Im Mai 2006 begann etwas, das eine Erfolgsgeschichte werden sollte. Die deutsche Kulturgutlandschaft hatte mit dem Elbehochwasser 2002 und dem Brand in der Herzogin Anna Amalia Bibliothek 2004 Erschütterungen erlebt, die zeigten, dass der Schutz von Sammlungen und Kulturbauten keine Gewissheit ist. Eine von uns im Auftrag der Konferenz Nationaler Kultureinrichtungen (KNK) organisierte Tagung in Leipzig 2006 brachte einen guten Impuls, um dem Thema Sicherheit mehr Aufmerksamkeit zu schenken, zeigte vor allem aber auch, dass sich die zuständigen Einrichtungen oft überfordert fühlten und es an Anleitung und zugänglicher Expertise fehlte – vom Geld einmal ganz abgesehen. Ein Zustand, der so nicht bleiben konnte.
Wir, das Team Dohrmann/Siegel, entschlossen uns daraufhin, für Abhilfe zu sorgen und – angedockt an die KNK und finanziert aus Mitteln des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) – einen Sicherheitsleitfaden zu entwickeln: Entstanden ist ein digitales Instrument, für alle zugänglich und niedrigschwellig zu verwenden, als Hilfe zur Selbsthilfe und voller Expertise, immer mit dem Ziel der Prävention. Das Tool SiLK – SicherheitsLeitfaden Kulturgut war »geboren« und ging 2010/2012 online. Seither wird es von Einrichtungen jeglicher Größe, Trägerschaft und Sammlungsart rege genutzt und als sehr nützliches Hilfsmittel eingestuft. Wegen seiner Innovationskraft wurde es 2016 mit dem erstmals von der Fachzeitschrift KulturBetrieb und dem Onlineportal KulturBewahren verliehenen »Riegel – KulturBewahren. Preis für Schutz, Pflege und Ausstellen von Kunst- und Kulturgut« ausgezeichnet. Eine 2017 erstellte englische und eine 2020 veröffentlichte arabische Version ermöglichen inzwischen sogar eine weltweite Nutzung.
Doch was macht das SiLK-Tool so besonders und begründet den nachhaltigen Erfolg? SiLK vermittelt durch seine niedrigschwelligen Fachtexte nicht nur wichtige Informationen und Kenntnisse, sondern ermöglicht mithilfe von interaktiven Fragebögen zu den Themen Brand, Flut, Diebstahl, Vandalismus, Havarien, Unfälle, Abnutzung, Klima, Licht, Schädlinge, Schimmel, Schadstoffe, Unwetter, Erdbeben, Gewalttaten, Krieg und Sicherheitsmanagement eine passgenaue Analyse des Sicherheitsstandards einer Einrichtung und gibt individuelle Handlungsempfehlungen. Damit lässt es die Nutzerinnen und Nutzer nicht mit einem womöglich frustrierenden Evaluationsergebnis allein, sondern bietet zeitgleich mit der Schwachstellenermittlung geeignete Lösungsmöglichkeiten und konkrete Informationen zur Verbesserung des Status quo.
Das SiLK-Tool setzt einen Standard, der der Einschätzung und Umsetzung von erforderlichen Sicherheitsfeatures dient. So verwundert es nicht, dass es sich – jenseits der Kernidee, ein Beratungsinstrument für Sammlungseinrichtungen zu schaffen – auch in vielen anderen Bereichen durchgesetzt hat: z. B. in Lehre und Weiterbildung für Museologinnen, Volontäre und Restauratorinnen oder bei Fachplanern und Gutachterinnen in der Konzeption und Planung von Bauten und Ausstellungen. SiLK ist inzwischen ein anerkannter Maßstab für Politik, Verwaltung und Management geworden, hilft Politikerinnen und Politikern, die Sachlage einzuschätzen, und Verantwortlichen, erforderliche Mittel für den Erhalt ihrer Kulturgüter zu begründen. Bezüglich Umfang und Anwendungsvielfalt kann SiLK nicht nur im deutschsprachigen Raum, sondern auch international ein Alleinstellungsmerkmal beanspruchen und ist dadurch zu einer anerkannten Marke im Kulturguterhalt geworden.
Doch nicht nur das SiLK-Tool trägt zur Stärkung des Kulturgutschutzes bei. Das SiLK-Team veranstaltet darüber hinaus große Fachtagungen, hält Vorträge, gibt Seminare, publiziert, arbeitet in Gremien mit, ist Ansprechpartner für die Presse, bedient ein großes, auch internationales Netzwerk und ist damit auch Botschafter für den deutschen Kulturgutschutz.
Doch das 20. Jubiläum legt nicht nur eine Bilanz des Erreichten, sondern auch einen Ausblick auf das Geplante nahe und formuliert die Frage, wie diese Erfolgsgeschichte fortgeschrieben werden kann. Das SiLK-Tool und die ergänzenden Grundsatzaufgaben werden von uns im Zweierteam konzipiert, realisiert und evaluiert. Trotz öffentlicher Krisen und leerer Kassen ist es gelungen, das Flaggschiff des Kulturgutschutzes durch alle Unwetter und Untiefen der öffentlichen Strukturen zu steuern, stets am Rande der Prekarität und mit oft nur kurzfristigen und eng limitierten Mitteln. Aus diesen Gründen arbeiten wir an einer Verstetigung der aufgebauten Strukturen, die das gesammelte Wissen langfristig erhält und sichert, sowie an einem Ausbau von Themen und Wirkungsradius, da allzu viele dringliche Aufgaben wegen mangelnder Kapazitäten am Wegesrand liegen bleiben. Die erforderlichen Kompetenzen sind erworben, Konzepte entwickelt, ein Bewusstsein ist auf Fachebene inzwischen vorhanden und die Bedeutung des Kulturgutschutzes – nicht zuletzt aus den Erfahrungen in der Ukraine – unumstritten. Dennoch bricht gerade jetzt die Finanzierung für SiLK ein, da sich das Thema zwischen vielfältigen Ressortzuständigkeiten im deutschen Föderalismus zu verlieren droht. Es ist ein Gebot der Stunde, das Erreichte zu sichern und weiterzuentwickeln und Deutschland durch eine Etablierung und langfristige Finanzierung von SiLK zu einer weltweit führenden Rolle im Kulturgutschutz zu verhelfen.