Solidarność war eine friedliche Revolution europäischer Visionäre. Ihre Helden wollten die Mauern einreißen, die Polen im Gefängnis des Sowjetimperiums einsperrten. Die polnischen Revolutionäre waren nicht nur Gegner des autoritären Regimes, das von Moskau aus gesteuert wurde, sondern auch Visionäre Europas. Ihre Vision bestand darin, den Eisernen Vorhang zu beseitigen und das Konzert der Großmächte, das Denken in Einflusszonen zu überwinden. Die Visionäre von Solidarność wollten allen Nationen eine gleichberechtigte Stimme geben. Nach den Weltkriegen und den Erfahrungen des Totalitarismus träumten sie davon, dass die Beziehungen zwischen den Nationen nicht von Hass, sondern von Menschenwürde bestimmt sein sollten.
Als im August 1980 streikende Arbeiter in der Lenin-Werft in Danzig die Gründung einer von den Kommunisten unabhängigen Gewerkschaft forderten, waren ein demokratisches, unabhängiges Polen und die Beseitigung des Eisernen Vorhangs, der Europa teilte, noch eine Utopie. Doch den polnischen Revolutionären gelang es Schritt für Schritt innerhalb von weniger als einem Jahrzehnt, ihre politischen Träume zu verwirklichen. Solidarność war der einzige erfolgreiche polnische Aufstand. Dieser gewaltfreie Aufstand führte zur zweiten Unabhängigkeit Polens. Dank Solidarność entstand nicht nur die heutige demokratische und unabhängige polnische Republik, sondern auch das Europa, in dem wir heute leben.
Der erste politische Sieg auf dem Weg zur Unabhängigkeit war die Unterzeichnung des Danziger Abkommens am 31. August 1980 im Arbeitsschutzsaal der Lenin-Werft in Danzig. Das kommunistische Regime erlaubte damals der antikommunistischen Opposition die Gründung einer freien Gewerkschaft. Diese wurde schließlich im Herbst 1980 unter dem Namen Solidarność registriert, ohne dass das Machtmonopol der Kommunisten in der Satzung verankert wurde. Damals, in Zeiten des Sowjetblocks unter der Führung des KPdSU-Chefs Leonid Breschnew war dies eine politische Sensation. Denn berüchtigt war seine Doktrin, die keine politischen Experimente innerhalb des Sowjetblocks zuließ. Im August 1968 hatte Breschnew die Truppen des Warschauer Paktes, darin auch die polnische Armee, in der Tschechoslowakei einmarschieren lassen. Er stoppte somit gewaltsam den Prozess der Demokratisierung des Realsozialismus in Prag und Bratislava.
Mit der Solidarność entstand 1980 eine wirklich freie, demokratisch organisierte, pluralistische Massenorganisation, die alle arbeitenden Menschen vereinte. Fast 10 Millionen Polinnen und Polen traten der Solidarność bis 1981 bei, darunter Hunderttausende Mitglieder der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei (PZPR). Innerhalb weniger Monate entstanden im ganzen Land Strukturen der Solidarność, in jedem Betrieb, an Hochschulen, in Dörfern, Kleinstädten und Metropolen – Räume der Freiheit, die der Sowjetblock in diesem Ausmaß vor seinem Zusammenbruch 1989 nicht kannte.
Im Herbst 1981 versammelten sich fast 1.000 demokratisch gewählte Delegierte aus ganz Polen zum Kongress der Solidarność in Danzig. Dieser erste Kongress der Gewerkschaft fungierte wie ein demokratisches Parlament. Die wichtigsten politischen Herausforderungen wurden offen diskutiert. Die Gewerkschaftsführung wurde gewählt. Der charismatische Elektriker Lech Wałęsa, Anführer des Streiks in der Lenin-Werft in Danzig und 1983 Friedensnobelpreisträger, wurde der erste Vorsitzende der Solidarność. Millionen von Solidarność-Mitgliedern, die sich um Wałęsa scharten, entzogen der selbsternannten Partei der Arbeiter und Bauern ihre Legitimität und untergruben damit deren Machtmonopol. Es war ein politisches Erdbeben von weltweiter Tragweite.
Die sowjetischen Führer konnten diese Revolution der Freiheit nicht akzeptieren. Sie wussten, wie gefährlich Solidarność für den Erhalt ihrer Diktatur war. Am 13. Dezember 1981 wurde in Polen der Kriegszustand ausgerufen. Die Solidarność wurde brutal unterdrückt. Dieser Militärputsch rettete vorübergehend die kommunistische Herrschaft nicht nur in Polen, sondern im gesamten Sowjetimperium.
Die Solidarność setzte ihre friedliche Revolution im Untergrund fort. Dank der Kraft friedlicher Bürgerproteste überlebte die Solidarność und war die einzige glaubwürdige politische Kraft in Polen. Ende der 1980er Jahre verschärfte sich die Krise des Realsozialismus so sehr, dass die Machthaber dem Druck der Bevölkerung nachgeben mussten, die Reformen und mehr Freiheit forderte. Im Februar 1989 setzten sich Vertreter des Regimes mit Solidarność an den Runden Tisch in Warschau, im April 1989 wurde Solidarność legalisiert, und am 4. Juni 1989 gewann sie die ersten teilweise freien Wahlen. In China wurden am selben Tag die friedlichen Proteste von Studenten und Arbeitern grausam niedergeschossen. Der 4. Juni symbolisiert seitdem zwei Wege der Transformation: den Weg in die freiheitliche Demokratie und den Wandel eines kommunistischen Systems in eine kapitalistische Diktatur. Infolge ihres Wahltriumphs am 4. Juni übernahm die Solidarność im August 1989 die Macht in Polen. Die Erfolge der Solidarność beschleunigten den Zusammenbruch der alten europäischen Ordnung. Die Völker Mittel- und Osteuropas erkämpften sich in den antisowjetischen Revolutionen von 1989 bis 1991 ihre Unabhängigkeit. Der Eiserne Vorhang fiel endgültig, die Sowjetunion löste sich 1991 auf. Die europäischen Bürgerrevolutionen begannen somit nicht im Herbst, wie sich dies in der kollektiven Erinnerung der Europäer festgesetzt hat, sondern schon im Frühjahr 1989.
Das Ende des Kalten Krieges leitete in Europa einen neuen Integrationsprozess ein. 1993 wurde die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) in die Europäische Union (EU) umgewandelt. Das politische Europa, in dem wir heute leben, ist ein Kind der Revolution von 1989. Mit dem Beitritt zur NATO im Jahr 1999 und zur Europäischen Union im Jahr 2004 ging der Traum der Revolutionäre der Solidarność in Erfüllung, der Traum von Polen als gleichberechtigtem Mitglied in der Gemeinschaft demokratischer Nationen.
Mit der Osterweiterung der NATO und der EU wurde jedoch nur ein Teil der Vision der Solidarność verwirklicht. Belarus und die Ukraine blieben außerhalb der Bündnisse und sind seit Jahren Opfer der mörderischen Politik der neoimperialistischen Machthaber in Moskau. Der Krieg Russlands gegen die Ukraine ist ein Angriff auf die solidarische Renaissance Europas nach 1989, auf die Entstehung einer demokratischen Ordnung auf dem Kontinent, die sich gegen die imperialen Traditionen Europas richtet. Moskau will die politischen und staatlichen Grenzen auf dem Kontinent verschieben, es will zur Politik der Einflusssphären der Großmächte zurückkehren. Darüber hinaus unterstützt die russische Diktatur nationalistische Populisten in den Ländern der NATO und der Europäischen Union, schwächt damit unsere demokratischen Bündnisse und bekämpft so nicht nur die europäische Solidarität, sondern auch die positiven Auswirkungen der Bürgerrevolutionen von 1989.
Putins Kriege erinnern uns daran, dass die europäischen Revolutionen der Jahre 1980 – 1989 – 1991, die mit der Gründung der Solidarność begannen, eigentlich noch nicht beendet sind. Wir verteidigen heute, in einem anderen Jahrhundert, dieselben Werte wie zu Zeiten der Solidarność. Wir kämpfen gegen den autoritären russischen Imperialismus und verteidigen die Menschenrechte und die Unabhängigkeit unserer Demokratien. Die heutige Generation junger Europäer, die nach dem Fall des Eisernen Vorhangs geboren wurde, muss sich mit der Verteidigung eines demokratischen Erbes auseinandersetzen, das bis in die Zeit vor ihrer Geburt zurückreicht. Die Idee und die Erfahrung der Solidarność und anderer europäischer Bürgerrevolutionen sind auch im 21. Jahrhundert aktuell: Ohne Demokratie gibt es keine Achtung der Menschenrechte, die universellen Menschenrechte bilden wiederum die Basis von Solidarität und demokratischem Rechtstaat. Solidarität ist kein Privileg einer bestimmten Gruppe oder Nation, demokratische Solidarität ist universell und unteilbar. Ohne Demokratie und europäische Solidarität gibt es keinen Frieden. Ohne Demokratie gibt es keine freien Europäer, und ohne Demokratie gibt es keine volle Unabhängigkeit der europäischen Nationen, einschließlich Polens.