Was ist das Grüne Band? Ein fast 1.400 km langer grüner, bewachsener, teils überwachsener Geländestreifen, der von der Ostsee im Norden bis zum bayrisch-sächsisch-tschechischen Dreiländereck im Süden reicht. Und ein teilweise ebenso grüner Streifen, der die Länder Brandenburg und Berlin trennt, sowie die oftmals graue Trennlinie zwischen ehemaligem Ost- und Westteil Berlins. Oder um es kurz zu sagen: Das Grüne Band ist der heutige Flächenverbund der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze.

Es ist das große, gar nicht hoch genug zu schätzende Verdienst des BUND, sich direkt nach der Öffnung der deutsch-deutschen Grenze dafür stark gemacht zu haben, dass die gefallene Grenze als Grünes Band erhalten bleibt. Schon während der Teilung konnte sich – insbesondere auf dem östlichen Teil der Grenze – eine beeindruckende Fauna und Flora entwickeln. Dörfer waren geräumt worden, die Grenze scharf bewacht, auch das »Hinterland« durfte nur mit Sondererlaubnis betreten werden, und an industrielle Landwirtschaft war kaum zu denken. Aber auch auf der westlichen Seite der Grenze wurde mit Schildern »Halt hier Zonengrenze« sehr nachdrücklich darauf hingewiesen, dass nicht bis an die Grenze gegangen werden durfte.

Diese Sondersituation ließ es zu, dass bedrohte Tier- und Pflanzenarten in diesem Grenzstreifen überleben und sich entwickeln konnten.

Das große Verdienst des BUND besteht darin, sich für den Erhalt dieses Grenzstreifens als Naturschutzgebiet mit aller Kraft einzusetzen. Bereits am 9. Dezember 1989 verabschiedeten Umwelt- und Naturschützer aus der Bundesrepublik und der DDR eine gemeinsame Resolution für den Schutzraum »Grünes Band«. Hier wurde auch der Name geboren. In den 1990er Jahren wurde sich mit Nachdruck für diesen Schutzraum eingesetzt. Es wurde sich mit aller Kraft gegen landwirtschaftliche Übernutzung gestemmt, Flächen wurden aufgekauft und 1999 das Projektbüro Grünes Band, heute Kompetenzzentrum Grünes Band, in Nürnberg gegründet.

Darüber hinaus wurde der Schulterschluss mit anderen europäischen Initiativen gesucht, sodass die »European Green Belt«-Bewegung entstand, die vom Nordmeer bis zum Schwarzen Meer reicht und Umwelt- und Naturschützer aus verschiedenen Ländern eint.

Heute ist das Grüne Band zumindest in Deutschland ein Begriff. Es ist teilweise touristisch erschlossen, Ehrenamtliche übernehmen die Pflege von Flächen, und viele Flächen stehen unter Naturschutz. Bereits seit den 2010er Jahren wird sich für die Anerkennung des Grünen Bands als UNESCO-Weltnaturerbe eingesetzt, und es wurden entsprechende Gutachten vorgelegt, die die Welterbefähigkeit belegen. Von den Anrainerländern setzt sich insbesondere Thüringen bereits seit langem mit Nachdruck für das Grüne Band als Weltnaturerbe ein und hat diverse Projekte finanziell gefördert, um das Vorhaben voranzubringen. Die Kulturministerkonferenz hat im Dezember 2023 entschieden, das Grüne Band auf die Tentativliste für künftige Anmeldungen zum Weltnaturerbe zu setzen und einen Prüfauftrag für die Einreichung einer gemischten Welterbestätte erteilt. Es wäre im Übrigen die erste gemischte Welterbestätte in Deutschland.

Seine Präsenz, seine Bekanntheit und das große lokale, regionale, landes- aber auch bundesweite Engagement für das Grüne Band sind seine Stärke.

Doch was ist die Schwäche? Genau dasselbe. Wenn ich mit Menschen über das Grüne Band spreche, assoziieren die meisten damit ein Naturschutzgebiet. Bereits die Bezeichnung Grünes Band weckt mit dem Adjektiv »grün« sofort die Assoziation, dass es sich um ein Naturschutzvorhaben handelt. Der wichtige kulturelle Aspekt schwingt nicht mit.

Diese Beobachtung schmälert nicht, dass sich der BUND von Beginn an bemüht, die kulturelle Dimension mitzudenken und den Kontakt zu denjenigen sucht und pflegt, die insbesondere die erinnerungskulturelle Dimension des Grünen Bandes im Blick halten. Hierzu zählen beispielsweise die Grenzmuseen oder die verschiedenen Initiativen und Institutionen, die sich für Kunst im öffentlichen Raum entlang der ehemaligen Grenze einsetzen.

Das Grüne Band als Kulturraum zu begreifen und zu erschließen, heißt, sich mit der materiellen und der immateriellen Geschichte des Ortes auseinanderzusetzen.

Die materielle Geschichte manifestiert sich in den Denkmalen an der ehemaligen innerdeutschen Grenze. Hierzu gehören ehemalige Wachtürme, Grenzsteine, der Kolonnenweg und andere Artefakte. Nachdem unmittelbar nach dem Mauerfall zuerst das Bestreben bestand, diese Grenzrelikte abzureißen, begann schon bald die fachliche Auseinandersetzung in den jeweiligen Denkmalschutzämtern vor Ort, die Artefakte unter Denkmalschutz stellten, womit die Verpflichtung verbunden ist, sie zu erhalten. Ebenso gilt es die Bodendenkmale zu erfassen. Eine Aufgabe, die den entsprechenden Behörden vor Ort obliegt.

Doch ist eine solche Erfassung, die eine hoheitliche Aufgabe ist, nur der erste Schritt. Es muss sich wissenschaftlich mit der Frage auseinandergesetzt werden, um was für eine Grenze es sich handelt. Bereits jetzt kann meines Erachtens festgehalten werden, dass eine weltweite Besonderheit darin liegt, dass diese von der DDR erbaute Grenze nicht in erster Linie gegen Feinde von außen gerichtet war, sondern gegen die eigene Bevölkerung, die mit Waffengewalt daran gehindert werden sollte, das Land zu verlassen. Dieses Alleinstellungsmerkmal gegenüber anderen Grenzanlagen, die bereits UNESCO-Welterbe sind oder zur Nominierung anstehen, sollte auf seine Tragfähigkeit geprüft werden.

Eine weitere Herausforderung besteht darin, den Blick von außen einzunehmen. Bereits die für ein UNESCO-Welterbenominierungsverfahren verbindliche Vorprüfung wird von nicht-deutschen Expertinnen und Experten vorgenommen. Im UNESCO-Kontext entscheiden internationale Expertinnen und Experten. Sie werden in der Regel weder von Marienborn noch von Schifflersgrund oder Mödlareuth etwas gehört haben. Die Berliner Mauer wird den meisten etwas sagen, doch kann sie und kann der 1.400 Kilometer lange Grenzstreifen quer durch Deutschland mit dem Limes, mit der Chinesischen Mauer oder anderen UNESCO-Welterbestätten verglichen werden?

Haben sie die gleiche Bedeutung für das Erbe der Menschheit? Was macht den Natur- und Kulturraum Grünes Band im Vergleich mit diesen bestehenden Welterbestätten und anderen Nominierungen aus? Was ist das internationale Alleinstellungsmerkmal? Das im Austausch mit Expertinnen und Experten aus der Wissenschaft herauszuarbeiten oder zumindest den Prozess anzuschieben und zu begleiten, gehört zu den wesentlichen Aufgaben des Büros von BUND und Deutschem Kulturrat, das mit Unterstützung des Thüringer Umweltministeriums beim Deutschen Kulturrat angesiedelt ist. Das Büro soll den Bewerbungsprozess für das Grüne Band als Kultur- und Naturwelterbestätte der UNESCO unterstützen.

Die Nominierung einer Welterbestätte ist ein anspruchsvolles Vorhaben: Sie muss fachlichen Anforderungen standhalten. Sie muss im internationalen Vergleich herausstechen, dies insbesondere bei einer Nominierung aus Deutschland, dem Land, das schon sehr viele UNESCO-Welterbestätten hat. Und es muss ein schlüssiges Managementkonzept vorliegen.

Letzteres stellt alle Anrainerländer des Natur- und Kulturraum Grünes Band vor die Herausforderung, über die eigene Landesgrenze hinaus Verantwortung zu übernehmen. Besonders herausfordernd ist dabei, Kultur und Natur zusammendenken und hieraus eine schlüssige, nachvollziehbare und nachhaltige Konzeption zu entwickeln.

Der Natur- und Kulturraum Grünes Band ist eine große Chance für Deutschland und auch Europa zu zeigen, wie eine brutale Grenze durch den Mut von Menschen überwunden wurde, ohne dass auch nur ein Schuss fiel und kein Mensch dabei getötet wurde. Gerade in der heutigen Zeit ist dieses Beispiel wichtiger denn je.

Der Natur- und Kulturraum Grünes Band ist das Symbol der friedlichen Revolution in Deutschland, ein Teil der deutschen Geschichte auf den wir gemeinsam wirklich stolz sein können.

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 3/2026