Der Umgang mit Sammlungsobjekten aus kolonialen Kontexten beschäftigt Museen seit einigen Jahren, nun hat auch der Deutsche Bibliotheksverband (dbv) gemeinsam mit der Vereinigung Österreichischer Bibliothekarinnen und Bibliothekare (VÖB) einen Leitfaden zu »Kolonialen Kontexten in Bibliotheken« veröffentlicht. Auch hier stellt sich die Frage, wie historische Machtverhältnisse sichtbar gemacht, institutionelle Verantwortung wahrgenommen und praktische Schritte in den Bibliotheksalltag übersetzt werden können. Reinhard Altenhöner gibt dazu Auskunft.
Welche Bedeutung hat der neue Leitfaden für öffentliche und wissenschaftliche Bibliotheken im deutschsprachigen Raum? Warum ist der Umgang mit kolonialen Kontexten gerade für Bibliotheken ein wichtiges kulturpolitisches Thema?
Bibliotheken bewahren Wissen nicht nur, sie wählen aus, ordnen, beschreiben und vermitteln es. Damit prägen sie, was sichtbar und auffindbar wird – und aus welcher Perspektive. In ihren Beständen spiegeln sich deshalb auch historische Machtverhältnisse. Koloniale Kontexte in Bibliotheken begegnen keineswegs nur als die im Museumsbereich vieldiskutierten Fälle von in der Zeit des Kolonialismus geraubten, gehandelten bzw. erworbenen Objekten – in Bibliotheken sind das etwa äthiopische Handschriften, Palmblatthandschriften aus Indonesien oder Codices aus dem heutigen Mexiko. Geradezu massenhaft und bisher wenig beachtet begegnen uns in den Bibliotheken koloniale Kontexte über Reiseberichte, Fotografien, Romane, politische Schriften oder Kochbücher, aber auch durch ältere Schlagwörter und Klassifikationen. Das Thema reicht somit tief in die alltägliche Arbeit öffentlicher wie wissenschaftlicher Bibliotheken hinein.
Mir war wichtig, dass der Deutsche Bibliotheksverband diese Debatte aktiv aufnimmt. Museen stehen schon länger im Zentrum der Auseinandersetzung mit kolonialem Sammlungsgut; Bibliotheken galten dagegen vielfach noch als neutrale Wissensspeicher. Der gemeinsam mit der VÖB herausgegebene Leitfaden korrigiert diese Verkürzung. Er verbindet die Fachdiskussion mit Empfehlungen für Provenienzforschung, Erwerbung, Präsentation und Metadatenarbeit. Dabei ist er kein Vorschriftenkatalog, sondern Arbeitsinstrument und Einladung, Verantwortung in den institutionellen Alltag zu übersetzen. Kulturpolitisch geht es um die Glaubwürdigkeit von Bibliotheken als offenen, demokratischen Freiräumen für alle: Wer Zugänge zu Wissen schafft, muss auch offenlegen, woher dieses Wissen kommt – und welche Stimmen bisher ungehört bleiben.
Welche besonderen Herausforderungen stellen sich beim Umgang mit kolonialen Beständen, auch mit Blick auf Provenienzforschung, Bestandspräsentation, digitale Zugänglichkeit und rechtliche bzw. ethische Fragen?
Die erste Schwierigkeit liegt bereits im Erkennen. Koloniale Zusammenhänge verbergen sich in komplexen Erwerbungswegen, wenig erschlossenen Nachlässen, unterschiedlichsten Materialarten und langen Zeitabständen. Anders als bei der Suche nach NS-verfolgungsbedingt entzogenem Kulturgut geht es um weit mehr Regionen, Sprachen und Rechtstraditionen. Provenienzforschung kann deshalb nur mit Wissenschaft, Zivilgesellschaft sowie Partnerinnen und Partnern in den Herkunftsgesellschaften gelingen. Das verlangt Zeit, Vertrauen und die Bereitschaft, die eigene Deutungshoheit zu relativieren.
Ähnlich anspruchsvoll ist die Präsentation. Problematische historische Bezeichnungen einfach zu löschen, reicht nicht: Das Original und seine Geschichte müssen nachvollziehbar bleiben. Zugleich dürfen rassistische Begriffe und koloniale Ordnungsmuster nicht unkommentiert reproduziert werden. Gefordert sind Kontextualisierung und – wo möglich – ergänzende Selbstbezeichnungen, mehrsprachige Vokabulare und andere Perspektiven.
Die Digitalisierung verschärft diese Fragen. Sie eröffnet weltweit Zugang und neue Forschung, macht sensible Inhalte und problematische Metadaten aber ebenfalls weltweit sichtbar – auch in den Gesellschaften, aus denen Materialien und Wissen stammen. Urheber- und Persönlichkeitsrechte, Schutzinteressen sowie ethische oder religiöse Gründe können gegen eine völlig offene Bereitstellung sprechen. Es braucht Nachvollziehbarkeit und Verstehen statt pauschaler Offenheit oder Sperrung: Zugang, Transparenz und mögliche Verletzungen sind sorgfältig abzuwägen.
Was brauchen Bibliotheken, um diese Aufgabe dauerhaft und verantwortungsvoll leisten zu können?
Zunächst müssen sie das Thema als Dauer- und Strategieaufgabe anerkennen. Es darf nicht vom Engagement Einzelner oder von gelegentlichen Projekten abhängen. Eine große Forschungsbibliothek mit potenziell belasteten Sammlungen braucht andere Instrumente als eine kleine Stadtbibliothek. Doch auch öffentliche Bibliotheken entscheiden durch Bestandsaufbau, Katalogisierung, Veranstaltungen und Vermittlung, welche Stimmen sichtbar werden – eine Diskussion, die wir als Verband auch an anderer Stelle führen.
Erforderlich sind dauerhaft verfügbare Kompetenzen, Zeit und Ressourcen. Projektförderung kann wichtige Anstöße geben; ohne strukturelle Verankerung bleiben Ergebnisse jedoch punktuell. In den Museen wurde bereits viel erreicht, Bibliotheken müssen nun nachziehen – bei Provenienzforschung, Metadatenarbeit, Digitalisierung, Qualifizierung und internationaler Kooperation.
Ebenso wichtig sind gemeinsame Strukturen. Nicht jede Bibliothek muss jede Lösung selbst entwickeln. Wir brauchen Austauschforen, nachnutzbare Verfahren, Standards und Netzwerke mit Wissenschaft und Zivilgesellschaft. Menschen und Institutionen aus den Herkunftsgesellschaften müssen nicht nur konsultiert, sondern als Partnerinnen und Partner einbezogen werden. Der Leitfaden ist als dynamisches Dokument angelegt: Seine Wirkung entfaltet er, wenn Bibliotheken ihn nutzen, Erfahrungen zurückspielen und aus Empfehlungen veränderte Praxis wird. Der dbv wird diesen Prozess unterstützen und für Rückhalt werben.