Klaus Hausmann wurde 1947 in Gelsenkirchen als viertes und jüngstes Kind einer Arbeiterfamilie geboren. Schon früh interessierte er sich für Biologie, untersuchte Tierkadaver, schnitt sie auf und präparierte und sammelte Schädel. »Das kam vor allem durch meinen Vater. Er hatte ein großes Interesse an Biologie, besonders an Vögeln. Seine eigene Schulbildung wurde früh beendet, weil seine Eltern nach Brasilien auswanderten und er mitgehen musste. Später kam er zurück ins Ruhrgebiet und arbeitete dort sein ganzes Leben im Stahlwerk. Trotzdem blieb sein Interesse an biologischen Themen bestehen«, erzählt er im Interview.

Nach einem »verheißungsvollen Schulstart in der Volksschule« folgte in der Gymnasialzeit wegen wachsender schulischer Probleme »eine langjährige Phase der Frustration«. Dass er dort als Arbeiterkind überhaupt landete, verdankte er einem Geistlichem aus seiner Gemeinde. Dieser überzeugte Hausmanns Eltern, den Jungen Abitur machen zu lassen. Dabei prägte ihn die streng katholische Lebensweise seines Elternhauses nachdrücklich: »Ich komme aus einer sehr katholischen Familie. Bei uns wurde vor und nach dem Essen gebetet, sonntags – oft auch werktags – ging man in die Kirche und samstags regelmäßig zur Beichte. Meine Mutter unternahm außerdem Wallfahrten, bei denen ich als Kind mitfuhr.«

Nach einem »mühsam erarbeiteten Gymnasialabschluss« fing er an, Katholische Theologie in Bonn zu studieren. Als Priesteramtskandidat musste Klaus Hausmann in einem sogenannten Konvikt wohnen: »Das war kein Kloster, aber sehr streng organisiert. Am frühen Abend wurde das Haus abgeschlossen, frühmorgens begann der Tag mit dem Gottesdienst. Mit der Zeit bekam ich Zweifel, ob dieses Leben wirklich das Richtige für mich war. Die Vorlesungen waren interessant, aber ich hatte das Gefühl, dass wenig davon wirklich bei mir hängen blieb. Außerdem wurde mir immer klarer, dass ich dieses Leben langfristig vielleicht gar nicht führen wollte. Hinzu kam, dass ich zu der Zeit eine Freundin hatte, was die Situation natürlich zusätzlich kompliziert machte.«

Nach drei Semestern sattelte er um und beschloss, ein Lehramtsstudium zu beginnen – mit den Fächern Theologie und Biologie, was seine Eltern erstaunlich gefasst aufnahmen. Gleich zu Beginn des Studiums kam Klaus Hausmann zum ersten Mal intensiv mit der Mikroskopie in Kontakt: »Das war für mich eine völlig neue Welt. Ich war fasziniert davon, was man dort alles sehen konnte – Strukturen und Organismen, von denen ich vorher überhaupt nichts wusste. Das war für mich die ausschlaggebende Erfahrung, die dazu führte, dass ich mich später ein Forscherleben lang mit der mikroskopischen Dimension, speziell mit den Einzellern beschäftigt habe.

Nach meinem ersten Biologie-Semester fragte ich einen Professor, ob ich in den Semesterferien in seinem ›Institut für Cytologie und Mikromorphologie‹ am Mikroskop arbeiten und fotografieren dürfe, weil Fotografie auch ein Hobby von mir war. Er erlaubte es, und ich verbrachte mehrere Wochen damit, mikroskopische Organismen zu beobachten und zu fotografieren. Das war der erste Kontakt mit dem Institut, in dem ich später meine Diplom- und Doktorarbeit angefertigt habe.«

Noch einmal wechselte er, vom Lehramt zu einem Biologie-Diplomstudium an der Universität Bonn, promovierte und begann seine universitäre Laufbahn am Lehrstuhl für Zellenlehre der Universität Heidelberg. Es folgte nach der Habilitation die Professur mit den Schwerpunkten Zellbiologie und Protozoologie im Institut für Allgemeine Zoologie der Freien Universität Berlin.

Was faszinierte einen Wissenschaftler an der mikroskopischen Welt so, dass er ihr sein ganzes berufliches Leben widmete? Klaus Hausmann dazu: »Viele Menschen stellen sich Einzeller als einfache, formlose Gebilde vor – etwa wie kleine Protoplasmaklumpen. In Wirklichkeit sind sie unglaublich komplex. Es gibt schätzungsweise 40.000 bis 50.000 verschiedene Arten. Viele sind noch gar nicht genau erforscht.

In der Mitte seiner beruflichen Tätigkeit verfasste Klaus Hausmann für den universitären Unterricht ein Lehrbuch der Protistologie, das in drei Auflagen erschien und in sieben Sprachen übersetzt wurde. Kürzlich veröffentlichte er ein Buch speziell für engagierte Hobby-Mikroskopiker mit dem Titel »Einzeller – mikroskopisch kleine Multitalente«.

Forschung nach der Emeritierung

Nach seiner Emeritierung beendete Klaus Hausmann seine wissenschaftliche Forschung: »Meine Arbeit beruhte stark auf der Elektronenmikroskopie, und diese Geräte sind extrem teuer – in der Größenordnung eines Einfamilienhauses. Außerdem verursachen sie hohe Wartungskosten. Diese Infrastruktur steht normalerweise nur in Forschungseinrichtungen zur Verfügung. Daher habe ich mich entschieden, nach meiner aktiven Zeit am Institut einen klaren Schlussstrich zu ziehen, statt Räume oder Ressourcen weiter zu blockieren.«

Ganz untätig war der fünffache Familienvater danach jedoch auch nicht. Er begann, seine Erfahrungen und Lebenserinnerungen detailliert aufzuschreiben: »Zum 50-jährigen Abiturtreffen wurde ich darauf aufmerksam, wie mein Klassenlehrer mich damals eingeschätzt hatte, nämlich als »nur durchschnittlich begabt«. Das brachte mich auf die Idee, meiner Biografie den Titel »Lebensweg eines nur durchschnittlich Begabten« zu geben. Die Arbeit an diesem Buch hat mich über ein Jahr beschäftigt.«

Eine Botschaft an junge Menschen

»Meine eigene Schulzeit war alles andere als glänzend. In meinem Zeugnis standen auch Fünfen. Deshalb sage ich jungen Menschen oft: Schulnoten sind nicht alles. Natürlich muss man sich anstrengen und eine solide Grundlage erwerben. Aber oft zeigt sich erst später, wo die eigenen Stärken wirklich liegen. In meinem Fall kam das erst im Biologiestudium, als ich zum ersten Mal ein echtes Aha-Erlebnis hatte.«

Während seiner Zeit an der Universität Heidelberg – insgesamt elf Jahre – lernte Hausmann die Welt der Hobby-Mikroskopiker kennen. In Baden-Württemberg gab es mehrere mikroskopische Gesellschaften, in denen sich Menschen aus ganz unterschiedlichen Berufen trafen, um gemeinsam zu mikroskopieren und sich auszutauschen.

Er wurde dort öfter eingeladen, Vorträge zu halten. In diesem Zusammenhang spielte auch eine Zeitschrift eine Rolle, die er viele Jahre lang herausgegeben hat: »Mikrokosmos«. Die traditionsreiche Zeitschrift existierte über 100 Jahre und richtete sich speziell an interessierte Hobby-Mikroskopiker. »Ich habe sie über etwa zwei Jahrzehnte redaktionell betreut, bis der Verlag Elsevier sie schließlich aus wirtschaftlichen Gründen einstellte.«

Durch diese Arbeit lernte er viele dieser mikroskopischen Gesellschaften kennen. Solche Gruppen gab es unter anderem in Hamburg, München oder Stuttgart, aber auch in Wien und Zürich. Als er später nach Berlin berufen wurde, ging Hausmann selbstverständlich davon aus, dass es auch dort eine solche Gesellschaft geben müsse. Zu seiner Überraschung stellte er fest, dass das nicht der Fall war. Daraufhin beschlossen er und einer seiner Kollegen, selbst eine zu gründen: die Berliner Mikroskopische Gesellschaft (BMG). »Wir starteten einen Aufruf und luden Interessierte zu einem Treffen im Zoologischen Institut ein. Zu unserer Überraschung kamen rund 80 Menschen, die sich für das Mikroskopieren interessierten. Das war im Jahr 1986 – und dieses Jahr feiern wir tatsächlich das 40-jährige Jubiläum.«

Noch heute versucht die inzwischen etwas geschrumpfte Gesellschaft, die mikroskopische Welt einem breiteren Publikum näherzubringen. Seit einigen Jahren beteiligt sie sich beispielsweise am »Langen Tag der Stadtnatur« in Berlin. Dabei können Besucher – darunter viele Kinder – im Institut durch das Mikroskop schauen und zum Beispiel einen Wassertropfen mit seinen zahlreichen Organismen entdecken. Ein weiteres Beispiel für das Engagement ist der »Weltmikroskopietag«, der seit einiger Zeit jedes Jahr im April stattfindet.

Wissenschaft verständlich machen

»Mir war es immer wichtig, dass Wissenschaft nicht nur im »Elfenbeinturm« stattfindet. Deshalb habe ich mich mein ganzes Berufsleben lang auch für populärwissenschaftliche Vermittlung engagiert. Und ich finde, wenn man die Möglichkeit hatte, auf Kosten des Steuerzahlers wissenschaftlich zu arbeiten, sollte man auch etwas davon zurückgeben – indem man Wissen verständlich weitergibt und andere Menschen für die faszinierende Welt der Wissenschaft begeistert.«

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 4/2026