Museen, Archive und Bibliotheken haben über Jahrzehnte digitale Bestände des Kulturerbes aufgebaut – doch wer bestimmt künftig, welche dieser Informationen in KI-gestützten Wissensprozessen gefunden, als Quellen herangezogen und zu Aussagen synthetisiert werden?
Digitale Souveränität betrifft nicht mehr nur die Kontrolle darüber, mit welcher technischen Infrastruktur Daten gespeichert und verarbeitet werden, wie sie bereitgestellt, genutzt und weiterverarbeitet werden dürfen, sondern zunehmend auch die Fähigkeit, mitzugestalten, ob und wie die eigenen Informationsbestände in KI-basierten Wissensprozessen überhaupt vorkommen. Fehlt diese Anschlussfähigkeit, droht eine Form »digitaler Unsichtbarkeit«. In dem Maß, in dem KI-Systeme Informationen auswählen, gewichten und zu Antworten synthetisieren, prägen sie zunehmend unser Bild von kultureller Wirklichkeit. Was für diese Systeme nicht auffindbar und adressierbar ist, verschwindet damit aus diesem Bild.
Generative KI verändert grundlegend, wie Information gesucht, ausgewählt, verknüpft und erzeugt wird. Menschen als Nutzer, zunehmend auch Maschinen als Agenten, lösen mit ihren Anfragen Analyse- und Syntheseprozesse aus – das Ergebnis wird nicht aus einem dauerhaft vorliegenden Informationsobjekt abgerufen, sondern für die jeweilige Anfrage situativ erzeugt. Die Quellen und Datenbestände bleiben bestehen; die daraus synthetisierten Aussagen, Zusammenhänge und Deutungen sind flüchtig.
Daraus folgen neue Anforderungen an kulturbezogene Informationssysteme. Neu sind Umfang, Geschwindigkeit und Automatisierungsgrad, mit denen KI-Systeme Informationen aus heterogenen Quellen zu Antworten synthetisieren. Das wirft Fragen nach der Belastbarkeit dieser Aussagen, ihren Quellen sowie nach Zuschreibungen, Auslassungen und Verkürzungen auf. Kulturelle Informationen werden in vernetzte semantische Repräsentationen eingeordnet, in denen KI-Systeme Beziehungen und Kontexte erschließen und Relevanz bewerten. Entscheidend sind eindeutige Adressierbarkeit durch stabile Identifikatoren, strukturierte Metadaten und semantisch präzise Beschreibungen sowie Provenienz- und Rechteinformationen.
Eine besondere Dimension digitaler Souveränität im Kulturerbebereich betrifft die Provenienz, da sie Teil des Bedeutungs- und Geltungszusammenhangs kultureller Information ist. Fachlich und qualitativ gesicherte Quellen spielen deshalb eine entscheidende Rolle. Zu unterscheiden sind die Provenienz des Kulturobjekts, die Herkunft seiner digitalen Repräsentation und die Provenienz der darüber getroffenen Aussagen: Wer hat sie wann, auf welcher Grundlage und in welcher Version erzeugt? Für KI-basierte Nutzungen sind alle drei Ebenen relevant. Quellenbezug, institutionelle Verantwortung, Versionierung und Rechteinformationen müssen erhalten und transparent sowie maschinenlesbar zugänglich bleiben.
Die KI-Anschlussfähigkeit von Informationssystemen erschöpft sich nicht darin, Daten für bestimmte KI-Modelle zu optimieren oder als Trainingsdaten anzubieten. Entscheidend sind vielmehr Schnittstellen und Dienste, über die KI-Systeme Informationen finden, abrufen, einordnen und auf ihre Quellen zurückführen können. Offene Standards und maschinenadressierbare Dienste schaffen die Verbindung zwischen Datenbeständen und KI-gestützten Wissensprozessen. Für kulturbezogene Informationssysteme bedeutet dies, dass Informationen aus den eigenen Beständen unmittelbar und mit ihrem Quellenbezug in die Synthese eingehen können.
Hier liegt ein Kern digitaler Souveränität. Kulturbezogene Informationssysteme müssen über KI-geeignete Schnittstellen, Standards und Dienste verfügen, über die ihre Informationen zur Laufzeit unmittelbar in Prozesse der Wissensgenerierung einbezogen werden können. Öffentliche Kulturdaten werden dadurch nicht nur zum Rohstoff für KI-Systeme, sondern zu einem Teil ihrer Referenzinfrastruktur. So behalten die Institutionen Einfluss darauf, wie ihre Daten, Identitäten und Referenzen in diesen Prozessen verwendet und zugeordnet werden.
Die Deutsche Digitale Bibliothek bietet die Chance, diesen Wandel beispielgebend zu gestalten. Als nationale, spartenübergreifende Kulturdateninfrastruktur kann sie zeigen, wie öffentlich verantwortete Kulturdaten für KI-gestützte Wissensprozesse erschlossen werden, ohne Quellenbezug, Provenienz und institutionelle Verantwortung preiszugeben. Zu Portal und Aggregator tritt damit eine KI-fähige Daten- und Wissensinfrastruktur für Maschinen hinzu. Digitales Kulturerbe bleibt so in den Wissenssystemen der Zukunft auffindbar, adressierbar, zitierbar und überprüfbar.
Verpassen kulturbezogene Informationsdienste den KI-Anschluss, treten Herkunft, fachliche Qualität und institutionelle Verantwortung hinter technischer Verfügbarkeit und statistischer Plausibilität zurück. Generative Systeme verstehen es, Lücken zu glätten, Unsicherheiten zu nivellieren und fehlende Zusammenhänge durch plausibel wirkende Konstruktionen zu ersetzen. Digitale Souveränität entscheidet sich deshalb auch daran, wer in diesen Wissensprozessen als Quelle präsent bleibt: Was nicht adressierbar ist, verschwindet nicht aus den Beständen – aber aus dem Bild der Wirklichkeit, das aus ihnen erzeugt wird.