Politische Jubiläen sind mit Vorsicht zu genießen. Die einen produzieren Respekt, der oft nur allzu eilfertig ist, die anderen ein schlechtes Gewissen. Und sowieso hat die Umwelt- und Nachhaltigkeitsbewegung keine Erinnerungskultur hervorgebracht. Warum also auf das Tutzinger Manifest für die Stärkung der kulturell-ästhetischen Dimension von Nachhaltigkeit hinweisen, das 2001 verfasst wurde und mithin 20 Jahre alt wird? Weil es ein gedanklicher Startschuss war, der erst heute gehört wird. Zum Glück, denn seine Impulse werden gebraucht.

Im Gegensatz zu der Zeit vor 20 Jahren ist die Nachhaltigkeit heute maximal bekannt. Zugleich ist sie aber nur minimal geistig durchdrungen. Überall legt sich die Rede von der Nachhaltigkeit und der Transformation auf die Probleme, fast wie eine Art Sternenstaub. Ziele, auch wichtige, werden nicht konsequent umgesetzt, andere fehlen. Die Energiewende ruckelt. Die Erde wird wärmer und verliert Tiere und Pflanzen. In den Ozeanen wird bald mehr Plastik als Fisch gezählt und Fettleibigkeit wird zum Massenphänomen der Menschheit. Die Deutschen kaufen Elektroautos, aber es müssen bitte schön E-SUVs sein. Der CO2-Preis soll steigen, aber man beschwert sich, wenn Öl und Gas aus anderen Gründen teurer werden. Und dabei sind (fast) alle für Nachhaltigkeit. Die Zielkonflikte feiern eine Mega-Party.

Solange man die Herausforderungen der Nachhaltigkeit vorwiegend als Frage von Technik, Convenience und Geld ansieht, bleibt alles beim Alten, nur dass es schlimmer wird. Damit ich nicht missverstanden werde: Technik, Geld, Innovation, Forschung und all die anderen »harten« Faktoren sind nötig – und wir brauchen mehr davon. Aber eben nicht nur. Es fehlen vor allem die weichen Faktoren. Der kulturell-ästhetischen Dimension von Nachhaltigkeit wird zugetraut, dass sie zusammenbringt, was zusammengehört: Da sind auf der einen Seite Daten, Wissenschaft, Grafiken und Prognosen sowie technische Machbarkeiten, Investitionen und Verträge. Auf der anderen Seite steht das, was Lebenssinn ergibt, was empfunden wird, was in Bildern und Denkräumen ausgedrückt wird, was Empathie schafft und Miteinander erzeugt. Vereinfacht gesagt, geht es um das Machbare und das Schöne. Den Widerstand gegen das Immerschlimmer und die Ästhetik des Schrittweisebesser. Hier fehlen Brücken in Form von kulturellen Praktiken und Routinen, die dem Staunen und der Selbstwirksamkeit Raum geben können. Es fehlt eine Semiotik des Anthropozäns. Da fehlt nicht nur etwas, sondern selbst Kulturbetriebe, Filmemacherinnen und Künstler sind nicht gegen den Konsumismus gefeit. Strom und natürliche Ressourcen werden verschwendet, z. B. bei Ausstattung, Catering, Beleuchtung und durch Mega-Mobilität der Akteure. Mitunter werden, aus Gründen falscher Sparsamkeit, Fundusartikel weggeworfen und weder wiedergenutzt noch geteilt und getauscht. Es ist nicht mehr weit und die Rede wird von Kulturscham sein, analog zu Flugscham beim Fliegen.

Ein ressourcensensibles Weniger, Anders und Besser wäre die zentrale Antwort einer kulturpolitischen Agenda der Nachhaltigkeit, die im Übrigen weit in die Wirtschafts-, Finanz-, Umwelt- und Gesellschaftspolitik hineinreicht. Denn es geht auch um eine neue Kultur der Lösung der Zielkonflikte. Die Transformation von Agrar, Verkehr, Bauen und Energie verlangt eine andere Entscheidungskultur in Politik und Wirtschaft, eine Kultur des Zusammenlebens und eine Ästhetik der Nachhaltigkeit in Bildsprache und künstlerischen Formen. Die künstlerische Praxis ist in der Lage, in den Realitäten der Zeit auch Hoffnung und Zuversicht auszudrücken, wenn dazu augenscheinlich wenig Anlass ist. Wie Peter Weiß den Pergamon-Fries mit den Augen des antifaschistischen Widerstands las, ist das beste Beispiel. Im Anthropozän gewinnt jene Art, die Zukunft zu verstehen, an Bedeutung.

Die Rolle der Wissenschaft ist in Deutschlands Nachhaltigkeitsagenda heute weitgehend unbestritten, wenngleich vielfach unterfordert. Die Rolle von Kunst und Kultur wird nach wie vor unterschätzt. Von einer Unterforderung kann noch nicht einmal gesprochen werden. Diese Mitteilung ausgerechnet den Lesern aus der Kulturbranche zu machen, ist natürlich eher etwas wohlfeil. Außerdem ist diese Mitteilung von gleichsam erhabener Wirkungslosigkeit. Denn es ist eine Erfahrung aus 20 Jahren Nachhaltigkeitspolitik, dass es eine Voraussetzung für jede Anerkennung einer Rolle oder Bedeutung gibt. Das ist ein engagiertes und selbstständig-eigenes Handeln, also ein beherztes »Walk-the-talk«. Meist schafft erst das die Fakten, aus denen Politik wird. »Unite behind politics« statt »unite behind science«.

Seit 2001 habe ich die Möglichkeiten des Nachhaltigkeitsrates für künstlerische und kulturelle Irritationen genutzt. Begonnen hat das schon bei der ersten öffentlichen Konferenz, in der Musiker zunächst sehr traditionell gewissermaßen als »Kunst an der Veranstaltung« – ähnlich wie Kunst am Bau – auftraten. Angekündigt waren dann jedoch Wiederholungen, bei denen die Künstler die Wirkung der üblichen Podiumsdiskussionen auf sie als interessierte Laien spiegelten. Das Resultat war verstörend und rebellisch. Die Auftritte störten die Teilnehmenden und ihre Pausengespräche. Kultur beanspruchte Platz – ein erstes Beispiel für Reflexion und soziale Interaktion.

In den Folgejahren entwickelte sich das Konzept der Irritation und des eigenen Beitrages der Kunst bis zur regelmäßigen Reihe »Nachhaltigkeit und Kultur« mit unter anderen Konstantin Wecker, Hans-Eckardt Wenzel, der Theatergruppe Zentrifuge, dem Berliner Straßenchor, der »Faster-than-light Dance Company«, der Staatskapelle Berlin, dem Hanns-Eisler-Chor, der Schauspielbrigade Leipzig und vielen anderen mehr. Immer ging es um eingreifende Kunst und den Impuls gegen das Gewohnte und Normale.

Rund 90 transformative Projekte zur Nachhaltigkeitskultur unterstützte der Rat mit Finanzmitteln des Deutschen Bundestages. Beim Bundeskanzleramt verwandten wir uns für die besondere Rolle von Kunst, Kultur und Kreativwirtschaft in der Nachhaltigkeitsstrategie. 2016 nahm die Deutsche Nachhaltigkeitsstrategie diesen Gedanken auf. 2020 berichtete Die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien öffentlich über ihre Nachhaltigkeitsziele.

Lange blieb das Tutzinger Manifest ohne Breitenwirkung. Jetzt scheint die Saat aufzugehen. Das Projekt »Zur Nachahmung empfohlen« von Adrienne Goehler ging früh in die Vorlage. Jetzt öffnen sich viele Kultureinrichtungen in Deutschland zunehmend für Fragen der Nachhaltigkeit, sowohl im Sinne einer programmatischen Öffnung als auch im Sinne des betrieblichen Managements. Der Deutsche Kulturrat greift die Nachhaltigkeitsagenda verstärkt auf und sieht in der Umsetzung der UN-Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung eine vor allem auch kulturelle Aufgabe. Die Gruppe von Filmemacherinnen und Filmemachern »changemaker.film« entwickelt Mindeststandards für Nachhaltigkeit bei Dreh und Produktion von Filmbildern. In Schleswig-Holstein organisieren die »Zukunftsbibliotheken« ein vernetztes Zusammenwirken im (lese-)pädagogischen Bereich, angeführt von Susanne Brandt von der Büchereizentrale Schleswig-Holstein.

Auf die anfänglich isolierte, nun aber vielfältig replizierte Initiative von Korina Gutsche gehen Aktionen zur grünen Filmproduktion zurück. Das »Greening« der Event- und Medienbranche kommt voran.

Theatermacherinnen, Aussteller und die Musikindustrie diskutieren, was sie zum Klimaschutz beitragen können. Lesungen und Performances greifen diese Themen auf. Das Netzwerk »Nachhaltigkeit in Kunst und Kultur«, 2N2K, ist seit 2016 aktiv. Am Potsdamer Institut für angewandte Nachhaltigkeitswissenschaften (IASS) untersucht Manuel Rivera das Aufeinandertreffen von künstlerischen und wissenschaftlichen Problemverständnissen und testet das unter anderem an eigenen Theaterprojekten wie »Tornado«. Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz schafft eine eigene Personalstelle Nachhaltigkeitsmanagement. Das Anthropozän wird in Ausstellungen und Filmen adressiert. »Natur-is-speaking« ist eine anspruchsvolle Reihe von Videoclips der NGO »Conservation International«, in der prominente Schauspielerinnen und Schauspieler der Natur ihre Stimme leihen. Das »Project Everyone« schafft eine global breite Basis für eine bessere mediale Kommunikation der weltweiten UN-Nachhaltigkeitsziele. Das alles sind nur Anfänge. Sie passen gut in eine Zeit, in der verstärkt über die Herkunft von Kunstobjekten und die historische Verantwortung gesprochen wird.

Das alles hebt die Welt nicht aus den Angeln und ist dennoch mehr als je zuvor. Könnte man nicht anstreben, alle Kulturbetriebe bis xy klimaneutral zu machen, betriebspraktisch umzusetzen und programmatisch-irritierend zu begleiten? Kultur im Anthropozän, eben.

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 03/22.