Das Interview mit Lavinia Frey zu diesem Porträt stand unter einem guten Stern. Kurz zuvor war nämlich diese Nachricht durch die Presse gegangen: »Das Internationale Literaturfestival Berlin (ILB) soll in absehbarer Zeit in die institutionelle Förderung des Bundes übergehen und Teil der Berliner Festspiele werden. Diese Perspektive wurde im Rahmen der Verhandlungen zum Hauptstadtfinanzierungsvertrag zwischen dem Bund und dem Land Berlin vereinbart. Bis zu diesem Zeitpunkt ist die Finanzierung über den Hauptstadtkulturfonds im Rahmen einer Regelförderung weiterhin gesichert.«

Sicher ein entscheidender Schritt für die Zukunft des ILB und eine Bestätigung für das Engagement von Lavinia Frey, die das Literaturfestival seit drei Jahren leitet.

Ein Steckbrief des 26. Literaturfestivals, beheimatet in ganz Berlin und zu Gast im Haus der Berliner Festspiele, ist schnell verfasst: Rund 240 Beteiligte aus den Bereichen Literatur, Musik, Wissenschaft und Gesellschaft wirkten mit, über 100 Autorinnen und Autoren aus rund 40 Ländern waren zu 150 Lesungen, Paneldiskussionen, Performances und Workshops eingeladen und erreichten ein Publikum von über 25.000 Besucherinnen und Besuchern. Die Ausgabe 2026 feierte in besonderem Maße die Verschmelzung von Literatur mit Musik, insbesondere Jazz und Kammermusik, Tanz und Performance. »Das diesjährige Festival hat mich sehr berührt, weil wir viel junges Publikum hatten. Wenn wir uns fragen, was ein junges Publikum auf einem Literaturfestival sucht, dann ist es vielleicht eine Verkörperlichung von Gedanken in Zeiten von Social Media und AI. Es ist der Ort, wo ich Autorinnen und Autoren persönlich erleben kann und hören kann, wie sie über ihre Bücher sprechen.«, so Frey. Professionell nennt man das »Audience Development« und für Festivalmacherin Frey ist es einer der wichtigsten strategischen Punkte bei der Planung: »Wir laden hier herausragende Autorinnen und Autoren aus allen Kontinenten der Welt ein. Ich möchte gerne, dass die vor vollen Sälen spielen. Das sind wir ihnen schuldig.«

1988, direkt nach dem Abitur, geht Lavinia Frey nach London an die Contemporary Dance School. Sie will tanzen. Frey spürt, das ist die Kunstform, in der sie sich ausdrücken kann. »Für mich gab es gar keinen anderen Weg, als das zu tun.«

Doch warum kommt sie zum Studium zurück in die Schweiz? Frei nach dem Bonmot »Eine gute Theorie ist die beste Praxis« sucht die junge Tänzerin die intellektuelle Auseinandersetzung. »Die gibt es natürlich im Tanz auch, man denke nur an Sasha Waltz oder Pina Bausch«, sagt sie. »Aber solche Zugänge hatte ich damals als 18-jährige Ausländerin in London nicht. Wir wurden zu Tanzmaschinen ausgebildet.« Parallel zum Studium der Allgemeinen Geschichte, der Theaterwissenschaften und der Philosophie an den Universitäten Zürich und Bern choreografiert und tanzt Frey in der Company LOOPING von Jochen Heckmann und assistiert 1995 dem Regisseur Volker Hesse bei dessen Uraufführung des Stücks »Insekten« am Theater am Neumarkt, das zum Theatertreffen nach Berlin eingeladen wurde. »Mein erstes Theaterstück, das ich als Assistentin begleitet habe, war beim Theatertreffen! Da wusste ich natürlich, dass das Riesenspaß macht.«

Nach dem Studium ist Lavinia Frey von 1997 bis 1999 Regieassistentin am Schauspielhaus Zürich, 1998 inszeniert sie ihr erstes abendfüllendes Stück »Die Steinträger«, eine Adaption von Anne Michaels’ »Fluchtstücke«. 1999 folgt die Romanadaption »Das kunstseidene Mädchen« von Irmgard Keun am Schauspielhaus Zürich.

Es folgen Engagements als Regisseurin und Choreografin am Stadttheater Bern, an der Hochschule für Musik und Theater Bern, am Stadttheater Hildesheim, am Mecklenburgischen Staatstheater und am Maxim Gorki Theater Berlin. Frey durchlebt damals eine ausgefüllte, intensive Zeit. Doch es kam zu einer beruflichen Neuorientierung und zu einem Ende der aktiven Bühnenlaufbahn. Frey geht diesen großen Schritt trittsicher: Sie wird Kulturmanagerin. Wie viele Talente wurden ihr denn noch in die Wiege gelegt? Was reizt eine Künstlerin am »Managen«? Frey antwortet offen, indem sie ihre damals komplizierte Lebenssituation kurz skizziert: »Ich bin Mutter geworden, ungeplant, alleinerziehend und als Regisseurin reist man eben viel: drei Monate da, drei Monate dort, und das habe ich die ersten zwei Jahre mit meinem Sohn noch gemacht und dann war klar, dass das kein Leben ist, das man führen kann. Deswegen habe ich mich neu orientiert.«

2007 gründet sie gemeinsam mit der Graf & Graf Literaturagentur GmbH der Literaturagentin Karin Graf die Kultur- und Konzeptagentur Graf & Frey GmbH und 2013 die gemeinnützige G + F Kulturarbeit gUG, wo sie jeweils als geschäftsführende Gesellschafterin agiert.

»Von Karin Graf habe ich alles gelernt. Sie ist solch eine prägende Figur in ihren Ansprüchen an Qualität und darin, wie sie dranbleibt, wenn sie eine Idee hat.« Die Graf & Frey Kultur- und Konzeptagentur war unter anderem für das Programm der LIT:potsdam von 2013 bis 2016 verantwortlich und die G + F Kulturarbeit führte zweimal die europäische Schriftstellerkonferenz durch.

»Veranstaltungen sind natürlich weniger komplex als ein Theaterstück. Trotzdem braucht es einen Bogen, es braucht eine Dramaturgie, es braucht eine Räumlichkeit und das habe ich immer mitgedacht, wenn ich Dinge konzipiere.« Insofern empfindet Lavinia Frey den Unterschied zwischen kreativ sein und Managerin sein gar nicht so stark.

Freys Leben hätte so weitergehen können. Doch dann kommt der Anruf von Kulturstaatsministerin Monika Grütters. 2016 wird Frey als Vorständin in die Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss und als Geschäftsführerin der Humboldt Forum Kultur GmbH berufen. Sie baut dort gemeinsam mit den Gründungsintendanten Neil MacGregor, Hermann Parzinger und Horst Bredekamp den kulturellen Betrieb des Humboldt Forums auf.

»Ich war die Erste im Amt, die Nummer eins, und am Schluss habe ich innerhalb von zwei Jahren ein Team von 80 Leuten aufbauen dürfen.« Mit der Berufung eines Generalintendanten wird Frey Geschäftsführerin der Abteilung Programme und Projekte der Stiftung Humboldt Forum und verantwortet dort die Wechselausstellungen und das Veranstaltungsprogramm der Stiftung sowie den Bereich »Geschichte des Ortes«. 2020 kuratierte sie die Eröffnung des Humboldt Forums, die pandemiebedingt digital stattfand.

Freys Weltsicht wird durch die neue Tätigkeit eine andere: Das Humboldt Forum im Berliner Schloss ist ein interdisziplinäres Kulturzentrum mit Schwerpunkt auf der Präsentation von Sammlungen und Kulturen aus Afrika, Asien, Amerika und Ozeanien. Die Herausforderungen durch die Dekolonialisierung, die Kritik am Projekt und für sie gänzlich neue Formen der internationalen Zusammenarbeit empfindet sie als prägend: »Meine komplette Weltsicht stand plötzlich in einem völlig neuen Licht. Ich habe dank dieser Arbeit sehr viel lernen dürfen. So nah dran zu sein, wenn ein derart starker Shift of Framing stattfindet – das empfinde ich als Lebensglück.«

Epilog: 2023 wurde Lavinia Frey zur Leiterin des Internationalen Literaturfestivals Berlin berufen, das sie seither mit Erfolg und Enthusiasmus in die Zukunft führt. Damit wären wir am Ende und auch wieder am Anfang dieses Textes. Die Geschichte von Lavinia Frey ist aber noch lange nicht zu Ende erzählt.

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 11-12/2026