»Tapp- und Tastkino« – da führt kein Weg dran vorbei, wenn man sich mit der Kunst von Valie Export auseinandersetzen will: Obwohl die Zahl ihrer Arbeiten immens ist und ihre Werke weltweit in Museen und Galerien präsent, wird die Medien- und Performance-Künstlerin Valie Export doch immer wieder reduziert auf ihr »Tapp- und Tastkino« von 1968. Sie selbst nennt es »Tapp und Tastfilm, (…) denn ich sagte damals, jeder Mensch kann diese Filminstallation ausführen, es gibt kein Original«. Kein Original, aber doch eine Premiere: Auf dem Ersten Europäischen Treffen der Unabhängigen Filmemacher 1968 in München konnte man Valie Export auf öffentlichen Plätzen begegnen, begleitet vom Medienkünstler und damaligen Lebensgefährten Peter Weibel, der mittels eines Megaphons Passanten zum Tappen und Tasten aufforderte. Export stand neben ihm mit lockiger Perücke und einem Kasten vor der Brust. Darin zwei Öffnungen gerade groß genug, um hineinzufassen und für die Dauer von 12 Sekunden die nackten Brüste der Künstlerin zu berühren. Eine Aktion öffentlich und unsichtbar zugleich, nur sichtbar im Ausdruck von Valie Exports Gesicht undden Gesichtern des handgreiflichen Publikums. Zeitgenössische Kunst, die mitten hineinreicht in das Privateste eines Menschen, seinen Körper, seine Intimsphäre, seine Nacktheit, seine Sexualität und sein Ausgeliefertsein, wenn er auf den Schutz der Kleidung verzichtet. Vorläufer von Exports Tapp- und Tastkino war ihre Aktion »Action Pants: Genital Panic«, bei dem sie 1968 durch ein Münchner Kino ging, gekleidet in Lederjacke und in eine Lederhose, die im Schritt ausgeschnitten war, mit der Aufforderung ans Publikum, eine »echte Frau« anzusehen anstelle von Bildern von Frauen auf der Leinwand.
Die in den 1968er-Jahren wiedererwachte Lust am Skandal, am Subversiven symbolisierte eine Aufbruchsstimmung insbesondere auch bei Künstlerinnen dieser Ära: Dass eine Frau sich derart im öffentlichen Raum präsentiert, sich selbst als Environment konzipiert, das wurde als schockierend und anmaßend empfunden. Rückblickend sagt Valie Export zum umstürzlerischen Geist der 1968-Jahre, dass Subversion eigentlich kein 1968-Gedanke aus dem Museum sein sollte,sondern Notwendigkeit für jede Zeit, denn »Subversion, ist das, was verändert«.
Das ganze Leben von Valie Export steht unter der Überschrift »Veränderung«. Zusammen mit ihren beiden Schwestern wuchs sie als geborene Waltraud Lehner bei ihrer Mutter in Linz auf – ihr Vater war im Krieg umgekommen. Die Schülerin einer Klosterschule schrieb schon in jungen Jahren Gedichte und zeichnete ununterbrochen. Export las gerne Abenteuerromane über Entdecker und Bezwinger fremder Kontinente, Länder und Berge und reiste in Gedanken zuAntarktis und Arktis, nach Grönland oder bestieg den Nanga Parbat. Beim Lesen wurden die Fotos in den Büchern wie selbstverständlich nachgezeichnet. Das Erobern der Welt durch Abzeichnen war letztlich die Vorbereitung des Kindes auf die eigene Lebensreise. Valie Export sammelte japanische Stiche, zeichnete sie nach, sammelte auch japanische Gedichte und empfand das Gefühl von Ferne stets ganz nah. Das Weggehen wollen und das Ankommen waren die Themen ihrer Jugend. 1956, mit 16 Jahren, kamen die ersten Selbst-Porträts, das Inszenieren vor der Kamera, die künstlerische Beschäftigung mit dem eigenen Körper. Zwischen 1955 und 1958 besuchte Export die Kunstgewerbeschule in Linz, 1960 ging sie nach Wien auf die Textilfachschule. Schon in den Jahren davor beschäftigte sie sich mit Kunstgeschichte, ihre ersten Arbeiten lehnten sich an die russischen Konstruktivisten an. »Dann«, erinnert sie sich, »hat das Eigenständige angefangen«.
Seit 1966 verzeichnet ihr Werkverzeichnis erste Filmarbeiten, etwa das Drehbuch »AUS ALT MACHT NICHT NEU – ein Versuch der Sinnlosigkeit. Eine metaphorische Bildassoziation, Projekt«. Auch ihr eigener Name – ihr »Ich« – wurde Kunst: 1967 nahm Waltraud Stockinger, ehemals Waltraud Höllinger, geborene Waltraud Lehner den Künstlernamen Valie Export als künstlerisches Konzept und Logo an, mit der Vorgabe, ihn nur in Versalien zu schreiben. Die Entstehung dieses Künstler-Logos markierte Export im Jahr 1970 in der Arbeit „VALIE EXPORT Smart Export“ durch die teilweise Überklebung einer Zigarettenpackung der zu jener Zeit sehr populären österreichischen Marke Smart Export mit dem NamenszugVALIE und ihrem Porträtfoto. Es war in ihren Worten »eine feministische Kampfansage an patriarchalisch-kapitalistische Zuschreibungspraktiken. Bevor der Eigenname die individuelle Einspeisung ins Marktgeschehen verdeckt«, so Export, »wird er besser durch ein Logo ersetzt«. Auch wenn der kapitalismuskritische Impuls dahinter nicht mehr wahrgenommen wird, das Logo funktioniert bis heute.
1970 machte Export erneut ihren Körper zum Kunstzeichen und ließ sich – drei Jahrzehnte bevor solche Tattoos zum Allgemeingut eines hedonistischen Körperkults zu Anfang des 21. Jahrhunderts wurden – ein Strumpfband auf den Oberschenkel tätowieren: Symbol für den Schmuckcharakter der Frau und das sexuelle Ausgeliefertseins an das männliche Geschlecht. Valie Export nahm 1977 an der documenta 6 in Kassel teil, 1980 vertrat sie gemeinsam mit MariaLassnig Österreich auf der Biennale in Venedig. 1985 wurde ihr Spielfilm »Die Praxis der Liebeֿ« für den Goldenen Bären der Filmfestspiele Berlin nominiert. Weitere Preise folgten in immer kürzeren Abständen bis in die Gegenwart, darunter der Preis der Stadt Wien für Bildende Kunst, der Österreichische Würdigungspreis für Video- und Medienkunst, der Gabriele Münter- sowie der Oskar-Kokoschka-Preis, der Alfred-Kubin-Preis des Landes Oberösterreich, der Yoko Ono Lennon Courage Award for the Arts mit Laurie Anderson, Marianne Faithfull und Gustav Metzger sowie 2015 der Frauen-Lebenswerk-Preis.
In ihrem Heimatland Österreich wurde sie erstmals 1992 in einer Einzelausstellung des Oberösterreichischen Landesmuseums Linz präsentiert. Viele weitere folgten, dennoch hatte Export nie die weltweite Präsenz wie viele ihrer Kollegen, die sich mit ähnlichen Themen beschäftigten – wie z. B. Chris Burdon, der sich selbst anschoss und kreuzigte, Carolee Schneemann, die während einer Performance eine Textrolle aus ihrer Vagina zog und daraus vorlas, oder ihrer Freundin Marina Abramovic, die heute als Popstar der feministischen Provokations-Performance gilt. Gründe dafür mögen sein, dass ihr – trotz Fernweh – nie der Sprung in die kommerzielle Kunstwelt New Yorks geglückt war. Vermutlich wollte sie ihn auch gar nicht machen, denn den Kunstmarkt sieht sie kritisch: »Meine Kunst ist meine Identität. Sie ist mein Ich, mein Gewissen, mein Kind, und eine Galerie nimmt immer mehr, als sie zurückgibt. Es ist kein gutes System«.
Während die öffentliche Wahrnehmung ihrer künstlerischen Arbeit seit Ende der 1990er Jahre stagnierte, nahm ihre Lehrtätigkeit zu. Valie Export lehrte als Professorin an der University of Wisconsin-Milwaukee, an der Hochschule der Künste in Berlin und an der Kunsthochschule für Medien Köln. 2007 war sie österreichische Co-Kommissärin des österreichischen Pavillons an der Biennale Venedig. Aktuell steht die Vernissage einer Ausstellung in ihrer Heimatstadt Linz vor der Tür: »VALIE EXPORT. Das Archiv als Ort künstlerischer Forschung« im Lentos Kunstmuseum Linz vom 10. November 2017 bis 28. Januar 2018.
