Die deutsch-israelischen Kulturbeziehungen sind in Bewegung – das birgt Chancen, aber auch Risiken: Es können sich Räume wechselseitiger Resonanz öffnen, oder es kommt – bei ausbleibendem Dialog – zu wachsender Distanz und Sprachlosigkeit. Dieses Spannungsverhältnis ist 60 Jahre nach Aufnahme diplomatischer Beziehungen und zwei Jahre nach dem Massaker der Hamas vom 7. Oktober spürbar. Wo steht der deutsch-israelische Kulturaustausch heute? Wie hat er sich in den vergangenen zehn Jahren entwickelt? Diesen Fragen gehen wir in der Publikation »Resonanzen. Die deutsch-israelischen Kulturbeziehungen. Bestandsaufnahme, Trends und Empfehlungen« nach, die vom Institut für Neue Soziale Plastik herausgegeben wird. Dazu haben wir den Kulturaustausch in den Künsten, den Jugend- und Schulaustausch, den Wissenschaftsaustausch, den gesellschaftlichen Dialog und weitere Begegnungsforen untersucht.

Vor dem Hintergrund des Zivilisationsbruchs der Shoa galten offizielle Beziehungen zwischen Deutschland und Israel lange als undenkbar. Es waren Einzelpersonen, die durch ihre persönlichen Beziehungen die ersten Brücken zwischen beiden Staaten bauten. So kann der Jugendaustausch zum Beispiel in diesem Jahr sein 70. Jubiläum feiern.

Deutsche Kultur war in Israel – auch nach der Aufnahme diplomatischer Beziehungen – in den ersten Jahren verpönt, und Aufführungen in deutscher Sprache waren offiziell untersagt. Als die deutsche Botschaft in Israel 1965 eröffnet wurde, verbanden damit viele der aus Deutschland geflohenen Jüdinnen und Juden die Hoffnung auf eine Wiederannäherung an die deutsche Kultur; mit Veranstaltungsvorschlägen meldeten sie sich bei der Kulturabteilung der Botschaft. Doch die Arbeit der Abteilung war aufgrund der »Richtlinien für kulturelle Beziehungen mit Deutschland« von 1961 nahezu unmöglich. Die israelische Regierung hatte zwei Jahre nach der Staatsgründung öffentliche Aufführungen in deutscher Sprache verboten – und das Verbot 1961, im Jahr des Eichmann-Prozesses, bestätigt: Veranstaltungen deutscher Kulturschaffender in Israel – und umgekehrt von israelischen Kulturschaffenden in Deutschland – blieben untersagt. Diese Situation löste sich nach und nach auf, sodass der Boykott faktisch nur noch auf dem Papier bestand. Ab 1969 gab es ein deutsches Kulturzentrum: eine von der deutschen Botschaft geleitete Bibliothek, in der Veranstaltungen stattfanden. Nach der Aufnahme diplomatischer Beziehungen 1965 entwickelten sich die deutsch-israelischen Verbindungen weiter, sei es im Rahmen einer intensiven Zusammenarbeit in Wissenschaft und Wirtschaft, durch Städtepartnerschaften, Jugendbegegnungen oder den Kulturaustausch. Für jüngere Generationen in Israel klingt es heute völlig absurd, deutsche Kultur zu boykottieren – Berlin ist zum wichtigen Bezugspunkt der israelischen Kulturszene geworden. Auch leben viele israelische Kulturarbeitende in Deutschland. Es ist eine bittere Ironie der Geschichte, dass die Entwicklung in Deutschland in umgekehrter Richtung verläuft und internationale Boykottaufrufe gegen israelische Kultur auch hier zunehmend lauter werden.

Das deutsch-israelische Beziehungsgeflecht ist heute vielfältig. Nichtsdestotrotz zeigt sich, dass sich die Beziehungen in den künstlerischen Sparten sehr unterschiedlich entwickelt haben. Wir haben die Bereiche Literatur, Musik, Tanz, Theater, Bildende Kunst und Film untersucht. In allen Sparten ist auf Bundes-, Länder- wie kommunaler Ebene ein Rückgang festzustellen, was gemeinsame Projekte und deren Umfang betrifft.

Gründe sind unter anderem ein sich verschlechterndes Israelbild in Deutschland sowie die Auswirkungen internationaler Boykottaufrufe. Insbesondere in der Gegenwartskunst begegnet man israelischen Künstlerinnen und Künstlern sowie Institutionen zunehmend mit Vorbehalten, in einigen Kontexten gilt eine Zusammenarbeit als nicht erwünscht. Auch praktische Einschränkungen durch die Coronapandemie und die Konfliktlage im Nahen Osten erschwerten oder erschweren die Zusammenarbeit stark. Zudem fällt auf, dass es sehr unterschiedliche Verständnisse vom deutsch-israelischen Kulturaustausch gibt: Die Vorstellungen darüber, was israelische Kultur oder israelische Kulturschaffende sind, gehen weit auseinander. Auch werden von deutscher Seite bisweilen »jüdisch« und »israelisch« vermischt und vertauscht; dann werden Projekte zu jüdischen Themen als »israelische Kultur« gelabelt – und umgekehrt. Unsere Gespräche ergaben außerdem, dass ein Ungleichgewicht im deutsch-israelischen Kulturaustausch existiert; es gründet in der unterschiedlichen Größe und Bevölkerungszahl, den ungleichen finanziellen Möglichkeiten und in der Historie der beiden Länder. Dieses Ungleichgewicht erschwert den wechselseitigen Charakter des Austauschs.

Nach dem 7. Oktober 2023 kam das kulturelle Leben in Israel zunächst vollständig zum Erliegen. Anfang 2024 wurde es schrittweise wieder aufgenommen, ebenso der Kulturaustausch. In der israelischen Kulturszene herrscht jedoch spürbar Resignation: Internationale Kooperationen brachen ein, Leihgaben blieben aus, Festivals wurden abgesagt und selbst langjährige Kontaktpersonen reagierten nicht mehr. Die deutschen Partner blieben vergleichsweise verlässlich, zeigten Verständnis für die schwierige Lage und hielten den kulturellen Austausch und den Dialog aufrecht, trotz Sicherheitsbedenken, massiv gestiegener Kosten und internationaler Boykottaufrufe. Veranstaltungen und Begegnungen in Israel sowie bilaterale Austauschformate waren jedoch auch für die zweite Jahreshälfte 2025 schwer planbar, weil damit gerechnet werden musste, dass sie aufgrund der Sicherheitslage nicht stattfinden können. Zudem fühlen sich manche Kulturinstitutionen in Deutschland unter Druck: Boykottaufrufe, Sicherheitsbedenken und Verunsicherung führen dazu, dass weniger israelische Künstlerinnen und Künstler eingeladen und kaum neue Beziehungen aufgebaut werden.

Wie also können die deutsch-israelischen Kulturbeziehungen gestärkt werden? Für den Bereich der Künste wurden insgesamt 14 Empfehlungen formuliert, die sich drei Handlungsfeldern zuordnen lassen: Erstens gilt es, Handlungssicherheit zu erhöhen und Dialogräume offenzuhalten. Denn die sicherheitspolitische Situation schreckt viele Akteure ab. Zusätzlich verunsichert die Sorge vor Störaktionen und Boykotten, was die Zusammenarbeit verhindert oder erschwert. Zweitens sollte das Interesse an israelischer Kultur (wieder-)erweckt werden. Die Neugier auf israelische Kunst und das Interesse daran haben nachgelassen. Zudem ist die israelische Kulturlandschaft in Deutschland wenig bekannt. Drittens sollte der Austausch mit gezielten Programmen und Strukturen gestärkt werden. Kulturpolitische Anreize in Form spezifischer Förderprogramme und die Etablierung nachhaltiger Strukturen, die Kooperationen anregen, könnten den Kulturaustausch stärken.

Um der Unsicherheit der Akteure zu begegnen, braucht es Angebote und Hilfestellungen, die Kulturinstitutionen für ihre Auseinandersetzung und ihren Umgang mit Unsicherheit, Boykott und Antisemitismus in Anspruch nehmen können. Der deutsch-israelische Kulturaustausch lässt sich perspektivisch vertiefen, indem die Kommunikation zwischen Akteuren beider Länder und der Diskurs über Israel verbessert und weiterentwickelt werden. Dafür braucht es Räume, in denen offen und differenziert gesprochen werden kann – auch über schwierige Themen, ohne vorschnelle Zuschreibungen und unter Einbeziehung vielfältiger Perspektiven. Ebenso gilt es im klassischen Kulturaustausch der Künste, die jüngeren Generationen für die deutsch-israelischen Beziehungen zu gewinnen und für Israels Kulturlandschaft zu begeistern. Der Kulturaustausch ist in beiderseitigem Interesse. Künstlerinnen und Künstler in Deutschland können von der Resilienz, dem Innovations-Drive und der Ambiguitätstoleranz der israelischen Gesellschaft profitieren und lernen. Umgekehrt unterstützt der Austausch mit Deutschland die israelische Kulturszene und macht sie international sichtbarer – was nicht zuletzt das demokratische Israel stärkt.

Wir danken dem Deutschen Kulturrat für die ideelle Unterstützung und den beteiligten Kultureinrichtungen und Verbänden für ihre Beiträge.

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Die Publikation »Resonanzen. Die deutsch-israelischen Kulturbeziehungen. Bestandsaufnahme, Trends und Empfehlungen« (hg. vom Institut für Neue Soziale Plastik, mit einem Vorwort von Stella Leder und einem Grußwort von Olaf Zimmermann.) finden Sie unter: tinyurl.com/4dmzdpwx. Im Schwerpunkt der Ausgabe 2/22 von Politik & Kultur ging es um Israel und israelische Kultur.

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 12/2025.