Zum 1. April 2026 wechselte die Leitung des Europäischen Übersetzer-Kollegiums (EÜK) in Straelen in Nordrhein-Westfalen: Patricia Klobusiczky, von 2017 bis 2021 Erste Vorsitzende des Verbands deutscher Übersetzer/innen (VdÜ), löste Dr. Regina Peeters als Geschäftsführerin ab. Zeitgleich öffnet das wegen Bauarbeiten länger geschlossene EÜK allmählich wieder seine Türen.

Patricia Klobusiczky, 1968 als Kind einer Französin und eines Ungarn in Berlin geboren, bekam das Thema Übersetzung quasi in die Wiege gelegt. »Schon meine Eltern sind mehrsprachig aufgewachsen«, sagt sie. »Und als ich mit fünf oder sechs das Lesen für mich entdeckte, war ich von da an für alles andere verloren.«

Ihre Entscheidung für den Studiengang Literaturübersetzen an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf markierte den Beginn ihrer Laufbahn als professionelle Übersetzerin. Nach dem Studium arbeitete sie zehn Jahre lang als Lektorin für den Rowohlt-Verlag. Von 2006 an war sie freie Übersetzerin aus dem Französischen und Englischen für kleine Verlage bis hin zu Verlagsgruppen und in vielen literarischen Genres (u. a. für William Boyd, Marie Darrieussecq, Petina Gappah, Lorrie Moore, Henri-Pierre Roché, Anne Serre, Valérie Zenatti, Sophie Divry, Ruth Zylberman und Gisèle Pelicot).

Ihre Zeit bei Rowohlt erinnert sie heute so: »Ich wollte unbedingt Literatur übersetzen, hatte also in keiner Weise daran gedacht, den Weg der Festanstellung zu gehen. Aber zu meinem praxisorientierten Studium gehörten eben nicht nur das Praktikum in Straelen, sondern auch Verlagspraktika.« Sie hatte das Glück, im richtigen Moment am richtigen Ort zu sein, und bekam eine Praktikumsstelle bei Rowohlt, damals noch in Reinbek. Nach drei Wochen im Hardcover-Lektorat für internationale Belletristik schickte Thomas Überhoff sie eines Nachmittags zu Siv Bublitz in die Allgemeine Reihe, ins rororo-Taschenbuch. Bublitz suchte jemanden, der aus dem Französischen übersetzt. Sie drückte Klobusiczky ein Buch in die Hand und sagte: »Machen Sie doch mal eine Probe.« Das hatte zur Folge, dass Klobusiczky für rororo parallel zum Studium für zwei Jahre als freie Mitarbeiterin lektorierte und übersetzte. »Dann wurde mir eine Stelle angeboten – und wer sagt schon nein, wenn Rowohlt ruft?«

Zehn Jahre war sie dort, eine überwiegend »sehr schöne Zeit«, in der sie viel lernte und ein großes berufliches Netzwerk knüpfte. Zuerst war Patricia Klobusiczky in der Allgemeinen Reihe unter Marcel Hartges tätig. Eine kurze Zeit verantwortete sie Kindler unter Nikolaus Hansen, um danach von Siv Bublitz zu Rowohlt Berlin mitgenommen zu werden. Als Bublitz jedoch zu Ullstein wechselte, war die Zusammenarbeit mit deren Nachfolger weniger harmonisch – nach zwei Jahren wurde Klobusiczky »vor die Tür gesetzt«, wie sie es selbst ausdrückt. Im milden Licht eines Rückblicks scheint es auf der Hand zu liegen: Nach zehn Jahren bei Rowohlt musste sie einfach aus dem Nest geschubst werden, um wieder zu ihrer Berufung zu finden.

»Ganz genau. Denn von mir aus hätte ich nichts unternommen. Kurz nachdem ich mich neu erfinden musste, war ich im Literarischen Colloquium Berlin beim Übersetzertag, traditionell ausgerichtet vom Deutschen Übersetzerfonds. Dort herrschte eine so wunderbare Atmosphäre, es war ein herrlicher Tag am Wannsee, die ganze Community war versammelt, das Programm war so exzellent, die Gespräche so anregend, und ich dachte: ›Ja, hier bist du zu Hause.‹«

Es folgten zwanzig »sehr glückliche Jahre als Freiberuflerin, ich hatte wirklich ein Riesenglück, mit den Verlagen, die mich beschäftigt haben, mit den Projekten, mit meinen Lektorinnen und Lektoren. Finanziell war es nicht immer so einfach. Ohne Institutionen wie den Deutschen Übersetzerfonds und dessen Stipendien hätte ich tatsächlich nichts anfertigen können, ohne irgendwann aus meiner Wohnung zu fliegen. Aber die Kunst- und Kulturförderung in Deutschland – möge sie uns in dieser Form und Fülle erhalten bleiben – ermöglicht eben auch, dass wir trotz sehr schwieriger wirtschaftlicher Bedingungen doch immer wieder anspruchsvolle Projekte halbwegs sorgenfrei ausführen können.«

Auch das später folgende Engagement in der Verbandsarbeit wurde Klobusiczky von berufener Seite angetragen. »Wenn eine so herausragende Persönlichkeit wie der literarische Übersetzer Hinrich Schmidt-Henkel sagt: ›Patricia, ich brauche jetzt wirklich jemanden, der das Amt übernimmt, denn ich habe schon dreieinhalb Amtszeiten lang alles gegeben‹, dann sagen Sie auch da nicht nein. In meiner Amtszeit 2017 bis 2021 habe ich wieder sehr viel gelernt, über Berufs- und Förderpolitik. Trotz der sehr, sehr unterschiedlichen Persönlichkeiten, die auch sehr unterschiedliche Dinge übersetzen, pflegen wir im VdÜ eine Form von Solidarität, die uns alle nachhaltig trägt.«

Befragt zum aktuellen Thema Künstliche Intelligenz und was sich durch ihren Einsatz für Übersetzer verändert, sagt Klobusiczky unaufgeregt: »Die KI ist leider oder zum Glück nicht entstanden, um einen literarischen Text zu übersetzen. Glauben Sie mir, bei Literatur ist es viel besser, wenn Sie von vornherein selbst den Ton setzen, selbst die Figuren gestalten. Sie dürfen nicht vergessen, literarisches Übersetzen ist Schreiben. Ein Kollege hat das Post-Editing von maschinell übersetzten Texten einmal ›intellektuelle Folter‹ genannt. Eine bessere Bezeichnung könnte ich mir nicht vorstellen. Denn als Übersetzerin machen Sie all das, was der Autor oder die Autorin des Originals veranstaltet. Sie erfinden zwar nicht die Handlung, aber alles andere machen Sie. Das geht bis in die Figurenpsychologie hinein. Das kann eine Maschine doch nicht. Deswegen erklären wir gerne – und hoffentlich langweilen wir da niemanden –, warum KI für das literarische Übersetzen keine Bedrohung ist. Aber wir haben natürlich Konzernverlage, die damit schon experimentieren. Die allerdings auch feststellen mussten, dass die Ergebnisse sehr zu wünschen übrig lassen. Wenn sich nicht genug Übersetzer:innen finden, die bereit sind, für einen Hungerlohn dieses quälende Post-Editing zu betreiben, dann wird sich das meines Erachtens nicht durchsetzen.«

Ein einziges Mal hat Patricia Klobusiczky die Rolle gewechselt und wurde als Literatur-Scout tätig: »Das war, als ich bei Sabine Dörlemann in Zürich im Verlagsgarten saß und sie mich fragte: ›Hast du nicht eine Idee für meine Reihe moderner Klassiker?‹. Ich habe ihr Louise de Vilmorin empfohlen, die ich meinerseits als junger Teenager in der Bibliothek meiner Urgroßmutter entdeckt und mit großem Vergnügen gelesen hatte.« Im Dörlemann Verlag ist über die Jahre dann tatsächlich eine kleine Vilmorin-Werkausgabe zustande gekommen – übersetzt von Patricia Klobusiczky.

Vor 36 Jahren ist sie das erste Mal nach Straelen gekommen, und zwar im Rahmen des Straelenpraktikums im Grundstudium. »Da lebte der zweite Gründer des Kollegiums noch, Klaus Birkenhauer, eine sehr beeindruckende Gestalt. Hätte man mir damals gesagt, dass ich einmal seine Nachfolge antreten würde, hätte ich das für einen Scherz gehalten.«

Jetzt, als neue Leiterin des Übersetzer-Kollegiums, ist Patricia Klobusiczky von der Hauptstadt Berlin in das kleine Städtchen Straelen am Niederrhein gezogen. »Ich werde nach wie vor häufig in Berlin sein – auch für das EÜK – aber ich verbringe meine Arbeitszeit hauptsächlich im Kollegium. Das Team, das ich hier vorgefunden habe, macht es mir sehr leicht, mich einzuleben. Sie lieben dieses Haus, sie kennen es sehr gut und ich darf sie alles fragen. Ich empfinde das Kollegium als eine kleine Weltrepublik der Literatur, die gleichzeitig ganz stark verwurzelt ist in dieser Stadt.«

Die Straelener können noch in diesem Jahr ihr Übersetzer-Kollegium wieder als literarisches Zentrum erleben. Denn nach Abschluss einer gründlichen Renovierung wird das Europäische Übersetzerkollegium im Herbst offiziell mit einem Festakt und Veranstaltungsprogramm wiedereröffnet werden.

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 5-6/2026