»Der Osten ist spektakulär« war die Leitidee bei der Gründung von »OSTEN – Festival für Kunst und gegenseitiges Interesse«. Sie entstand in der Zeit der ersten Wahlerfolge der AfD in Ostdeutschland, als sich ihre politische Agenda verschob: Nicht mehr die Euro-Kritik stand im Mittelpunkt, sondern antidemokratische Strömungen traten zunehmend deutlicher hervor. Bundesweit wurde Ostdeutschland mal wieder als rechts, abgehängt, unzufrieden und undankbar dargestellt und wahrgenommen. Das Festival wollte genau dort ansetzen, um ein anderes Bild des Ostens zu zeichnen und ihn vielstimmig und vielfältig zu zeigen. Es startete den Versuch, die Region bei der Suche nach einer Erzählung für die Zukunft zu begleiten, dort, wo der Strukturwandel besonders zu spüren ist.

Nach langer Suche wurde Bitterfeld-Wolfen als Ort für das Vorhaben festgelegt. Die Stadt steht beispielhaft für die Transformationserfahrungen der ganzen Region – nicht erst seit der Wiedervereinigung. Sie repräsentiert die gesellschaftlichen, politischen und ökonomischen Veränderungen der letzten 150 Jahre: Die Verstromung der Braunkohle ließ die Industrie boomen und die Region zum Zentrum der petrochemischen Industrie werden. Die Nationalsozialisten rüsteten auf Kriegswirtschaft auf und um. Später bildeten Bitterfeld und Wolfen die industrielle Herzkammer der DDR – mit all den Opfern, die Menschen und Umwelt in der als »dreckigste Stadt Europas« bezeichneten Stadt bringen mussten. Nach der Wiedervereinigung kam die große Ernüchterung mit Betriebsschließungen, Arbeitslosigkeit und dem Wegzug Tausender Menschen. Die Sanierung begann – Gruben wurden verfüllt, Flussauen gereinigt, Betriebe und Neubauviertel zurückgebaut. Auch die Suche nach einer Zukunft begann – mit dem Goitzsche-Tagebau als See- und Naherholungsgebiet oder der aufkommenden Solarindustrie.

Gesellschaft und Kultur blieben dabei eher auf der Strecke. Die Menschen in der einst stolzen Region – geprägt durch die Industrie und Arbeit – schienen mit jeder abgerissenen Fabrik und mit jedem gesprengten Schornstein nicht nur die Orientierung in der eigenen Stadt, sondern auch ein Stück Identität zu verlieren. Das lebendige Kulturleben brach zusammen. Die Zirkel – ein Überbleibsel des im Bitterfelder Kulturpalast ausgerufenen »Bitterfelder Wegs«, die kulturpolitische Idee der SED, die mittels Kunst und Kultur zur Erziehung des sozialistischen Menschen beitragen sollte – hatten den Arbeiterinnen und Arbeitern ein reiches kulturelles Angebot in den Betrieben ermöglicht. Mit deren Schließung endeten auch viele Mal-, Film- oder Literatur-Zirkel. Die Menschen hatten erst einmal essenziellere Sorgen als den Fortbestand ihrer Freizeitgestaltung.

Dadurch schwanden schnell Orte der Kultur, der Gemeinschaft und des Austausches. Orte, an denen die Gesellschaft den Transformationsschock verarbeiten konnte, blieben rar. Wo erzählt man, dass man sein eigenes Haus für den Tagebau wegbaggern musste? Wo spricht man über den Verlust der eigenen Arbeit oder die Probleme, die daraus folgten? Wo werden die Lebenserfahrungen und -leistungen anerkannt, die Fähigkeit, das Leben komplett neu zu gestalten, wirklich gewürdigt? Sicherlich nicht in der neuen Bundesrepublik, die im Osten mehr ein Problem als eine Chance für die Erneuerung der eigenen Demokratie sah, nicht in einer Gesellschaft, die Individualisierung, Eigenverantwortung und Konsumfreiheit anstatt Gemeinschaft und Kollektivität als Werte hochhielt.

Doch ein solcher Ort wollte das Festival werden, an dem Kunst und Kultur mit der Erfahrung der Industrie, der Arbeit und des Wandels verbunden werden. »Der Osten ist spektakulär« klingt verheißungsvoll und für einige vielleicht auch provokativ. Das Festival möchte aber keineswegs provozieren, sondern zusammenführen und Räume für Begegnung schaffen. Im Rückgriff auf den »Bitterfelder Weg« und seine Aktualisierung ohne sozialistische Ideologie lädt das Festival OSTEN seit 2022 Menschen in Bitterfeld-Wolfen ein, gemeinsam kreativ tätig zu werden und damit einen künstlerischen Ausdruck für die Themen der Region und die kollektiven und individuellen Erfahrungen zu finden. Das Herzstück des Festivals sind partizipative Kunstprojekte, in denen sich viele Menschen aus Bitterfeld-Wolfen engagieren. Dabei bringen Schülerinnen und Schüler der Musikschule Erwachsenen das Instrumentespielen bei, Frauen über 40 tanzen gemeinsam und setzen sich dabei mit ihren Arbeitsbiografien auseinander, Schubkarren werden bepflanzt oder Interviews mit ehemaligen Betriebsangehörigen geführt. Die Idee des Festivals – Menschen zusammenzubringen, gemeinsam Kunst zu schaffen und dadurch gegenseitiges Interesse zu ermöglichen – scheint aufzugehen.

Doch die Räume für freie Kunst und eine vielfältige und demokratische Gesellschaft werden auch in Bitterfeld-Wolfen enger. Wir stellen uns zunehmend die Frage, wie wir offen bleiben können in einer Region, in der Demokratiefeinde immer stärker werden und die Zivilgesellschaft weiter in die Defensive gerät. Einerseits fehlt es wie immer am Geld für Kulturprojekte und Einrichtungen der Zivilgesellschaft, doch mancherorts auch zunehmend an Mut, sich weiter für eine offene Gesellschaft einzusetzen. Als Gesellschaft ist es jedoch unsere Aufgabe, uns die Räume für Begegnung offenzuhalten und strukturell zu stärken. Es ist jetzt an der Zeit, drängender denn je, gegenseitiges Interesse als Wert anzuerkennen, den wir uns bewahren und in den wir investieren müssen.

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 10/2025.