Wie wollen wir miteinander leben? In Halle (Saale) nimmt das Zukunftszentrum für Deutsche Einheit und Europäische Transformation Gestalt an. Im Mittelpunkt stehen die praxisorientierte Erforschung und Vermittlung der Geschichte gesellschaftlicher Transformationsprozesse in Deutschland und Europa und damit verbunden die Auseinandersetzung mit der gemeinsamen Zukunft. Ob bei Energiethemen, beim Klima, der Demografie, der Migration, der Zukunft der Arbeit, beim Umgang mit Digitalisierung und anderen Innovationsprozessen – wir können mit- und voneinander lernen. Ein Fokus liegt dabei auf Erfahrungen, die Menschen in Ostdeutschland und Osteuropa seit 1989/1990 gemacht haben und machen. Fernab von Symbolpolitik soll in Halle (Saale) ein lebendiger Dialog entstehen, der eingefahrene Wege des Ost-West-Gesprächs überwindet und einen gesamtdeutschen und europäischen Blick ermöglicht.

Der Aufbau des Zukunftszentrums folgt einer Empfehlung der Kommission »30 Jahre Friedliche Revolution und Deutsche Einheit« aus dem Jahr 2020. In einem anschließenden Standortwettbewerb konnte sich die Stadt Halle (Saale) durchsetzen, und 2024 wurde die bundeseigene Betreibergesellschaft gegründet. Im April 2025 endete ein internationaler Architekturwettbewerb für den geplanten Neubau, den das Planungsteam Richter Musikowski Architekten und ST raum a. Landschaftsarchitektur für sich entschieden. Der Baubeginn soll 2028 am Riebeckplatz in Sichtweite des halleschen Hauptbahnhofs erfolgen.

Im Bereich »Ausstellung, Dialog und Kultur« haben im Juli 2025 die ersten zwei Mitarbeiterinnen die Arbeit aufgenommen. Ihre Aufgabe ist die Entwicklung des Zukunftszentrums zu einem gesellschaftlichen Gesprächs- und Handlungsraum, in dem Bürgerinnen und Bürger zu Themen des gesellschaftlichen Zusammenhalts diskutieren können und neue Formen der Zusammenarbeit zwischen Politik, Wissenschaft, Zivilgesellschaft und Öffentlichkeit entstehen.

Ein Ausstellungs- und Veranstaltungsprogramm soll vor Ort und wandernd in ganz Deutschland gesellschaftlichen Wandel greifbar machen. Der Aufbau des Wissenschaftsbereichs startet in 2026 – neben der Berufung von mehreren Professuren soll hier auch ein internationales Fellowship-Programm entstehen.

Nun geht es darum, ein Selbstverständnis als Akteur zu entwickeln, die eigenen Arbeitsschwerpunkte zu präzisieren und dabei agil und prozessoffen zu bleiben. Das Zukunftszentrum versteht sich als eine lernende Organisation, die durch die schrittweise Einbindung gesellschaftlicher Stakeholder an Relevanz gewinnt.

Eine priorisierte Ziel- und Interessensgruppe sind Kinder und Jugendliche. Sie sollen die Programmarbeit aktiv mitgestalten können. Der Aufbau des Programms folgt einem iterativen Prinzip: Formate und Arbeitsansätze werden in Form von Probebühnen getestet, um so Inhalte und Netzwerke mit gesamtdeutscher und europäischer Perspektive zu entwickeln.

Ausgangspunkte sind zunächst Halle (Saale) und die Region. Neben der Kooperation mit lokalen Partnern und der Nutzung vorhandener Räume und Strukturen ist ein eigenständiger mobiler Raum geplant, der an wechselnden Stationen für jeweils drei bis vier Monate präsent ist. Mit Werkstatt-Ausstellungen, Workshops und Veranstaltungen, die Themenfelder der Transformation erkunden, soll der mobile Raum Menschen in ihren eigenen Lebenswelten erreichen.

Gleichwohl reicht die Programmentwicklung weit über das Lokale hinaus: Dabei geht es sowohl um das Aufspüren vergleichbarer Erfahrungen als auch um eine stärkere Binnendifferenzierung, die der Wahrnehmung von Ostdeutschland als einheitlichem Raum entgegentritt und den Föderalismus als Chance begreift. So wird die Reihe »Werkstatt des Gelingens« Akteure verschiedener Regionen zu wechselnden Themen einladen, um sich über strukturelle Voraussetzungen, Rahmenbedingungen, Arbeitsansätze und deren langfristige Auswirkungen auszutauschen. 2026 ist zudem eine bundesweite Veranstaltungsreihe zum Thema »Identität« geplant.

Präsenz zeigt das Zukunftszentrum schon jetzt bei Festivals, Messen und Thementagen. Dafür entstehen ortsunabhängige interaktive Formate, die Themen des Zukunftszentrums kommunizieren und als Testraum für innovatives Storytelling dienen. So soll beispielsweise in einer Reihe von Live-Zeichnungen unter Beteiligung des Publikums ein gemeinsames Bild mit utopischen Visionen für die Welt von Morgen entstehen. Geplant ist zudem ein mobiler Escape-Room, der die kollektive wie individuelle Suche nach Auswegen im Angesicht eines großen Umbruchs, wie ihn Menschen in Ostdeutschland nach 1990 erlebt haben, spielerisch erfasst. Und auch eine virtuelle interaktive Reise durch den geplanten Neubau ist angedacht.

Als langfristiges Erzählprojekt wird das »Archiv der Transformation« Erinnerungen, Orte und Objekte der Transformation sammeln und miteinander verschränken. Hier materialisiert sich, was initial für die Idee des Zukunftszentrums scheint: die Würdigung der Lebensleistungen und des Wissens um Brüche und Umbrüche der Ostdeutschen und Osteuropäerinnen in Form einer vernetzten Erinnerungslandschaft und Wissensinfrastruktur für die Zukunft.

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 10/2025.