Sohrab Shahid Saless (1944-1998) prägte das iranische Kino ebenso wie den Neuen Deutschen Film – und ist heute dennoch kaum bekannt. Der Germanist und Journalist Behrang Samsami recherchiert seit Jahren zu ihm. Mit Politik &Kultur spricht er über Leben, Werk und Wiederentdeckung eines außergewöhnlichen Regisseurs.

Theresa Brüheim: Auf der Berlinale 1974 erhielt Sohrab Shahid Saless für seine ersten beiden, im Iran gedrehten Filme »Ein einfaches Ereignis« und »Stillleben« gleich sechs Preise, für »Stillleben« sogar den Silbernen Bären. Ab 1974 lebte er im westdeutschen Exil und realisierte bis 1991 13 Spiel- und Dokumentarfilme, die meisten für öffentlich-rechtliche Sender. Das ist eine beeindruckende Anzahl. Trotzdem kennt man seinen Namen heute in Deutschland kaum. Wer war Sohrab Shahid Saless?

Behrang Samsami: Sohrab Shahid Saless ist eine Ausnahmeerscheinung. Mit seinen ersten beiden Filmen wurde er in den 1970er Jahren zu einem Impulsgeber für das anspruchsvolle und sozialkritische Kino in seinem Geburtsland, für die iranische »Neue Welle«. Mit beiden Filmen schaffte er es auch, 1974 nach West-Berlin eingeladen zu werden. Zurück in Teheran, begann er die Arbeit an einem dritten Film, die aber – auch aufgrund seines Auftretens – von höherer Stelle unterbrochen wurde. Saless floh nach West-Berlin, wo ein neues Filmprojekt auf ihn wartete. Auch weil er in den 1960er Jahren in Wien Deutsch gelernt hatte, konnte er in der Bundesrepublik weiterarbeiten und wurde Teil des Neuen Deutschen Films.

Eine solche Laufbahn zwischen Iran und Deutschland gibt es kein zweites Mal. Saless war auch hierzulande zugleich anerkannt und Außenseiter: Seine Filme wurden auf Festivals gezeigt, prämiert und von Kritikern und Kollegen geschätzt. 1984 wurde er in die Akademie der Künste aufgenommen. Wegen seines Aufenthaltsstatus durfte er zwar als Drehbuchautor und Regisseur arbeiten, nicht aber als Produzent. Diese Außenseiterrolle hat Saless in der Folge bewusst gepflegt – auch um sich einen kritischen Blick auf die hiesigen Verhältnisse zu bewahren.

Warum ist er heute vielen unbekannt?

Nach »Rosen für Afrika« (1991) konnte Saless kein Projekt mehr realisieren und ging krank, aber hoffnungsvoll in die USA. Nach seinem Tod 1998 blieb sein Nachlass verstreut. Es gab keine hiesige Institution, die sich damals um Werk und Materialien gekümmert hätte. Die Islamische Republik hatte auch kein Interesse – vermutlich, weil Saless Kommunist war. In Oldenburg eröffnete der Iraner Farschid Ali Zahedi die private Dokumentationsstelle Sohrab Shahid Saless mit Originalmaterialien des Regisseurs. 2017 wurde sie jedoch geschlossen. Hinzu kommt eine Ironie der Geschichte: Das öffentlich-rechtliche Fernsehen, das Saless viele Filme ermöglichte, war – ohne Absicht – auch ein Grund für sein Verschwinden aus dem Gedächtnis. In der analogen Zeit wurden seine Filme gesendet, wiederholt und landeten im Archiv. Erst 2016 gab es wieder eine Retrospektive in Berlin, die den Beginn seiner Wiederentdeckung markierte.

1991 drehte Saless mit »Rosen fürAfrika« seinen letzten Film in Deutschland. Warum konnte er danach hier nicht mehr arbeiten?

Seine langsame, kontemplative, dokumentarisch geprägte Art passte nach der Wiedervereinigung nicht mehr zu den Interessen der Fernsehredaktionen, in denen inzwischen auch eine andere Generation arbeitete. Damals verstärkte sich die Bedeutung der Quote als Kriterium. Hinzu kamen gesundheitliche Probleme bei Saless. Er war aber bis zuletzt produktiv und schrieb Drehbücher. Man traute ihm vieles aber nicht mehr zu. Und Angebote, bei denen er sich hätte anpassen müssen, lehnte er ab. Er wollte keine Kompromisse machen.

25 Jahre nach seinem Tod haben Sie mit »Die langen Ferien des Sohrab Shahid Saless« die erste umfassende deutschsprachige Darstellung seines Lebens und Werks vorgelegt. Im ersten Band Ihrer Trilogie sprechen Sie von einem »cineastischen ›Gastarbeiter‹«.

Als Saless 1974 nach West-Berlin kam, konnte er mit dem Produzenten Otto Erich Kress einen Film machen. Dieser soll ihm geraten haben, einen Stoff über »Gastarbeiter« zu verfilmen und sich den Einstieg in die hiesige Filmbranche zu erleichtern. Auch andere Regisseure befassten sich damals mit dem Leben von Ausländern, etwa Rainer Werner Fassbinder in »Angst essen Seele auf«. So entstand Saless’ Film »In der Fremde« über türkische Arbeiter. Das Thema passte zu seinen eigenen Erfahrungen, die er in den 1960er Jahren in Wien und Paris gesammelt hatte: einsam und fremd zu sein und von oben herab behandelt zu werden, wenig oder kein Geld zu haben und krank zu werden, so wie er an Tuberkulose.

»Cineastischer ›Gastarbeiter‹« spielt aber auch auf Saless’ Blick auf seine anfängliche Situation in West-Berlin und sein gespanntes Verhältnis zu seinem Produzenten an. Einerseits war Saless als international anerkannter Regisseur Kress mit Sicherheit dankbar, weiter Filme machen zu können. Andererseits scheint er sich – auch finanziell – unfair behandelt gefühlt zu haben.

Was macht sein Werk aus?

Für das moderne iranische Kino ist Saless bedeutend, weil er mit »Ein einfaches Ereignis« erstmals das Kind als Protagonisten ins Zentrum gerückt hat. Im Mittelpunkt steht ein 10-Jähriger, der mit seiner Familie in ärmlichen Verhältnissen am Kaspischen Meer lebt. Der Mutter hilft er zuhause und dem Vater beim illegalen Fischfang. Dem Jungen bleibt kaum Zeit für die Schule. Er ist immerzu am Rennen und hat keine schöne Kindheit.

Aus der Perspektive von Kindern lassen sich an der Zensur vorbei politische und sozialkritische Geschichten erzählen. Das hat viele Regisseure geprägt. Es finden sich wenige im Iran, die nicht ein Kind als Hauptfigur eingesetzt haben, etwa Abbas Kiarostami, der sogar älter als Saless war, in »Wo ist das Haus meines Freundes?« oder Jafar Panahi in »Der weiße Ballon«.

Und noch etwas ist für Saless’ Filme kennzeichnend: Die langen, ruhigen Einstellungen geben die Möglichkeit, in die Lebenswelten der Figuren einzutauchen. Man kann sie dadurch genau beobachten, so dass ihre Handlungen fast sozialpsychologisch lesbar werden. Saless’ Filme zeigen in der Regel Außenseiter, einsame, beschädigte, leidende, hilflose Menschen, die an sich selbst oder ihrem Umfeld scheitern.

Welche Themen machen seine Filme bis heute aktuell?

Saless sagte selbst, er wolle mit seinen Filmen Dokumente seiner Zeit schaffen. Und das sind sie. Die Filme thematisieren die »Vereisung« von Menschen und die Unfähigkeit, sich und andere anzunehmen, zu lieben und zu kommunizieren. Sie zeigen auch die Kehrseite: Härte und Gewalt gegen sich und andere, gesellschaftliche Kälte und Rassismus, die »Flucht« in Oberflächlichkeit und Materialismus. Die Figuren bei Saless sind Teil von Strukturen, aus denen sie nicht herausfinden. Darin liegt die Aktualität der Filme. Es sind Filme über grundlegende Erfahrungen der Menschen im Zeitalter der Moderne, die Saless’ Nähe zu Anton Tschechow, seinem Vorbild, aber auch zu Albert Camus und Franz Kafka zum Ausdruck bringen.

Sein Werk hat auch einen Beitrag für die deutsche Erinnerungskultur geleistet.

Saless hat in Dokumentar- und Spielfilmen wie »Die langen Ferien der Lotte Eisner« (1979) oder »Ordnung« (1980) gezeigt, wie stark die NS-Zeit die Bundesrepublik weiterhin geprägt hat. In »Die langen Ferien der Lotte Eisner« würdigt er die gleichnamige deutsch-jüdische Filmhistorikerin, die 1933 nach Frankreich fliehen musste. Ab 1945 war Eisner für drei Jahrzehnte Chefkonservatorin der Cinémathèque française, Autorin bedeutender Filmbücher und eine wichtige Unterstützerin des Neuen Deutschen Films. Auch darin liegt eine besondere Perspektive: Saless, ein späterer »Weltenwanderer« blickt auf eine frühere Exilierte und auf die deutsche Geschichte.

Herbert Achternbusch, deutscher Schriftsteller, Regisseur und Maler, hat über Saless gesagt: »Der persische Regisseur, der die besten deutschen Filme macht, heißt Sohrab Shahid Saless.« Wie wurden seine Filme von seinen Zeitgenossen aufgenommen?

Insgesamt sehr positiv. Kritiker in der Bundesrepublik, in Europa und den USA würdigten den besonderen Blick auf die Bundesrepublik. Die Filme gaben dem Publikum die Möglichkeit, Deutschland mit anderen Augen zu sehen. Gleichzeitig fanden sie trotz Festivalerfolgen meist keinen regulären Verleih im Ausland. Das trug später zu ihrer geringen Sichtbarkeit bei.

Welchen Film sollte man unbedingt sehen?

»Ein einfaches Ereignis«, »Grabbes letzter Sommer« über den Niedergang des gleichnamigen Dramatikers aus dem Vormärz sowie »Wechselbalg« über eine Hausfrau, die an ihrer Rolle als Pflegemutter scheitert. Diese Filme zeigen besonders eindrücklich, wie präzise Saless das Unausgesprochene, Verletzungen, Abhängigkeiten und Abgründe sichtbar machen konnte.

Wo kann man seine Filme heute finden?

Noch nicht restaurierte Fassungen der im Iran entstandenen Spielfilme findet man online, etwa auf YouTube. Die in der Bundesrepublik realisierten Filme sind inzwischen mit finanzieller Hilfe der Filmförderungsanstalt (FFA) zu einem Großteil restauriert und digitalisiert worden. Diese Entwicklung geht zurück auf eine Kooperation des Goethe-Instituts, des von ihm mit initiierten Shahid Saless Archive, der damals involvierten TV-Sender und Produktionsfirmen sowie von Unternehmen wie Film Shift. Auf filmportal.de sind Filmanfänge zugänglich. »Utopia« (1983), Saless’ in Deutschland bekanntester Film, und »Ein Unding der Liebe« (1988), zu dem er das Drehbuch beisteuerte, sind bereits seit mehreren Jahren auf DVD erhältlich. Außerdem finden inzwischen immer wieder Retrospektiven statt.

Wie wird heute im Iran auf Saless geblickt?

Nach der Emigration wurde er dort zu einer Art »mythischen« Figur. Man kannte sein Leben im Iran und seine dort entstandenen Filme, wusste über seinen weiteren Werdegang insgesamt aber wenig. Meine Trilogie zielt auch darauf, den Lebensweg von Saless in der Bundesrepublik auf der Grundlage von Recherchen, Dokumenten und Interviews nachzuzeichnen. Das Interesse im Iran an Saless ist groß. 2017 fand in Teheran eine Retrospektive ausgewählter Filme von ihm statt, die er in der Bundesrepublik gedreht hat. Ich erhalte inzwischen Anfragen und führe Gespräche. Das gilt auch für Iraner im Ausland, die mehr über Saless’ »deutsches« Werk erfahren wollen.

Was zeichnet das iranische Kino insgesamt aus?

Das Besondere daran ist, dass es eine Begegnung der iranischen mit ausländischen Filmkulturen darstellt. Ab den 1950er Jahren gingen junge Iraner verstärkt ins Ausland, lernten Sprachen, studierten Film oder andere Fächer und kehrten in den Iran zurück. Sie wollten, beeinflusst etwa vom italienischen Neorealismus und der französischen Nouvelle Vague, ein anspruchsvolles und auch sozialkritisches Kino schaffen, das die Wirklichkeit im Land widerspiegelte. Damit stand die iranische »Neue Welle« mit Regisseuren wie Dariush Mehrjui, Masoud Kimiai und Bahram Bayzai konträr zu einheimischen Unterhaltungsfilmen und Importen aus den USA und Indien.

Da kritische Filmemacher in der Schah-Zeit als auch später in der Islamischen Republik mit staatlicher Beeinflussung und Zensur umgehen mussten und nach wie vor müssen, war und ist der iranische Film auch ein Raum für die Suche nach Wirklichkeit und ein Ort des Widerstandes. Um Eingriffen und Verboten zu entgehen, werden Geschichten vieldeutig erzählt, wird mit Symbolen und Metaphern gearbeitet. Dieses Kino war und ist zugleich aber auch voller Poesie, Zartheit, Natur und Kontemplation. Der Reichtum an Bildern auch infolge der Multiethnizität Irans, die Behandlung elementarer menschlicher Themen und die mehrschichtige »Lesbarkeit« prägen das iranische Kino bis heute – und darin spielt auch Saless eine wichtige Rolle.

Behrang Samsami veröffentlichte die Buchtrilogie »Die langen Ferien des Sohrab Shahid Saless. Annäherungen an ein Leben und Werk«.

Vielen Dank.

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 5-6/2026