Der Wert der Freiheit
Eine Sonderausstellung im Deutschen Hygiene-Museum Dresden widmet sich der Freiheit als unvollendeter Geschichte
Grit Krause
Freiheit ist ein vielschichtiger Begriff. Wenn von Freiheit gesprochen wird, dann denken wir heute zumeist an ganz individuelle Freiheiten, in denen man selbst in Zeiten von Klimawandel und Naturkatastrophen nur ungern eingeschränkt werden will. Gleichzeitig kämpfen – global betrachtet – Menschen in autoritären Systemen nach wie vor um grundlegende Freiheitsrechte, andererseits wiederum wird der Freiheitsbegriff zunehmend von illiberalen politischen Kräften instrumentalisiert. In dieser Gemengelage erkundet das Deutsche Hygiene-Museum Dresden mit seiner Sonderausstellung »Freiheit. Eine unvollendete Geschichte«, was wir unter Freiheit verstehen, welche Voraussetzungen es braucht, um in Freiheit zu leben, wo sie aber auch bedroht ist.
Ausgangspunkt ist das Jahr 1989 mit der politischen Wende für die Länder Mittel- und Osteuropas. Naheliegend in Dresden war dabei, den Fokus auf die Oppositionsbewegungen in der DDR, der ČSSR und der Volksrepublik Polen zu richten – allein schon aufgrund der geografischen Lage, aber auch, weil ihr Kampf für Freiheit und Demokratie bis heute seinen Nachhall findet, nicht zuletzt, wenn Symbole und Slogans wie »Wir sind das Volk«, das zum Leitmotiv der friedlichen Revolution 1989 wurde, von rechtspopulistischen Protestbewegungen vereinnahmt und in ihrem Sinne umgedeutet werden. Pegida ist da an erster Stelle zu nennen. Aber auch in Polen sah bzw. sieht sich die nationalkonservative Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) als Verteidiger des Erbes von Solidarność.
Die Ausstellung ist eine Einladung, sich daran zu erinnern, was für eine fundamentale Errungenschaft politische Freiheit ist. Mit »Handwerkzeug« haben Viktoria Krason und Philipp Bürger, die diese Schau kuratiert haben, ein umfassendes Archiv überschrieben. Zeitgeschichtliche Fotografien, historische Filmaufnahmen, auf Schreibmaschinen verfasste Deklarationen und Reproduktionen handgeschriebener Briefe, wie etwa von Václav Havel, lassen Besucherinnen und Besucher eintauchen in die Zeit ab den 1970ern bis zum Jahr 1989. Sie zeichnen den Weg nach, den die Oppositionsbewegungen in den drei Ländern gegangen sind.
In sechs thematischen, dreisprachig überschriebenen Kapiteln wird ihr Kampf für Freiheit und Demokratie erzählt: »Gedanken«, »Gemeinschaft«, »Flucht«, »Aktion«, »Verhandlungen« und »Wohlstand«. »Myšlenky/Gedanken/Myśli« bildet dabei den Auftakt und konzentriert sich auf Václav Havel und andere Intellektuelle in der ČSSR, die sich nach der Niederschlagung des Prager Frühlings 1968, in der Phase der so genannten »Normalisierung«, zusammengeschlossen hatten. Unterschiedlichste Menschen mit ebenso unterschiedlichen politischen Ansichten, Dissidentinnen und Dissidenten, konnten sich damals, speziell auch über Kunst, Musik und Literatur auf einen gemeinsamen Nenner einigen: die Wahrung der Menschenrechte. Als »Charta 77« ist diese Bürgerbewegung in die Geschichte eingegangen.
Das Kapitel »Gemeinschaft« widmet sich vor allem der Geschichte der Solidarność und dem Zusammenhalt unter den streikenden Arbeiterinnen und Arbeitern während ihrer Proteste 1980/81. Von der Kunst des Protestes wiederum erzählt »Aktion«. Dort wird der Verzicht auf Gewalt hervorgehoben, der die Proteste der 1980er Jahre prägte, allen voran die Friedliche Revolution in der DDR. 1989 erkämpfte sich das Volk so die Freiheit, die daraufhin in den Parlamenten verhandelt wurde. Fotografien von Runden Tischen dokumentieren die damaligen Gespräche zwischen den Regierenden und der Opposition.
Nach den freien Wahlen übernahmen in Polen und der ČSSR die Oppositionellen die Macht, mit ihren Wortführern Lech Wałęca bzw. Václav Havel an der Spitze. In der DDR hingegen verlieren die Bürgerbewegten zunehmend an Einfluss. Zu stark ist der Ruf nach der D-Mark und damit der deutschen Wiedervereinigung – und damit verbunden das Versprechen auf »Wohlstand«. Inwieweit sich das eingelöst hat, wird im letzten Kapitel hinterfragt, illustriert mit Wolfgang Mattheuers Gemälde »Hinter den 7 x 7Bergen« von 1993: Hinter den Bergen lockt die Freiheit als Göttin mit bunten Luftballons in der Hand – Verheißungen, die sehr schnell zerplatzen können –, in ihren Autos streben die Menschen aus der Großstadt heraus ihr entgegen. Sie ist aber nicht allein. Überall schweben ähnliche Frauengestalten über der hügeligen Landschaft und lassen damit Miss Liberty zur Werbefigur verkommen.
Es ist die große Stärke der Sonderausstellungen im Deutschen Hygiene-Museum in Dresden, dass gesellschaftliche Phänomene immer auch in Dialog zu künstlerischen Positionen gesetzt werden. Ausstellungsarchitektonisch erfährt die Inszenierung hier eine Zweiteilung: linkerhand überdimensionale Drehkreuze, die die Charta 77, die Solidarność-Bewegung und DDR-Opposition dokumentieren und eben durch ihre Pappoptik an Archive erinnern. Auf der anderen Seite sind die künstlerischen Auseinandersetzungen mit den Symbolen der Freiheit aufgereiht und korrespondieren inhaltlich damit. So ist zum Beispiel eine Radierung von 1789, auf der die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte zu lesen ist – zentrales Dokument der Französischen Revolution – der Deklaration der Charta 77 gegenübergestellt, an anderer Stelle verweist »Polonia« von Jacek Malczewski aus dem Jahr 1918 auf den Gemeinschaftsgedanken der Solidarność-Bewegung.
Darauf zielt letztlich auch der Epilog ab, in dem individuelle Freiheit versus Gemeinwohl verhandelt wird. Es geht um Verantwortung und darum, dass es ohne Solidarität keine Freiheit gibt. Denn: »Die Freiheit des Einzelnen endet dort, wo die Freiheit des Anderen beginnt«. Das wusste schon Immanuel Kant, und das wussten auch die Befreiungsbewegungen in der DDR, der Volksrepublik Polen und der ČSSR. In der Sonderausstellung »Freiheit. Eine unvollendete Geschichte« wird dies deutlich und so wappnet der Blick in die Geschichte letztlich auch für die aktuell geführten Freiheitsdebatten.
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Deutsches Hygiene-Museum Dresden, »Freiheit – Eine unvollendete Geschichte« Juni 2025 bis 31. Mai 2026