Sowohl die Kulturprojekte Berlin GmbH als auch die Stiftung Berliner Mauer gestalten die Jahrestage des Mauerfalls am 9. November 1989. Wie wird daran erinnert – und wie verändert sich das Erinnern? Ein Gespräch mit Axel Klausmeier und Moritz van Dülmen
Barbara Haack: Seit 2009 gestaltet die Kulturprojekte Berlin GmbH alle fünf Jahre ein großes Event zum Jahrestag des Mauerfalls. Im Zentrum standen spektakuläre Aktionen. Was ist das Ziel dieser Aktionen? Geht es darum, Freiheit und Demokratie zu feiern? Geht es um Erinnerungskultur, jetzt, nach 35 Jahren? Oder geht es auch um die Vermittlung von Werten?
Moritz van Dülmen: Von allem etwas. Wir sprechen ein sehr breites Publikum durch große Bilder, durch großformatige Veranstaltungen an. Alle fünf Jahre richten wir das Spotlight auf dieses Thema und das dann über mehrere Tage, um wirklich alle einzuladen: ein großes Fest für ein ganz großes Publikum. Es ist ein gesamtstädtisches Event, das kann nur Berlin machen und keine andere Stadt. Dabei geht es primär um die Vermittlung dessen, was passiert ist, mittelbar aber natürlich auch um die Vermittlung von Werten.
Sie erzählen damit also auch eine Geschichte?
Moritz van Dülmen: Ja, und wir versuchen, sie zu vereinfachen, ohne sie zu banalisieren, aber durchaus auf einem populären Weg. Dabei geht es immer um Partizipation. Wenn du es schaffst, über ein Projekt 50.000 Menschen zu erreichen, dann entsteht ein ganz anderes Zugehörigkeitsgefühl. Es ist das wichtigste Datum für diese Stadt, es zeigt eine Zäsur. Am Ende geht es um die Erzählung: Was war eigentlich vor 20, vor 25, vor 30 Jahren? Wofür steht dieses Datum? Vermittlung, Teilhabe, Miteinander sein – und das dem Ereignis angemessen groß feiern.
Es geht um ein Ereignis, das Menschen, die heute jung sind, gar nicht selbst erlebt haben. Muss man die Geschichte heute anders erzählen?
Moritz van Dülmen: Auf jeden Fall. Die Mauer ist nicht einfach gefallen. Das zu vermitteln war schon ganz am Anfang immer das wichtigste Anliegen. Daher auch der Kampf gegen das Wort »Wende«, weil es so passiv klingt. Es war ein von Menschen gemachter Umsturz. Auch im Wort Mauerfall steckt ja dieses passive Umfallen. Dass das quasi Unmögliche möglich ist, dass sich etwas verändern kann, ist ein großes Narrativ. Da geht es noch gar nicht um die Frage, warum die Mauer weg sollte, sondern erst einmal um die Tatsache, dass sich durch die Kraft der Menschen etwas verändert. Am Ende dreht es sich recht schnell um das Thema Freiheit– wobei es unterschiedliche Freiheiten sind – und das vermischt sich dann mit Demokratie und mit anderen Themen. Was hat die Menschen bewegt, warum sind sie auf die Straße gegangen, wie war das? Was war der Weg dahin? Was ist der Unterschied zwischen dem 3. Oktober und dem 9. November? Das bedeutet: aufräumen, ein bisschen sortieren, ein bisschen Sendung mit der Maus. Um dann auch zu feiern, und zwar so, dass es Spaß macht.
Die Stiftung Berliner Mauer veranstaltet ebenfalls zum 9. November vieles zum Gedenken an den Fall der Mauer und an das, was vorher und nachher stattgefunden hat. Inwiefern unterscheiden sich die Inhalte der Veranstaltungen, die Botschaften und Zielgruppen? Wie weit ergänzen Sie sich? Konkurrieren Sie auch ein bisschen?
Axel Klausmeier: Von Konkurrieren würde ich nicht sprechen, wir ergänzen uns. Wir planen zusammen, wir stimmen uns ab, und wir entwickeln Themen. Der wesentliche Unterschied ist, dass wir als Stiftung Berliner Mauer, als eine Landeseinrichtung mit Bundesbeteiligung, die zentrale Gedenkveranstaltung von und für Land und Bund ausrichten. Damit ist das Ganze eher staatstragend. Wir reflektieren ebenso wie die Kulturprojekte dieses schwierige Datum des 9. November. Es ist für uns natürlich zuallererst der 9. November 1989, aber es geht nicht, ohne dass wir auch an die Reichspogromnacht erinnern. Wir führen einerseits, das ist unser Kernauftrag, die zentrale Gedenkveranstaltung durch, die in der Regel sehr hochrangig politisch besetzt ist. Wir bemühen uns darüber hinaus, auf diese Werte von 1989 zu gucken. Es geht darum, dieses wirklich menschengemachte Ereignis, dieses politische Wunder, zu würdigen und zu zeigen, dass Demokratie nicht selbstverständlich ist. Kulturprojekte macht das eher spielerisch partizipativ. Wir haben immer ein Ausstellungsprogramm, das thematisch zum 9. November hinführt. Für uns ist es wichtig, viele Jugendliche, verschiedene Gruppen einzubinden und auch die internationale Dimension deutlich zu machen. Die Verantwortung, die Demokratie mit sich bringt, zu vermitteln ist uns wichtig, gerade in heutigen Zeiten. Das Erinnern und die Diskussion darüber haben sich seit 2009 gewandelt, insbesondere im Vorfeld zum 35. Jahrestag des Mauerfalls, im Jahr 2024, aber auch schon 2019.
Wird in Ihren Veranstaltungen thematisiert, dass sich der Umgang mit Demokratie und Freiheit seit 1989 verändert hat?
Moritz van Dülmen: Das prägt sehr. Das ist ein schleichender Prozess, der größte Bruch war zwischen den Jubiläen 2014 und 2019. 2009 stand noch ganz im Zeichen der grundsätzlichen Euphorie. Da war vermeintlich alles gut, es wurde erstmals die friedliche Revolution mit der Ausstellung auf dem Alexanderplatz gefeiert. Es gab eine nachträgliche riesige Mauerfallparty. Das bekam eine internationale Dimension, die uns alle überrascht hat. 2014 war mit der Lichtgrenze das bildgewaltigste Event, da könnte man fast meinen, dass bestimmte Inhalte in den Hintergrund gerückt sind. Dann kam dieser komplette Bruch, der in der zweiten Hälfte der 2010er Jahre in der gesamten Gesellschaft passiert ist, mit Pegida und AfD auf der einen Seite, Migrationswelle auf der anderen, auch die Frage der Wertschätzung von Ostbiografien. 2019 fragte man plötzlich: Ist uns 30 Jahre danach wirklich zum Feiern zumute? Und wenn, dann muss man ganz andere Geschichten erzählen. Man muss viel mehr den Blick auch auf das werfen, was danach in den 1990er Jahren passiert ist. Das war dann das große Thema, und dem wurde man durch viele Veranstaltungen auch gerecht. 2024 wollten wir einerseits erst recht feiern. Bei unserer Plakataktion sollte es eigentlich um Demokratie und Freiheit gehen. Es ging aber plötzlich ganz oft um Frieden.
Axel Klausmeier: Die gesellschaftlichen Fragen an die Geschichte verändern sich mit jeder Generation oder mit historischen Ereignissen, wie eben zum Beispiel einem Krieg in Europa oder der Diskussion über die sogenannte Flüchtlingskrise von 2015. Dann kommt Pegida, kommen Demonstrationen als Reaktion darauf. Und auf einmal fragt man sich, was ist eigentlich in Deutschland los? Alle fragen sich, was ist eigentlich im Osten los? Warum erstarken da die Rechten? Haben die die Freiheit nicht verstanden? Wohl wissend, dass auch im Westen eine in Teilen rechtsextreme Partei enormen Zulauf hat. Was haben wir vielleicht auch in der Aufarbeitung falsch gemacht, dass wir die Leute nicht erreichen? Oft geht es mehr um die Verletzungen und Verwerfungen der Transformationszeit als um den diktatorischen Charakter der DDR.
Wenn wir also über Gedenkfeiern sprechen: Wie viel gibt es zu feiern, und wie viel ist eher Katzen-jammer darüber, dass die Werte Freiheit und Demokratie offensichtlich nicht so hochgehalten werden oder vielleicht von Anfang an nicht so wichtig waren, wie wir das heute denken?
Moritz van Dülmen: Es gibt nicht wahnsinnig viele Menschen, die sich darüber einen Kopf machen. In der ehemaligen DDR gab es 17 Millionen Einwohner, 1 Million ist geflohen, ungefähr 1 Million war am Schluss mit auf der Straße, und 15 Millionen waren nicht aktiv. Sie haben sich dann darüber gefreut, dass sich etwas verändert – oder auch nicht. Und so ist es eigentlich auch heute.
Axel Klausmeier: Ich sehe es so ähnlich. Ich glaube aber, dass es in diesen Zeiten extrem wichtig ist, positive Zeichen zu setzen, sich täglich bewusst zu machen, dass Freiheit und Demokratie mit all ihren Schwächen nicht selbstverständlich sind und auch immer noch das beste Modell. Das hat nichts mit Weltfremdheit oder Naivität zu tun. Wir können ja gerade in den USA, der ältesten Demokratie, in Echtzeit sehen, wie an demokratischen Errungenschaften langsam, aber sicher genagt wird. Da wird gerade vorgemacht, wie sich im Alltag Dinge zu normalisieren scheinen, die man noch vor fünf Jahren nicht für möglich gehalten hat. Wir müssen bewusst machen: Was ist eigentlich das Revolutionäre von 1989? Die Menschen waren in einer Diktatur sozialisiert, sie waren nicht freiwillig da (obwohl es solche natürlich auch gab) und mussten sich damit irgendwie arrangieren – oder eben gerade nicht. Was dieses System mit den Systemfeinden gemacht hat, wissen wir. Die Verfolgung und die Einschränkung von individuellen Freiheiten spielten sich in den Betrieben genauso ab wie in Schulklassen. Diese Durchtränkung von autoritären Herrschaftsstrukturen im Alltag, die werden offenbar allzu leicht vergessen.
Dieses Objekt Mauer steht ja geradezu symbolisch für ein autokratisches Selbstverständnis dieses Staates. Daran zu erinnern, dass man nicht nur reisen, sondern reden kann, dass es eine Gewaltenteilung gibt, die zumindest Widerspruch ermöglicht, das ist eine riesige Errungenschaft. Deshalb ist es so wichtig, diese Gedenktage zu begehen und die Erinnerung wach zu halten.
Moritz van Dülmen: Das Bild der Mauer ist unglaublich stark, damit holt man die Leute immer wieder ab. Das ist leichter in Berlin, und daraus kann man auch eine Verantwortung ableiten. Bei der Lichtgrenze 2014 hatten wir fast eine Million echte Menschen auf der Straße. Die hatten ein Gemeinschaftserlebnis, einen ganz besonderen Moment. Jeder, der an diesem 9. November 2014 dabei war, hat eine positive Erinnerung. Und das ist auf jeden Fall verkoppelt mit dem 9. November 1989. Das hat eine nachhaltige Wirkung.
Axel Klausmeier: Darum hat das Jubiläum 2014 mit den wirkmächtigen Bildern es allen Beteiligten auch so schwer gemacht. Die Erwartung ist immer, das nächste Bild ist noch mal stärker, das ist zu toppen bei gleichzeitigem gesellschaftlichem Wandel von Fragestellungen und Schwierigkeiten. Partizipation heißt heutzutage eben auch, dass wir damit rechnen müssen, dass wenn irgendwelche Menschen Schilder bemalen, je nach Landesteil 20, 30, 40 Prozent AfD-Sprüche drauf sein können. Zumal wiederum die AfD vorher schon wesentliche Sprüche und Motti der Revolution von 1989 gekapert hatte. Historisch-politische Bildung, also das, was wir hauptsächlich im Stiftungsauftrag haben, heißt auch, Frage-Kompetenzen entwickeln. Wenn ich über etwas stolpere, was ich nicht sofort verstehe, dann fange ich an, etwas zu hinterfragen und komme dann darauf, was wichtig ist. Das gelingt uns mit unseren unterschiedlichen Bildungsangeboten für unterschiedliche Zielgruppen sehr gut.
Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 10/2025.