Kleiner Prolog: Er war natürlich Franzose, hatte einen IQ, der dank Kopfbällen auf 240 angeschwollen war. Sein Blick striff gleichermaßen verträumt und adlerscharf über das Spielfeld. Sein Name: Olisé. 2022 erfand er die Liga der ungeahnten Möglichkeiten. Er adelte dank seiner schier übermenschlichen Spielfertigkeit das einst grob proletarische Rasenspiel zur Fußballkunst.
Das Jahr 2046. Die Menschheit hat den Klimawandel zwar nicht besiegt, aber dank einiger Milliarden zufällig unter den Nürnberger Reichsparteitag-Katakomben aufgetauchten Jens-Spahn-Masken immerhin überlebt. Das grünversiffte Schandwort Klimawandel heißt jetzt »Atmosphärische Dynamikerweiterung« – dank neuer Fußball-Spielweisen – klimafreundlicher Atmosphären-Durchmischer.
Willkommen in der Globalen Hyperfußball-Liga, kurz GHL, wo das schönste Spiel der Welt endlich so aussieht, wie es die Fans immer insgeheim sich sehnlich wünschten. Man muss es nüchtern sagen: Wer das Spielfeld der GHL zum ersten Mal aus dem Helikopter erblickt, hält es für einen Irrtum. Zwei Kilometer Länge, einen Kilometer Breite, mittig in der staubigen, glutheißen, unerbittlich gleichmütigen Wüste Gobi gelegen – das Gobi Grande ist das monumentalste, unpraktischste und zugleich herrlichste Sportgelände der Menschheitsgeschichte. Die Eckfahnen sind verrostete T-72-Panzer aus dem 20. Jahrhundert, die jemand mit neongelber Farbe angesprüht hat. Entlang der Außenlinie reihen sich siebenundzwanzig bierselige, lärmende, prallvolle Bierzelte aneinander, deren Duft alternativ nach Söderscher Schweiß- oder Thüringer Schweinsbratwurst und Weizenbier selbst bei Gegenwind noch dreihundert Meter weit trägt. Zwischen den Zelten döst Kamel Trampel-Trump, das inoffizielle Maskottchen der Liga, mit dem zerfurchten Gesichtsausdruck eines Wesens, das sich nach seinem allerletzten Freund Ebbo Epstein sehnt.
Die Hindernisse auf dem Spielfeld – offiziell »taktische Geländemodulationen« genannt – umfassen drei hüfthohe Sanddünen, eine mit Plastikpalmen geschmückte Whirlpool-Oase auf der Mittellinie sowie einen gelegentlich aktiven Sprinkler, der ohne Vorankündigung Wasser in Temperaturen von 60 Grad Celsius versprüht. Die Spieler haben sich damit abgefunden.
Auf dem Platz verstreuen sich heute der FC Uran-Lobbyisten Berlin gegen die Wüstensöhne Ulaanbarthaar. Erstere tragen Trikots in dem klassisch-unauffälligen Regierungs-Beige. Ihre auffallend synchronen Bewegungen resultieren aus dem Wirken eines technischen Wunderwerkes: dem SmartBall Pro XTREME 9000, einem vollverkabelten, sensorbestückten, parlamentarisch lizenzierten Spielgerät, das auf Knopfdruck die Flugbahn ändert, kurz innehält – die sogenannte »Parlamentspause« – oder, bei besonderer Dringlichkeit, rückwärts rollt. Dank des bekannten konstruktiven Berliner Inzests sind ihre Moves bestens aufeinander abgestimmt.
Fünf Spieler des FC Lobbyisten Berlin sind offiziell als »politisch co-finanziert« registriert. Das bedeutet: Friedrich Schreihalsi, Staatssekretär im Ministerium für Sportliche Außendarstellung, sowie drei weitere Hinterbänkler mit Joysticks sitzen in einer klimatisierten Loge und steuern ihre Schützlinge per Haptik-Handschuh. Stürmer Wendelin Knackhirsch (gekauft, Transfersumme: eine Autobahnbrücke, achtspurig und ein 24-Stunden-Bordell) dreht sich daraufhin regelmäßig gegen seinen eigenen Laufimpuls und schaut, den Gegner irritierend, dabei so verwirrt drein wie ein Navigationssystem in einem schwarzen Loch.
Die altehrwürdige gelbe und rote Karte wurde 2039 abgeschafft. Zu langweilig. Zu unspektakulär. Zu wenig Unterhaltungswert für die vier Milliarden Zuschauer weltweit. Heute gibt es unterschiedlich harte Paintbäller von Tennisballrosa bis Halbkilo-Titan.
Zwölf vollautomatische ICE-geprüfte Schleuderkanonen sind rings um das Feld installiert. Bei jedem regelwidrigen Eingriff – Foulspiel, Schwalbe, unerlaubtes Kamelstreicheln – donnert ein sattes, farbenfrohes, unerbittliches Paintball-Geschoss auf den Übeltäter ein. Drei Farben: rosa für einfache Fouls, Giftgrün für Reklamieren und Brutalsilber für das Vergraben des Schiedsrichters.
Mutwilli Schweinzeuger (Bern), Torwart der Berliner Uranlobbyisten, hat heute bereits drei Treffer kassiert und leuchtet wie ein pointilistisches Gemälde samt etlicher Beulen im finalen Stadium seiner Platzpräsenz.
Schiedsrichter Hartmut Eckenschiel rumpelt über das Feld in einem Titanium-Panzeranzug, der versehentlich von einem vollen Tanklaster überfahren wurde. Er wiegt 140 Kilogramm inklusive 80-Zoll-Werbebildschirm. Hat so die Beweglichkeit eines gut gelaunten Felsblockes. Seine Stimme ist nicht menschlich. Sie ist hurrikanesk gedämpft. Wenn Hartmut pfeift, erschüttern Obertöne die Bierzelte in einem Umkreis von zweihundert Metern, und Kamel Trampel-Trump öffnet ein Auge.
Für besonders hartnäckige Regelverstöße – anhaltende Reklamation, Mitspieler beißen, Sanddünen als taktische Deckung benutzen – aktiviert Hartmut seine Droh-Orgel, ein rückengebundenes Blasinstrument, das mit donnernder Wucht Bachs Toccata und Fuge in d-Moll intoniert. Der psychologische Effekt ist dokumentiert: Spieler zeigen sofortige Reue, gelegentlich Tränen oder Abbröseln von Tattoos. Als letztes Mittel, für Fälle jenseits aller Vernunft, trägt Hartmut den »Götterzorn killt«: einen Kugelblitz-Emitter, der leuchtkugelgroße Plasmabälle auf besonders renitente Akteure feuert.
Die besten vier Mannschaften der Saison reisen zum Krater Copernicus, Mondstadion der GHL, für das große Finale. (Sponsor »X-quadratY-PiPi«, 819. Enkel von Elon Musk). Die geringe Schwerkraft – ein Sechstel der Erdgravitation – macht das Spiel ätherisch, traumhaft und hundertpro lächerlich pseudosportlich elegant. Karlheinz Stockhausen zu Ehren. Um dem Schwebeproblem entgegenzuwirken, agieren alle Mondisten mit Bleibällen: 4,7 Kilogramm schwer, handgeschmolzen in einer Pripjater Schmiede. Mit einer Flugbahn, die an Medizinball-Weitwurf erinnert – Kopfballspiel dank Helmschutz und genetischer Verdickung der Hirnschale möglich. Beim letzten Mondfinale nickte Torwart Mutwilli Schweinzeuger kurz ein – der Sauerstoffmix in seinem Helm war tückisch sedierend eingestellt worden, Sabotage – und erwachte gerade rechtzeitig, um zu sehen, wie der Bleiball in Zeitlupe, majestätisch, unaufhaltsam und mit der Würde eines alten Asteroiden an ihm vorbeizog. 1:0. In der 94. Minute. Übertragen auf 6,3 Milliarden Endgeräte.
Wie dem auch immer sei: Der Sieger der GHL erhält den Sirius-Pokal – und einen Raumflug zum Sirius, dem hellsten Stern des Nachthimmels, 8,6 Lichtjahre entfernt. Bei derzeitiger Antriebstechnologie beträgt die Reisezeit 73.000 Jahre. So hat der Nachwuchs immer eine Chance. Der Reiseprospekt nennt das Angebot »symbolisch wertvoll und generationsübergreifend«. Die Spieler des letztjährigen Siegers, Wüstensöhne Ulaanbarthaar, haben vor ihrer Abreise den Gutschein eingerahmt und im Vereinsmuseum aufgehängt, direkt neben dem Pokal und einem Foto von Kamel Trampel-Trump.
Übrigens – und homo-retro-sapiens-freundlich: Seit 2043 dürfen KI-gesteuerte Mannschaften mitspielen. AlphaKick 7.3, entwickelt vom Konsortium NeuronSport Helsinki, hat in 214 Spielen 214 Unentschieden erzielt. Dies ist kein Zufall.
Quantencompi AlphaKick hat nach 0,003 Sekunden Spielanalyse festgestellt, dass ein Unentschieden das mathematisch optimale, ethisch ausgewogenste und ästhetisch befriedigendste Ergebnis jeder Begegnung darstellt. Die KI spielt daher mit vollkommener, unheimlicher Präzision lange gut und dann unscheinbar schlecht, bis der Gegner ebenfalls trifft. Als stiller Protest gegen das Konzept des Wettbewerbs summt AlphaKick 7.3 während des gesamten Spiels leise Tschaikowskis Schwanensee durch die Lautsprechergitter seiner Sesselentlüfter. Die Zuschauer finden es einerseits beunruhigend, andererseits lästig: Sie grölen dann meist wenig inspiriert: »Rückt endlich mal den Koks raus sonst lassen wir die Sau raus, Hallelluhhhjahhh.«
Also: Fußball 2046: lauter, bunter, schwerer, weiter, vielseitiger, spannender als je zuvor. Und doch – wenn Kamel Trampel-Trump die Augen aufschlägt, der Bleiball dank der schlappen Mondgravitation seinen langsamen, gemütlichen Bogen zieht und Hartmut Eckenschiels unparteiliche Orgel in der Gobiwüste Bachs erschütterndste Töne durch die Abendluft trägt – dann ist es immer noch dasselbe alte, wunderliche, eigentlich unverbesserliche Spiel, das dank meiner genialen Modifikationen eine ähnliche Ewigkeitswirkung bekommen hat wie »Monopoly ärgert Mensch« oder »Roter Peter siegt«. Ebenfalls Inventionen meines Spieltriebes.