Werte prägen sich primär im Alter zwischen 3 und 18 Jahren aus. Zunächst übernehmen Kinder (3 bis 6 Jahre) elterliche Normen, zwischen 6 und 10 Jahren entwickeln sie Verständnis für Gerechtigkeit, Fairness und Verantwortung. In der Adoleszenz formen Peer-Einflüsse und kritisches Hinterfragen die eigene Wertebasis. Diese Phasen sind dynamisch und von familiären, schulischen und kulturellen Einflüssen abhängig. Im Sommer und Herbst 1989 war ich 13, und meine wichtigsten Wertvorstellungen waren stabil: Ich erlebte Aufbruch und Mut einiger DDR-Bürgerinnen und -Bürger. Plötzlich war Demokratie kein abstraktes Konzept mehr, sondern etwas Greifbares, das ich selbst erproben konnte. Dieses Gefühl der eigenen Wirkmacht hat sich mir tief eingeprägt.

Nach 1990 schwankten viele im Osten zwischen vorsichtiger Behutsamkeit und Aufbruchsstimmung. Die brutalen Privatisierungen und Entwertungen des vorher Dagewesenen erschütterten Wertvorstellungen wie Gemeinwohl, Vertrauen in Stabilität, Solidarität, Beständigkeit und Anerkennung von Geleistetem vieler erwachsener Ostdeutscher. Dies wirkte sich auch auf die jüngste Generation aus.

Die Fassungslosigkeit der Elterngeneration über die rücksichtslosen Spielarten der sich neoliberal gebärdenden Ökonomie (hier diente insbesondere der weniger durch Gewerkschaften abgesicherte Osten als Test- und Spielwiese für die globalen ökonomischen Entwicklungen nach dem Zusammenbruch des gesamten Ostblocks), die gleichzeitig mit den ernsthaften Errungenschaften von Rechtsstaat und Möglichkeiten zur demokratischen Teilhabe einzog, das war ein schwer zu ertragender Widerspruch. Wir als Jugendliche hatten jedoch die Wahl: Chancen und Risiken nutzen, um »die Welt zu erobern« – meist ohne Unterstützung der Eltern – oder Sicherheit und Gewohntes suchen und versuchen, in einem zerfallenden alten System etwas Neues zu etablieren, gemeinsam mit den oder eher ohne die »desillusionierten und verzweifelten Alten«.

Ich entschied mich zunächst für ersteres, Umzug mit 16 aus der Kleinstadt in das Berlin der 1990er Jahre, Studium am legendären Otto-Suhr-Institut (wo ich noch einen Hauch der 68er Bewegung des Westens mit deren Werten kennenlernen konnte, inklusive seiner berühmten Protagonisten in Professorengestalt). Jugendaustausche in die sich auf andere Weise transformierenden Länder wie Kuba, China oder Polen und Forschungsaufenthalte und Stipendien in Vancouver oder New York. Gleichzeitig blieb ich den brandenburgischen Landschaften und den unabhängig von der DDR tief eingeprägten preußisch-kulturprotestantischen Werten meiner Familie verbunden, die sich mit Prägungen wie grünen Klößen des ländlichen Thüringens und nach wie vor Urlaub am Balaton mischten.

Heute würde ich sagen, die Mischung macht’s. Wer derlei Mischung nicht erleben konnte oder wollte, dem fehlt ein gewisses Verständnis der anderen Seite – der Perspektivwechsel. Das gilt für Menschen aus Ost und West! Nicht umsonst heißt der Verein, den wir aus der Initiative Dritte Genration Ostdeutschland heraus 2013 gründeten, Perspektive3 e. V. Wir wollen Vergangenheit erstnehmen, Gegenwart verstehen und daraus Zukunft entwickeln. Wir möchten ost- und westdeutsche Perspektiven im politischen und kulturellen Dialog verbinden und dabei die (ost-)europäische Perspektive nicht vergessen. Auch internationale Transformationserfahrungen wie in Südamerika, Afrika oder auch Vereinigungswünsche wie in Korea sind uns wichtig. Den Blick weiten und offen bleiben für die Perspektiven anderer, das ist ein Wert, den ich aus der Transformationserfahrung heraus entwickelt habe. Nicht alle haben die Kraft dazu gefunden und eher den Rückzug ins Altbekannte gewählt – die Werte aus Kindheit und Erziehung beibehalten und nicht um einen westlichen Blick erweitert. Verständlich zum Teil, aber auch schade. So schade, dass man sich der heutigen Vorurteile und Zuschreibungen aus der Mehrheitsgesellschaft wie »rückständig, borniert, antidemokratisch und rechts« manchmal kaum noch erwehren kann. Auch, wenn Verallgemeinerungen und Zuschreibungen aus der Ferne und ohne ernsthaft den Austausch gesucht zu haben, oft unfair sind.

Dabei ist es ganz einfach: Durch private Beziehungen mit Westdeutschen, Amerikanern oder auch Griechen habe ich Einblicke in die werteprägenden Familien und gesellschaftlichen Strukturen gewonnen, die mir sonst verborgen geblieben wären. Wir sind eben doch nicht alle gleich. Für einen ernstgemeinten menschlichen Kontakt sollte es doch jederzeit reichen. Offenheit und Neugier auf die Lebenswelt »der Anderen« ist ein Wert, den ich dank selbst erkämpfter Freiheit leben kann. Für alle gilt jedoch: Offenheit und Freiheit fängt im eigenen Kopf an. Gemeinsam mit »anders Seienden« die Gesellschaft und das eigene Leben gestalten macht mehr Spaß! Man muss sich nur trauen.

Mehr dazu online: perspektivehochdrei.de

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 10/2025.