionen in Kauf nehmen mussten!

Ohne das Grüne Band, das den Verlauf der Mauer markiert und genau dort zur Bewanderung und zu einem wahren Geschichts-Parcours einlädt, wäre vieles längst vergessen. Vergessen auch deshalb, weil über die deutsche Teilung vielleicht in der Schule gesprochen wird – doch am Grünen Band mit all seinen Stelen, die informieren und zum Innehalten einladen, werden ja ganz andere Zielgruppen und viel mehr Menschen erreicht.

Zum Glück ist Demokratie korrektur- und lernfähig, sie eröffnet Handlungs- und Mitgestaltungsspielraum, und das berechtigt immer zur Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Bitter sind deshalb die Wahlerfolge populistischer Demokratieverächter, die keine Scheu haben, sich Leitsätze der Friedlichen Revolution von 1989 anzueignen, um Stimmung zu machen gegen demokratische Institutionen und Grundprinzipien, um Mauern der Ab- und Ausgrenzung zu errichten und die Gesellschaft in verhärtete Fronten zu spalten.

Leider vielerorts mit Erfolg: Obwohl die Narben, die die jahrzehntelange Spaltung Deutschlands und Europas in Freiheit und Unfreiheit hinterlassen hat, im Stadtbild Berlins und entlang der einstigen innerdeutschen Grenze längst verblasst sind, fürchten heute mehr als 80 Prozent der Menschen laut Deutschlandtrend der ARD eine Spaltung der Gesellschaft – kein Wunder angesichts sprachlicher Verrohung, angesichts hasserfüllter Hetze und Gewalt, angesichts allgegenwärtiger Ab- und Ausgrenzung im öffentlichen Diskurs. Was für eine bittere Ironie der Geschichte, dass sich dabei ausgerechnet Rechtspopulisten aus dem Westen Deutschlands erfolgreich als einzige Stimme der Ostdeutschen inszenieren!

So ist die Erinnerung an die Friedliche Revolution vor 36 Jahren heute auch ein Appell, der Saat der Demokratieverachtung in populistischen Tiraden gegen Andersdenkende und Andersglaubende, gegen demokratische Institutionen wie eine freie Presse, gegen demokratische Parteien und eine unabhängige Justiz keinen Boden zu bieten.

Ich hoffe dabei auf den Stolz und das Selbstbewusstsein jener Menschen, die in Ost und West in vielfältiger Weise für ein geeintes, demokratisches Deutschland und Europa gekämpft haben – für jene demokratischen Freiheitsrechte, deren Demontage neue politische Kräfte in unserem Land heute vorantreiben.

Ich bin überzeugt: Die Auseinandersetzung mit den Diktaturerfahrungen des 20. Jahrhunderts kann helfen, den politischen Gegnern der europäischen Idee entschieden entgegenzutreten, und sie kann auch motivieren, für Freiheit und Demokratie einzustehen. Dafür brauchen wir die Unterstützung der Wissenschaft, dafür brauchen wir die Arbeit unserer Gedenkeinrichtungen, und dafür brauchen wir vor allem die authentischen Orte dieser unserer Geschichte.

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 3/2026