Es ist Krieg im Iran! In einer westiranischen Provinz ist das archäologische Museum mit seiner Sammlung gefährdet. Die beweglichen Objekte – unersetzliche Zeugnisse jahrtausendealter Zivilisation – wurden daher schnell evakuiert, die bedeutenden Exponate mussten bleiben. Auch das Museum selbst ist ein schützenswertes historisches Baudenkmal und bleibt der Gefährdung durch Waffenbeschuss ausgesetzt. Mehr lassen die institutionellen Kapazitäten aber nicht zu.
Was auf dem Spiel steht, lässt sich kaum messen – denn das, was bedroht wird, ist weit mehr als ein einzelnes Museum.
Iran ist seit Jahrtausenden ein Schnittpunkt der Zivilisationen und Knotenpunkt des kulturellen Austauschs und Handels entlang der Seidenstraße. Dabei gibt es noch ein großes Erforschungspotenzial. Koloniale Strukturen und spektakuläre Funde in Mesopotamien haben dazu geführt, dass Iran wissenschaftlich lange zu Unrecht als Randlage behandelt wurde. Das Land zählt jedoch zu den ältesten Kulturregionen der Welt. Trotz aller Krisen wurden Iran bereits 27 UNESCO-Welterbestätten zuerkannt. Die bekanntesten liegen im safavidischen Isfahan (16./17. Jahrhundert) mit seinen prachtvollen Moscheen. Weitere sind die achämenidische Königsresidenz Persepolis (6.-4. Jahrhundert v. u. Z.) oder das elamitische Tschogha Zanbil (13. Jahrhundert v. u. Z.).
Mit der islamischen Revolution im Jahr 1979 verschob sich der Fokus auf den Schutz und die Erforschung islamischer Stätten; zugleich wurde die internationale Zusammenarbeit stark eingeschränkt. Erst in den 2000er Jahren war es beispielsweise deutschen Archäologen wieder möglich, Kooperationsprojekte im Iran durchzuführen. Der Beginn der Frau-Leben-Freiheit-Bewegung 2022 brachte jedoch erneute Beschränkungen durch die iranischen Behörden mit sich.
Doch wie soll Kulturgut nachhaltig geschützt werden, wenn das Land seit Jahrzehnten unter Sanktionen ächzt und fast durchgängig wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und sicherheitspolitischen Problemen gegenübersteht? Wie soll unabhängig geforscht und kontinuierlich dokumentiert werden, wenn Regierung und Bevölkerung sich immer weiter voneinander entfernen – sogar staatliche Gewalt das Land erschüttert? Iran befindet sich quasi permanent in Krisen, und nun im Krieg: Darunter leiden Kulturerbestätten und Museen ebenso wie das immaterielle Kulturerbe und damit die kulturelle Identität des Landes insgesamt.
Die jüngsten Kriegsschäden machen dies greifbar. Anfang März zerbarsten bei einem Raketenangriff im Zentrum Teherans Spiegelmosaike, Fenster und Architekturteile des Golestan-Palasts (19. Jh.), ein UNESCO-Weltkulturerbe. Beim Beschuss von Regierungseinrichtungen wurden zudem Teile der Welterbestätte in Isfahan (17. Jh.) beschädigt. Immaterielles Kulturerbe lebt vor allem in Menschen und sozialen Praktiken weiter – es ist sehr fragil: Menschen sterben, wandern ab, und der Brain Drain reißt Wissen unwiederbringlich fort.
Verschärfend wird Kulturerbe in Konflikten zunehmend gezielt angegriffen – zur Kriegsfinanzierung durch Artefaktverkauf oder zur Zerstörung der kulturellen Identität des Gegners. Bereits im Jahr 2020 drohte Präsident Donald Trump, 52 iranische Kulturstätten angreifen zu wollen.
Der Schutz des Kulturerbes beginnt allerdings nicht erst mit Evakuierungsmaßnahmen in Museen, sondern viel früher: bei der Forschung und Dokumentation sowie in der institutionellen Organisation. Nur Stätten, von denen bekannt ist, dass sie schützenswert sind, können auch geschützt werden – wenngleich dies auch zum Widerspruch werden kann: Was erfasst und lokalisiert ist, kann auch gezielt zerstört werden. Dennoch bleibt eine Dokumentation unverzichtbar. Dies gilt in Friedenszeiten bei Baumaßnahmen, beim Klimawandel oder bei Naturkatastrophen und im Krieg – wo Bombardierungen ohne Register blind treffen und nicht als Kriegsverbrechen geahndet werden können.
Die Voraussetzungen, um nach dem Krieg wieder aufzubauen und weiterzuforschen, sind trotz allem vorhanden: Die iranische Archäologie und Kulturerbe-Governance hat sich seit über 25 Jahren stark entwickelt. Unter dem Dach des Kulturministeriums (MCHTO) arbeiten zahlreiche kompetente Kulturschaffende, Archäologinnen, Konservatoren und andere Fachleute, beispielsweise im ICAR (Iranian-center-for-archaeological-research) oder im RCCCR (Research Center for Conservation of Cultural Relics), das sich dem Erhalt und der Restaurierung von archäologischen Kulturgütern widmet. Jede iranische Provinz hat ihre eigene lokale Kulturbehörde (Mirās Farhangī), die für das Kulturerbe der Region verantwortlich ist. Iran verfügt über leistungsstarke Universitäten und trotz Einschränkungen wurde umfangreich geforscht und dokumentiert. Systematisierte Grabungsberichte könnten beispielsweise eine wertvolle Basis für künftige Forschung bilden. Obwohl politische Hürden und Sanktionen die nationale Forschung und auch die internationale Zusammenarbeit wiederholt unterbrochen oder erschwert haben, wurde bereits eine gute Basis geschaffen und einzelne internationale Projekte konnten realisiert werden. Diese Daten und Netzwerke lassen sich in Zukunft nutzen.
Zu hoffen bleibt, dass zumindest nicht gezielt gegen die kulturelle Identität des iranischen Volkes vorgegangen wird und sobald Forschung und Kooperation wieder möglich sind, bestehen gute Voraussetzungen für Schutz und Wiederaufbau. Die Iraner sind stolz auf ihr Kulturerbe – selbst ein kleines Provinzmuseum, das jetzt nahezu leer steht, verzeichnete bis zu 50.000 Besucher jährlich. Es ist ein Erbe, das Bewahrung verdient – und einfordert.