KI-gestützte Systeme, ob Sprachmodelle oder Roboter, werden fast alles können. Das ist kein sicheres, aber auch kein unwahrscheinliches Szenario. Und wir müssen beginnen, uns damit ernsthafter zu beschäftigen als bisher. Ich schreibe das, weil in der Wirtschaft wie in der Kultur immer wieder die These aufgestellt wird, dass die KI am Ende nicht gut genug sein wird, um die menschliche Kreativität und Leistung wirklich zu ersetzen oder gar zu übertreffen. Ich halte es für klüger, mit der Annahme zu arbeiten, dass KI innovative Technologien entwickeln oder herausragende medizinische Leistungen erbringen wird. Und ja, wir sollten auch davon ausgehen, dass KI komplexe Musikstücke komponieren, richtig gute Romane schreiben und beeindruckende Skulpturen schaffen kann. Ich halte es auch für klüger, davon auszugehen, dass wir immer weniger verstehen werden, wie KI arbeitet. KI wird in zunehmendem Maße die Fähigkeit haben, sich selbst zu verbessern und weiterzuentwickeln. Und sie wird durch Sensorik und Robotik zunehmend in der Lage sein, auch ohne menschliches Zutun in der physischen Welt zu wirken. KI ist deswegen mehr als ein neues technologisches Werkzeug. Sie hat das Potenzial, unser Leben in bisher nicht vorstellbarer Weise grundlegend zu verändern.
Und es ist wenig wahrscheinlich, dass wir die Weiterentwicklung der KI verlangsamen oder stoppen können. Genauso wenig werden wir uns in Europa oder Deutschland von dieser Entwicklung abkoppeln können. Um nicht missverstanden zu werden: Wir brauchen weltweite Regeln und Standards. Wir sollten aber wissen, dass deren Wirkmacht gerade in Zeiten, in denen Länder und auch Unternehmen rücksichtslos ihre Interessen durchsetzen, immer begrenzt sein wird.
Wir sind bisher davon ausgegangen, dass der Mensch eine intellektuelle Sonderstellung hat. Wir müssen zumindest das Szenario denken, dass wir uns diese Stellung zukünftig mit der KI teilen müssen. Vielleicht müssen wir aber auch anerkennen, dass die KI uns zumindest in Teilbereichen überlegen sein wird.
Das ist beunruhigend. Es ist aber nur beunruhigend, wenn wir uns als Objekt oder gar Opfer dieser Entwicklung sehen. Ich bin davon überzeugt, dass wir uns ganz im Gegenteil als Gestalter dieser Entwicklung begreifen sollten. Und wir sollten selbstbewusst genug sein, auch im KI-Zeitalter den Wert eigenständigen Denkens und Handelns zu schätzen und zu nutzen.
Das gilt insbesondere für die Kultur. Denn hier besteht eine ganz eigene Beziehung zwischen Werk und Mensch. Kultur ist mehr als ein Produkt. Kultur ist immer auch geprägt von Biografie und Haltung. Gerade deshalb eignet sich die Kultur besonders gut, um das Verhältnis zwischen Menschen und KI zu vermessen und daraus die notwendigen politischen Schlussfolgerungen abzuleiten. Und es ist höchste Zeit, damit zu beginnen.
Denn wenn wir nicht handeln, droht vieles, was uns kulturell trägt, von Verlagen bis zu Museen, wegzubrechen. Und was noch viel schwerer wiegt: Damit würden wir dann auch viele Menschen verlieren, die uns kulturell tragen, vom Schriftsteller über die Illustratorin bis zum Musiker.
Das beginnt mit einer rechtlichen Frage: KI, und das gilt für alle großen Modelle, muss mit Daten trainiert werden. Das heißt, sie steht auf den Schultern unserer Zivilisation. Vor allem aber steht sie auf den Schultern der Menschen und Unternehmen, die heute kulturelle und auch technologische Inhalte schaffen und denen das Eigentum daran von KI-Plattformen zu oft ohne Einwilligung und Bezahlung genommen wird. Gerade das Recht am Eigentum ist aber konstituierend für den Rechtsstaat. Und wo Eigentum nicht geschützt wird, wo der Markt nicht den Ausgleich zwischen dem, der Eigentum hat, und dem, der es nutzen will, organisiert, da muss der Staat eingreifen. Das hat er bisher nicht hinreichend getan. Und das ist eine Lücke, die wir schnellstens schließen müssen, bevor irreversible Fakten geschaffen worden sind. Da waren wir als Politik zu langsam. Ein europäischer Ausweg aus diesem Dilemma ist besser als ein nationaler Alleingang. Das entbindet uns als deutsche Politik aber nicht davon, jetzt und notfalls auch rein national zu handeln.
Über die Eigentumsfrage hinaus stellt sich eine ökonomische Frage: Wenn KI selbst innovative kulturelle Inhalte sehr günstig entwickelt, was ist uns dann menschliche Kreativität in Abgrenzung zur KI wert? Und wenn Menschen nicht mehr für das Schaffen von Kultur bezahlt werden, wer wird es sich dann noch leisten können, Kultur als Beruf auszuüben? Verliert Kultur dann nicht ihre soziale Unabhängigkeit und Vielfalt? Oder noch weitergehend: Entsteht dann nicht ein immer größeres Ungleichgewicht zwischen einer hochleistungsfähigen KI und einem in seinen materiellen Ressourcen begrenzten Menschen?
Und damit komme ich zu einer dritten Frage: Was bedeutet Urheberschaft noch? Bislang bedeutete sie auf der einen Seite Eigentum, auf der anderen Seite aber auch Verantwortung. Der Schriftsteller, die Bildhauerin, der Musiker, sie alle müssen für das einstehen, was sie geschaffen haben. Insofern schützt das Urheberrecht nicht nur den Schöpfer eines Werkes; es schützt auch die Adressaten des Werkes. Ich habe Zweifel, ob und inwieweit eine KI dies aus sich heraus leisten kann. Wir müssen das Thema Urheberschaft und Verantwortung neu denken.
Hinter all diesen offenen Punkten steht eine noch viel grundsätzlichere Herausforderung: Was wird aus uns Menschen, wofür werden wir gebraucht? Denn der Ankerpunkt unserer gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Strukturen war bislang immer der Mensch. Wie stellen wir sicher, dass das so bleibt? Das ist die eigentliche Gestaltungsfrage. Sie ist offen. Dafür brauchen wir eine breite Debatte weit über die Politik hinaus. Der Kulturbereich ist hier beides: Er ist von den Veränderungen durch KI besonders betroffen. Und er ist der Ort, wo wir als Gesellschaft über den Umgang mit diesen Veränderungen nachdenken können. Als Politiker möchte ich Sie einladen, diese Debatte gemeinsam zu führen.