Die Arbeit und die Innovationskraft jüdischer Wissenschaftler, Erfinder und Unternehmer im deutschsprachigen Raum haben in erheblichem Maße seit spätestens 1848 zum wirtschaftlichen Erfolg Deutschlands beigetragen. Diese Gruppe bildete kaum ein Prozent der Gesamtbevölkerung, war agil, selbstbewusst und entstammte überwiegend dem liberal geprägten Judentum. Die im Kaiserreich entwickelten besonderen wissenschaftlichen und unternehmerischen Qualitäten der jüdischen Gemeinschaft finden wir – nach dem Grauen der Shoah, Exil und Vertreibung – heute in der israelischen Hightech-Industrie.

Der Wirtschaftshistoriker und Nobelpreisträger 2025 Joel Mokyr, erklärt wirtschaftlichen Fortschritt als Ergebnis offener Wissenssysteme. Wissen – so Mokyr – ist kein nationales Gut. Wissen entsteht in Netzwerken, durch Bildung, Austausch, Mobilität und die Weitergabe über Generationen hinweg.

Die jüdische Geschichte steht hierfür als ein Beispiel. Bildung und Mobilität spielen in ihr die zentrale Rolle. Jahrhunderte der Ausgrenzung und Verfolgung führten zu innerjüdischen Bildungs-, Handels- und Kommunikationsräumen. Familienbeziehungen, religiöse Netzwerke und wirtschaftliche Kontakte überwanden Grenzen und Nationalitäten. Exil und Vertreibung – seit Jahrtausenden Teil jüdischer Lebensrealität – wurden immer wieder als Chance für einen Neuanfang genutzt und wurden zu Innovationstreibern.

Bis weit in das 19. Jahrhundert unterlagen Juden im deutschsprachigen Raum massiven rechtlichen Beschränkungen. Der Zugang zu Zünften, zu vielen Berufen und Landbesitz war verwehrt. Übrig blieben nur wenige Tätigkeiten wie Handel, Viehhandel und der den Christen verbotene, persönlich oft gefährliche Geldverleih.

Diese Diskriminierung hinderte die jüdischen Gemeinschaften aber nie an der Ausbildung ihrer Kinder, Grundlage ihrer späteren Erfolge. Von Kindesbeinen an lernten jüdische Kinder lesen und schreiben, die Jungen wurden darüber hinaus im religiösen Studium von Tora und Talmud geschult. Die jüdische Bevölkerung konnte also im Gegensatz zu ihrer christlichen Mehrheitsgesellschaft lesen und schreiben, auf dem Land, in der Stadt, auch in nichtbürgerlichen, einfachen landwirtschaftlichen Verhältnissen. Aber es ging nicht nur um das Lesen und Schreiben. Das Studium der religiösen Texte förderte analytisches Denken, Kritikfähigkeit und Lust am Diskurs. Die jüdische unterdrückte Gemeinschaft verfügte über Bildung, lange vor der Einführung der allgemeinen Schulpflicht in der Weimarer Reichsverfassung von 1919. Dieses »Bildungskapital« bildet den ersten Pfeiler für den oben beschriebenen Erfolg.

Der zweite Pfeiler ist die Mobilität. Das diskriminierende Verbot des Landbesitzes führte zu Bewegung. Familien zogen in Regionen, in denen sich ökonomische Möglichkeiten boten und sie relativ sicher waren.

Nach der Revolution 1848/1849, vor allem aber nach der Reichsgründung 1871 wurden die rechtlichen Beschränkungen für Juden sukzessive aufgehoben. Die industriellen Entwicklungen boten eine Fülle neuer Möglichkeiten, und viele Juden nutzten diese Chancen. Sie verfügten über Bildung und waren mobil. Sie hatten Fähigkeiten und Lust auf Unternehmertum.

Jüdische Unternehmer und Erfinder spielten eine zentrale Rolle beim Aufbau moderner Industrien. Das zeigt folgende Statistik: Der noch heute wichtige und aktive »Verein der Berliner Kaufleute und Industrieller« (VBKI) hatte zu Beginn der 1930er Jahre ca. 3.000 Mitglieder. Er war der größte und einflussreichste Wirtschaftsclub der Weimarer Republik. Über 50 Prozent seiner Mitglieder und 80 Prozent des Präsidiums waren vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten jüdisch beziehungsweise jüdischer Abstammung.

Der weit überproportionale Beitrag jüdischer Erfinder und Unternehmer am Aufbau einer deutschen Industrienation ist anhand der Geschichten und Schicksale gerade größerer Unternehmen, wie z. B. AEG, Beiersdorf, Hapag Lloyd oder M. M. Warburg gut dokumentiert. Ein flächendeckender, auch den Mittelstand und kleinere Unternehmen umfassender Gesamtüberblick fehlt derzeit noch.

Noch immer herrschen Unklarheit und Unwissen über ehemals jüdische Unternehmen und ihr Schicksal. Eine aktuelle Studie der Gesellschaft für Unternehmensgeschichte (GuG) aus dem Jahr 2024 zeigt auf, dass von 1.250 vor 1945 gegründeten deutschen Unternehmen bisher nur acht Prozent ihre Geschichte mit Bezug auf die NS-Zeit professionell haben aufarbeiten lassen. Bei Familienunternehmen sind es weniger als zwei Prozent. Viele jüdische unternehmerische Erfolgsgeschichten liegen noch immer im Verborgenen. Die Nationalsozialisten haben nicht nur die Menschen verfolgt, beraubt, ermordet und vertrieben, sondern auch jüdische Unternehmen arisiert, somit gestohlen, Firmennamen geändert und alle Hinweise auf frühere jüdische Eigentümer systematisch beseitigt.

Mit der nationalsozialistischen Machtübernahme wurde Deutschlands wissenschaftliche und unternehmerische Struktur stark beschädigt. Innerhalb weniger Jahre verloren die Universitäten rund ein Fünftel ihres wissenschaftlichen Personals, an besonders wichtigen Universitäten wie Berlin und Frankfurt sogar über ein Drittel. Vertrieben wurden viele exzellente Köpfe ganzer Disziplinen. In den Bereichen Chemie, Physik und Medizin traf der Verlust das wissenschaftliche und intellektuelle Rückgrat der deutschen Forschung. Ein historisch einmaliger »Braindrain« erfasste Deutschland.

Dieser »Braindrain« führte insbesondere in zwei anderen Ländern zu neuen Wissenszentren. Die USA und das britische Mandatsgebiet Palästina nahmen die vertriebenen Wissenschaftler und Unternehmer freudig auf. Wie der Physiker Leó Szilard rückblickend festhielt, trieb Hitler mit seiner Verfolgungspolitik die wissenschaftliche Elite Europas in die amerikanischen Labore. Empirische Studien belegen, dass in der Folge dieser Vertreibung in innovationsintensiven Bereichen, wie z. B. der Chemie, die Zahl der Patentanmeldungen in den USA signifikant anstieg. Szilárd selbst wurde Mitinitiator des sogenannten Manhattan-Projekts – ein Symbol dafür, wie deutsches Wissen andernorts produktiv wurde.

In Israel entwickelten die Emigranten aus Deutschland und Europa wissenschaftliche und staatliche Strukturen. Israel ist arm an Ressourcen, Forschung und Wissenschaft wurden zum Staatsprojekt. Chaim Weizmann, Chemiker und erster Staatspräsident Israels, war davon überzeugt, dass ein moderner Staat ohne Wissenschaft keine Zukunft haben könne. Die Ben-Gurion-Universität des Negev beruht auf der Vision von Israels erstem Premierminister David Ben-Gurion. Er wollte ein »Oxford in der Wüste« schaffen und mit Hilfe von Wissenschaft die Wüstenlandschaft, den Negev, entwickeln. In ganz Israel konzentrieren sich heute auf engstem Raum weltweit führende und innovative Forschungsinstitute. Flexible Strukturen, unternehmerisches Handeln und Vernetzung mit Militär und Wirtschaft erlauben der Wissenschaft und Forschung, ihre Ergebnisse in wettbewerbsfähige Produkte zu überführen. Die Grundlage für die Start-up-Nation Israel bildet ihre Vielzahl erfolgreicher Technologieunternehmen wie z. B. Mobileye, Wiz, Torq oder das bereits 1965 gegründete Unternehmen Netafim, Weltmarktführer der Tröpfchenbewässerung.

Für den nachhaltigen Erfolg der Start-Up-Nation Israel ist auch ein weiterer Faktor von Bedeutung. Mit der Flucht und Vertreibung der Juden aus Deutschland gingen die über Jahrhunderte gewachsenen innerjüdischen transnationalen Bildungs-, Handels- und Kommunikationsräume nicht verloren; sie wurden geografisch verlagert – vor allem nach Amerika und Israel –, während sich Deutschland von diesen Netzwerken selbst abgeschnitten hatte.

Diese Netzwerke fungieren bis heute als zentrale Wissens- und Kapitalressource, wie die symbiotische Verbindung zwischen der israelischen und der amerikanischen Hightech-Venture-Capital-Industrie sowie ihre engen Kapitalmarktverflechtungen belegen. Israel gehört konsistent weltweit zu den drei Ländern mit dem höchsten Venture-Capital-Investment pro Kopf (2025: ca. 1.500 US-Dollar pro Kopf). Deutschland hingegen liegt mit einem Investitionsvolumen von ca. 100 US-Dollar pro Kopf in 2025 weit zurück.

Deutschland durchläuft derzeit einen nicht aufzuhaltenden Deindustrialisierungsprozess. Anstatt alte Industrien zu subventionieren, sollten wir nach vorne schauen und unsere Mittel und Möglichkeiten nutzen, um Deutschlands High-Tech-Industrien zu stärken. Ein Blick auf das Modell der Start-up-Nation Israel kann dabei helfen. Die deutsche Modernisierungsagenda sollte sich unter anderem das Ziel setzen, an jene jüdischen Bildungs- und Innovationslinien anzuknüpfen, die einst zu seinen produktivsten gehörten. Die wissenschaftliche wie ökonomische Zusammenarbeit mit der Start-up-Nation Israel sollte konsequent vertieft werden.

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 5-6/2026