Das Lesen soll in der DDR einen ganz besonderen Stellenwert gehabt haben. Es gab sogar Studien, die versuchten, die spezielle Beziehung zum Buch von Bürgerin Ost im Vergleich zu Bürgerin West zu unterstreichen. Dabei hatten überarbeitete Eltern damals wie heute viel weniger Zeit zum Lesen als Menschen ohne Kind und schalteten einfacher zu rezipierende Medien ein, egal in welchem politischen System. Auch die Mär von der gebildeten Vielleserin aus Karl-Marx-Stadt, die vornehmlich anspruchsvolle Belletristik und Lyrik konsumiert, hält sich vor allem unter in der DDR Geborenen hartnäckig. Dabei las man im Osten durchaus gern das, was man mithin als leichte Kost etikettiert, etwa Spionagethriller und Abenteuerromane. Der Run auf populäre Inhalte war unmittelbar nach dem Mauerfall besonders groß.
Dennoch hält sich der Mythos vom Leseland DDR hartnäckig. Dieses Etikett knüpft inhaltlich an die Vision einer Literaturgesellschaft des ersten DDR-Kulturministers Johannes R. Becher an und wurde Anfang der 1980er Jahre vom »Buchminister« Klaus Höpcke und anderen Kulturfunktionären so häufig wiederholt, dass es die Jahrzehnte überdauerte.
Aber es gab Unterschiede zum Westen. Bücher konnten Heiligtümer sein, wurden einerseits gehütet wie Augäpfel, andererseits großzügig in den privaten Umlauf gebracht, in Familie und Freundeskreis verborgt oder Inhalte sogar in subversiven Lesekreisen besprochen. Dass das Buch in der DDR ein hohes Gut war, hatte weniger mit der klassisch-bürgerlich-humanistischen Bildungsattribuierung zu tun als mit Mangel und Ideologie.
Das Panorama des Leselandes formte sich nämlich aus der Knappheit an Ressourcen wie Papier und aus der Überlastung der Druckereien, ebenso aus den ideologisch kontrollierten Inhalten und einem volkswirtschaftlich gesteuerten Markt. Hinzu kamen Autorinnen, die nicht publizieren durften, solche, die eine Schere im Kopf hatten, oder diejenigen, deren Werke wegen Papiermangels oder gezielter Rezeptionslenkung nur in kleiner Auflage erschienen. So entstand die berühmte Bückware, also Titel, die in schnell vergriffener Auflage erschienen, die nur durch gute Beziehungen zur Buchhandlung des Vertrauens »unter dem Ladentisch« zu haben waren.
Dem gegenüber stand eine scheinbar unerschöpfliche Verfügbarkeit von Inhalten, die nur wenige Leute aufrichtig interessierten: die Klassiker des Marxismus-Leninismus, Parteitagsveröffentlichungen und die Memoiren oder gar die literarischen Werke von SED-Genossen. Mit tatsächlich beeindruckenden Massenauflagen versuchte die DDR, die vermeintliche Leistungsfähigkeit – und nicht zu vergessen die moralische Überlegenheit – des sogenannten Arbeiter- und Bauernstaates in puncto Buch und Lesen zu belegen. Alle Inhalte wurden vorab durch ein Zensursystem aus Druckgenehmigungsverfahren unter die Lupe genommen, damit nur ideologisch einwandfreie Inhalte an das Publikum gelangten. Gleichwohl waren die Grenzen des Sagbaren fluide, und Tabus bedurften immer neuer Aushandlungen. So ermöglichten Schriftstellerinnen, Lektorinnen, die Verlagsleitungen selbst oder sogar die Personen in der Schaltstelle der Zensur diverse Bücher, die jeweils zuvor noch undenkbar gewesen waren.
Genres und Publikationsgebiete waren weitgehend eindeutig unter knapp 80 Verlagen im Land aufgeteilt. Kochbücher aus dem Verlag für die Frau, Reiseführer vom Tourist Verlag, internationale Literatur aus dem Verlag Volk und Welt und so weiter. Dabei zeigte sich eine große inhaltliche Bandbreite und buchgestalterische Vielfalt: Kinderbücher, die begeisterten, stilvoll ausgestattete Klassiker bis hin zu bibliophilen Ausgaben. Und: Die Bücher waren so günstig. Hinzu kam das, was man heute als Leseförderung und PR für das Medium Buch bezeichnen würde: Bibliotheken in Schulen, Buchhandlungen in den Kombinaten, der sommerliche Buchbasar für die Gäste an der Ostsee.
Mit all diesen Argumenten setzten Leute wie Klaus Höpcke das sozialistische Buchschaffen in Szene. Ein wunderbarer Anlass dafür, der groß in die Feuilletons der westdeutschen Zeitungen ausstrahlte, war immer die Leipziger Buchmesse. Sie fand von 1946 bis 1990 während der traditionsreichen Leipziger Mustermesse statt. Darin war die Buchbranche eine von vielen. Diese riesige Veranstaltung versetzte die ganze Stadt im Frühjahr und Herbst regelmäßig in den Ausnahmezustand. Wo eben noch bröckelnde Fassaden notdürftig getüncht wurden, strömten bald Gäste aus aller Welt heran. Für sie zogen die Einheimischen aufs Sofa und machten ihre Schlafzimmer frei.
In diesem Riesen-Event bildeten die Bücher eine Ausnahme unter den vielen anderen Produkten wie Armaturen, Kosmetika oder Süßwaren. Das hatte mit dem Doppelcharakter des Buches zu tun, das eben nicht nur Ware ist, sondern immer auch als Kulturgut verstanden wird, zumal in der DDR. Deswegen gab es für die Buchmesse beispielsweise eine eigene prestigeträchtige Eröffnungsveranstaltung.
Aus Sicht der Lesenden stach die Buchmesse in Leipzig aus anderen Gründen heraus und ließ Menschen dem Termin entgegenfiebern, sich auf das Begehrte freuen, eine ungekannte Vielfalt ersehnen: Hier konnten sie sonst kaum erreichbare Bücher finden, die jenseits des »Leselandes« erschienen, in den Verlagen aus der Bundesrepublik. Häuser wie Suhrkamp, Luchterhand, Hanser und Bertelsmann, später auch S. Fischer, Rowohlt und dtv stellten ihre Titel in Leipzig aus. Das heißt, sie versuchten es. Denn nach nur kurzer Zeit waren ihre Stände häufig wie leergefegt, weil das Publikum sich nur allzu gern bediente und sich die Bücher direkt aneignete.
Was die westdeutschen Verlage weitgehend unter Mundraub verbuchten, machte die Buchmesse für das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) zum Hort der Subversion und der »ideologischen Zersetzung«. Die Diebstähle auf der Messe offenbarten eine Spielart heimlichen Lesens, mit dem sich Lesende in der Diktatur auf verschiedenen Wegen die Literatur jenseits des offiziellen Kanons aneigneten.
Durch die Aufzeichnungen des MfS über die gefassten Diebe wissen wir heute, was das Publikum aus der DDR brennend interessierte: Das waren nicht nur in der DDR verpönte Klassiker der Moderne wie Proust, Kafka oder Sartre, sondern auch wissenschaftliche Literatur der verschiedensten Fachrichtungen wie Bände über Mikroprozessoren und Quantenmechanik, über Spritzgießwerkzeuge oder zur Psychiatrie, daneben viele populärwissenschaftliche Titel zum Beispiel über Rockmusik, Handarbeit, Mineralien, Siamkatzen oder Tennis – und Witzebücher.
Das Stehlen, um des Unerreichbaren habhaft zu werden, erübrigte sich, nachdem die Menschen in Leipzig und anderswo gegen das Regime auf die Straße gegangen waren und das Ende der DDR-Diktatur eingeläutet hatten. Nach wenigen Jahren schon nivellierten sich die kleinen, aber feinen Unterschiede im Leseverhalten Ost und West. Heutzutage kann jeder buchinteressierte Mensch in der nächsten On- oder Offline-Buchhandlung alle Titel nach Herzenslust erwerben. Eine gewisse Bibliokleptomanie bleibt der Buchmesse dennoch erhalten, nun freilich aus anderen Beweggründen.
Interessanterweise lässt sich an der Buchmesse aus einem weiteren Grund der Wertewandel seit 1989 besonders gut beobachten. Nach dem Mauerfall brach die schöne bunte Konsumwelt auf den Osten herein: Westverlage fluteten den Markt, das Publikum nahm jegliche Inhalte dankbar auf. Die Neuerscheinungen aus den Ostverlagen hingegen landeten buchstäblich auf dem Müll – obwohl Preziosen der jahrzehntelangen Zensurkämpfe endlich an die Öffentlichkeit kamen. Zusätzlichen Schaden erlitten selbst gewichtige Editionshäuser wie der Aufbau Verlag durch das übergestülpte System der Bundesrepublik beispielsweise durch lizenzrechtliche Bestimmungen, nach denen die Verträge der Westverlage die Originalrechte des ehemaligen DDR-Verlags stachen. Die Anpassung an die Markwirtschaft führte durch kahlschlagartige Treuhandpolitik zu einem schmerzhaften und verlustreichen Verlagssterben.
Es gibt nur wenige Ostfirmen in der Buchbranche, die den Sturm der Zeit überdauerten. Zu den raren Erfolgsgeschichten zählt die Transformation der Leipziger Messe in eine GmbH, deren profitabelstes Produkt heute die Leipziger Buchmesse ist. Lange orakelte der Kulturbetrieb ihren Untergang herbei angesichts der Konkurrenzveranstaltung in Frankfurt, der weltgrößten Buchmesse. Doch Leipzig erfuhr große Solidarität und finanzielle Unterstützung und schaffte es mit Ideen wie »Leipzig liest«, das Publikum und die Branche für sich zu gewinnen.
Die Dimensionen sind freilich größere geworden. Was heute mit knapp 3.000 literarischen Veranstaltungen als Europas größtes Lesefest gehandelt wird, hat seine Wurzeln in den drei Dutzend Literaturveranstaltungen der DDR-Buchmesse. Wo heute Scharen von Manga-Fans die Signierstunden ihrer Idole fluten, stürmten die Menschen damals die Lesungsorte sogar durch die Toilettenfenster, als ein unterdrückter Autor wie Reiner Kunze in Leipzig sein Buch vorstellen durfte.