Digitale Daten zu materiellen und immateriellen Kulturgütern sind ein wesentlicher Bestandteil des täglichen Lebens, der künstlerischen Praxis und der individuellen sowie gesellschaftlichen Erfahrung. Sie entstehen täglich in kreativen, performativen und konservatorischen Kontexten und bilden eine wichtige Grundlage für den Zugang zu Kultur, zu wissenschaftlichen Erkenntnissen und zu kritischen Reflexionen gesellschaftlicher Entwicklungen. Im Zeitalter der Erschließung von digitalen Räumen durch Künstliche Intelligenz mithilfe von Large-Language-Models werden sie zu Quellen des wissenschaftlichen Verständnisses unserer Zivilisation.

Mit seiner Vision von geteilten Daten als geteiltem Wissen zielt NFDI4Culture darauf ab, diese Daten in einer nachhaltigen Infrastruktur zu vernetzen und für Forschung und Gesellschaft langfristig zu bewahren. Universitäten, außeruniversitäre Forschungseinrichtungen, Museen, Bibliotheken, Archive und Galerien, aber auch Aufführungsorte wie Theaterhäuser können dabei beides sein: Datengebende und Datennutzende.

Zu diesem Zweck schafft NFDI4Culture eine bedarfsgerechte Infrastruktur für Forschungsdaten, in Zusammenarbeit mit und explizit für diese vielfältige Daten-Kultur. Die Stichpunkte Digitalisieren, Metadatenverschlagwortung, Langzeitarchivierung, Lizenzierung und Veröffentlichung können in groben Zügen und sicher nicht erschöpfend skizzieren, zu welchen Aufgabenfeldern es Lösungs-, Schulungs- und Diskussionsangebote innerhalb der Nationalen Forschungsdateninfrastruktur (NFDI) und ihrer Fachkonsortien – insbesondere NFDI4Culture – gibt.

Infrastrukturen des digitalen Raums werden im Wesentlichen von drei miteinander verwobenen Faktoren bestimmt: Daten, Technik und Förderstrukturen. Als Gesellschaft gestalten wir diese Faktoren als gemeinschaftliche Aufgabe so, dass wir uns als souverän wahrnehmen können. Kultur und Wissenschaft sollen frei und nicht fremdbestimmt sein. Digitale Souveränität einer Infrastruktur meint die aufgeklärte Entscheidung für Lösungen, deren Folgen günstig oder zumindest tragbar für die Fortentwicklung des eigenen Projekts, z. B. einer Werkdatenbank oder einer sozio-technischen Infrastruktur, sind.

Souverän im Umgang mit Daten ist, wer Zugang zu ihnen erhalten kann, unabhängig davon, ob er oder sie an einer bestimmten Universität mit einem Rahmenabkommen zu Infrastrukturen arbeitet oder nicht. NFDI4Culture bietet hier ein Access-Management zu allen Diensten der NFDI, das explizit nicht institutionengebunden ist und auch Einzelpersonen ohne universitäre Affiliation Zugang gewährt. Souverän ist auch, wer unabhängig von proprietären Datenformaten operiert, die nur von einem bestimmten Anbieter verarbeitet werden können. Standards und Dokumentationen bei der Erstellung und im Umgang mit Daten sind die wichtigste Grundlage hierfür. Gerade in kulturellen und wissenschaftlichen Nischen, in denen es (noch) keine einheitlichen Standards gibt, sind Räume und Formate für Aushandlungen und Erfahrungsaustausch eine wichtige Entscheidungshilfe. Foren und Special Interest Groups (SIG) in NFDI4Culture sowie der NFDI4Culture Helpdesk bieten hierfür konkrete Orte der Diskussion. Ebenso bedeutend für souveräne Entscheidungen sind Data und Code Literacy der Anwenderinnen und Anwender. Diese wird durch NFDI4Culture mit ihrer Cultural Research Data Academy in freien und gezielten Schulungsangeboten sowie durch die Kuratierung von Open Educational Resources gefördert. Souverän ist aber auch, wer unter Umständen den Zugang zu sensiblen Daten einschränken und ihn flexibel gestalten kann. NFDI4Culture versteht sich hier als Aushandlungsraum für die Ausbalancierung der Anforderungen an Infrastrukturen, die sowohl dem öffentlichen Anspruch an Public Commons wie auch dem individuellen Anspruch an Wertschöpfung und Wirtschaftlichkeit Rechnung tragen.

Die Forderung nach Nachnutzung, Weiterentwicklung und Zugänglichkeit muss dabei auch für die Infrastrukturangebote gelten. Souveränität in der Technik bedeutet dabei, frei entscheiden zu können, ob hier Open-Source-Lösungen oder kommerzielle Plattformen oder eine Mischung aus beiden zum Tragen kommen. Die Kenntnis über interoperable Austauschformate und Standards für Daten und Code sowie die Möglichkeit, diese plattformagnostisch zu hinterlegen, machen Akteure nachhaltig digital souverän und Wissen in Daten langfristig verfügbar – über technische und politische Dynamiken hinweg.

Vor dem Aufbau der Nationalen Forschungsdateninfrastruktur und NFDI4Culture gab es auf nationaler Ebene kein koordiniertes Forschungsdatenmanagement zu materiellen und immateriellen Kulturgütern. Durch NFDI4Culture existiert nun eine institutionsübergreifende Infrastruktur, die ein vielfältiges Spektrum von Beratungs-, Fortbildungs- und Schulungsangeboten bis hin zu Repositorien für die Langzeitsicherung und Plattformen zur Annotation digitaler Kulturgüter bietet. Das Konsortium ruht auf einem soliden Fundament langfristig zugesagter Förderung mit großer Akzeptanz in den mitwirkenden Communities. Diese Infrastruktur als Beteiligungsstruktur zu nutzen ist die nachhaltigste Strategie, sich als einzelner Akteur, Institution oder Projekt auf dynamische Entwicklungen des digitalen Raums einzustellen und gemeinsam die persönlichen Grenzen der eigenen Möglichkeiten zu erweitern.

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 11-12/2026