Kirchen sind sakrale Räume. Seit jeher gelten sie auch als öffentliche Räume. Neben ihrer vorrangigen Nutzung für religiöse Zwecke finden sich hier auch häufig Menschen für gesellschaftliche Aktivitäten zusammen. Kirchen sind Orte des Zusammentreffens, der Ruhe, der Begegnung und des Austauschs für alle, unabhängig von Konfession oder Religionszugehörigkeit.

In der DDR boten insbesondere evangelische Kirchen Schutzräume für kritische Stimmen und Oppositionsgruppen, zunehmend in den 1980er Jahren. In kirchlichen Räumen bildete sich eine Gegenöffentlichkeit zur Staatsdoktrin heraus. Kirche wurde zu einem Forum für Kommunikation und einem Ort zum Erproben demokratischer Prozesse. Viele Menschen, die sich in ihren Kirchengemeinden und in den Synoden der Landeskirchen engagiert hatten, wurden zu aktiven Wegbereitern demokratischer Prozesse. Kirchenräume wurden zu zentralen Treffpunkten der Friedlichen Revolution, wie die Nikolaikirche in Leipzig und die Gethsemanekirche in Berlin.

Vielleicht wäre die Versöhnungskirche im Zentrum Berlins auch zu einem solchen Raum geworden, doch zu der Zeit gab es sie nicht mehr. Seit dem 13. August 1961, durch das Abriegeln der Sektorengrenzen und den Bau der Berliner Mauer, befand sich der neugotische Kirchenbau vom Ende des 19. Jahrhunderts inmitten der Grenzsicherungsanlagen an der Bernauer Straße. Seither war sie eingemauert, direkt auf dem sogenannten Todesstreifen zwischen Ost und West gelegen In dieser Zeit diente sie einigen Grenzsoldaten als Unterschlupf bei Unwetter und Kälte. Zur Grenzüberwachung stiegen sie auf den hohen Turm. Im Januar 1985 wurde die Versöhnungskirche gesprengt – »zur Sicherung des Grenzstreifens«, so eine der Interpretationen der SED-Regierung. Dass nur wenige Jahre später das Bollwerk der Mauer durch das beharrliche Engagement und Aufbegehren vieler friedlicher Menschen geschliffen werden konnte, erwarteten damals nur wenige.

Auf den Grundrissen der zerstörten Versöhnungskirche befindet sich seit dem Jahr 2000 die Kapelle der Versöhnung. Sie bietet Raum für 100 Menschen. Die moderne Architektur birgt inmitten eines durchlässigen, mit langen Holzlamellen verkleideten Wandelgangs einen Innenraum, der aus Stampflehm unter Zumischung von Bruchstücken des Vorgängerbaus errichtet wurde. Mehrere Hundert Menschen besuchen sie täglich. Neben Gemeindegottesdiensten und täglichen Andachten im Gedenken an einen der 140 Toten an der Berliner Mauer finden zahlreiche Konzerte, Lesungen, Diskussionen und Ausstellungen statt. Diese Veranstaltungen sind dem Erinnerungsort gewidmet. Viele Anfragen von Kunst- und Kulturschaffenden nach Realisation ihrer Projektideen an dieser Stelle prägen das Programm.

Die Kapelle ist das spirituelle Zentrum des Erinnerungsortes an der Bernauer Straße und zugleich seine Keimzelle: Anfang der 1990er Jahre bildete sich um den damaligen Pfarrer der Gemeinde, Manfred Fischer, ein Netzwerk aus Menschen, das sich für die Gestaltung eines Ortes einsetzte, der an Mauer und Teilung inmitten Berlins erinnern und würdevolles Gedenken ermöglichen sollte. Die Versöhnungsgemeinde war durch die Teilung zwar eine West-Berliner Gemeinde geworden, doch schon bald fanden sich Menschen aus beiden Teilen der Stadt an diesem Ort zusammen.

Die Genese des Gedenkortes ist nachhaltig geprägt von dem Versuch, Unterschiede und unterschiedliche Bedürfnisse des Erinnerns auszuhandeln und abzubilden. Nach jahrzehntelanger Teilung galt es für viele gerade an diesem Ort, Unrecht zu benennen, Verletzungen und Beschädigungen aufzuarbeiten und Unterschiede auszugleichen. Nicht immer konnte dies gelingen. Aufmerksame Besucher erkennen in der Gestaltung des Erinnerungsortes Bernauer Straße Brüche. Sie stehen stellvertretend für einen noch immer andauernden und zum Teil noch ausstehenden Prozess der Aufarbeitung der Teilung Deutschlands und der Folgeschäden der SED-Diktatur. Der aus der Bibel stammende Begriff Versöhnung (»Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung.«, 2. Korinther 5:19) erfährt in der Gegenwart in verschieden Bereichen der Gesellschaft unterschiedliche Verwendung und Bedeutung. Er wird zumeist positiv konnotiert. Zahlreiche Besucherinnen und Besucher reagieren unvermittelt auf den Begriff im Namen der Kapelle.

Das Wort Versöhnung, das zahlreichen kirchlichen Orten zugeordnet wird, trägt dazu bei, dass Menschen ins Gespräch miteinander kommen. Auch andernorts in der Gesellschaft wird dies versucht, kann jedoch vielfach nicht derart unmittelbar erreicht werden. Ein Privileg, das es als wichtige Aufgabe und Beitrag der Kirchen in Zeiten gefährdeter Demokratie zu begreifen gilt.

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 10/2025.