Wer im Sommerurlaub am Strand spazieren geht, kann es mit eigenen Augen sehen. Unsere Spuren sind vergänglich. Spielerisch waschen die Wellen unsere Fußabdrücke aus dem nassen Sand. Das ist allerdings nicht überall so. Als Eugene Cernan am 14. Dezember 1972 die Luke hinter sich schließt, lässt er Fußabdrücke zurück, die vielleicht für immer bleiben. Cernan ist bis heute der letzte Mensch, der mit seinen klobigen Lunar Boots die Oberfläche des Mondes betreten hat. Weil es auf unserem Erdtrabanten keine Atmosphäre, keine stürmischen Winde und keine Witterung gibt, sind sie bis heute ein stummes Zeugnis, das unsere Anwesenheit dokumentiert.
Doch das ist noch nicht alles: Kurz vor dem Abflug kniet sich der 38-jährige NASA-Astronaut auf den Boden, um die Initialen seiner Tochter Teresa Dawn Cernan »TDC« für die Ewigkeit in den Mondstaub zu zeichnen. Eine rührende Geste und gleichzeitig eine der ältesten Kulturtechniken überhaupt, um zu sagen: »Ich war hier«. Insgesamt sechsmal haben wir den Mond besucht. Zuerst im magischen Summer of ’69, als Neil Armstrong und Edwin »Buzz« Aldrin ihre Fußabdrücke im Mare Tranquillitatis hinterließen. Seitdem haben wir ein ganzes Ensemble aus Überbleibseln und Denkmälern angehäuft. Da sind die US-Flagge, die als Geste der Eroberung den Sieg über die Sowjetunion in Szene setzt, sowie die versöhnliche Plakette mit der Aufschrift »For All Mankind« und die zahllosen Gerätschaften der wissenschaftlichen Experimente.
Dazwischen finden sich auch persönliche Gegenstände, wie ein Familienporträt des Apollo-16-Astronauten Charles Duke zusammen mit seiner Frau und den beiden Söhnen, oder zwei von Alan Shepard in die Mondlandschaft geschlagene Golfbälle sowie … tonnenweise Müll. Verlässt man die Oberfläche des Mondes und begibt sich von dort in Richtung des erdnahen Orbits, setzt sich das Problem des Mülls fort. Wir stoßen dort auf »funktionierende Satelliten, defekte Satelliten, die Raketenstufen, mit denen sie ins All gebracht wurden, Schrauben, Tanks, Verkleidungen, Trümmerteile, Farbreste, Splitter, Werkzeuge, Treibstoff und möglicherweise Rückstände organischer Abfälle aus bemannten Raumfahrtmissionen«, so beschreibt es Alice Gorman, eine Pionierin auf dem Feld der Weltraumarchäologie.
So ärgerlich dieser Schrott auch ist, gehört er doch untrennbar zu unserer materiellen Kultur im Weltraum und ist Teil der Spuren, die wir hinterlassen haben. Gorman selbst setzt sich als Gründungsmitglied der Non-Profit-Organisation »For all Moonkind, Inc.« für den Schutz des Kulturerbes auf dem Mond ein und arbeitet auf entsprechende Resolutionen hin. In den USA, wo die bemannte Raumfahrt durch das National Air and Space Museum als nationaler Erinnerungsort institutionalisiert ist, erfreut sich diese Initiative bereits größerem Zuspruch als im Rest der Welt.
Was fehlt, ist, wie so oft, Zuständigkeit. Denn der Weltraum teilt sein kulturpolitisches Schicksal mit den internationalen Gewässern. Während sich Astronaut Cernan in Florida noch auf seinen Start vorbereitet, verabschiedet die Generalversammlung der UNESCO in Paris am 23. November 1972 das »Übereinkommen zum Schutz des Kultur- und Naturerbes der Welt«. Ein Dokument mit Nachwirkung. Bis heute haben es mehr als 1.200 Orte auf die Liste des Weltkulturerbes geschafft, die sich seither besonderem Schutz und Aufmerksamkeit erfreuen dürfen. Die Sache hat nur einen Haken. Laut Artikel 3 ist es »Sache jedes Vertragsstaats, die in seinem Hoheitsgebiet befindlichen, in den Artikeln 1 und 2 bezeichneten verschiedenen Güter zu erfassen und zu bestimmen«.
Eine 2021 von der UNESCO veröffentlichte Denkschrift unter dem Titel »UNESCO World Heritage in the High Seas: An Idea Whose Time Has Come« hat sich diesem Umstand angenommen und fordert dazu auf, für den Schutz der Ozeane eine neue Lösung zu finden. Denn Tiefseebergbau, Fischerei und Klimawandel stellen eine unmittelbare Gefahr für die fragilen und über Jahrtausende hinweg durch Isolation geschützten Ökosysteme dar. Für den Weltraum steht eine vergleichbare Initiative noch aus. Doch auch hier tickt die Uhr, denn das Astronautenfieber von einst, das in den frühen 1950er Jahren durch den Kalten Krieg befeuert wurde, ist heute wieder zurück.
Plötzlich sind die Kulturgüter, die der Mensch in knapp 80 Jahren bemannter wie unbemannter Raumfahrt im Kosmos hinterlassen hat, nicht mehr so unzugänglich und dadurch ungefährdet, wie bislang. Im Rahmen der Artemis-Mission plant die NASA 2028 eine Rückkehr zum Mond. Und längst haben private Unternehmen wie Elon Musks SpaceX ihre Fühler ausgestreckt, um den Weltraum zu kommerzialisieren. Es geht um die Ausbeutung von seltenen Erden, Energiegewinnung im großen Stil und auch um Tourismus – eine der vielleicht gefährlichsten Bedrohungen für jede Kulturstätte und jedes Ökosystem. Weil aber die zarten Fußspuren auf dem Mond genau wie der achtlos entsorgte Müll ein Symbol für die kulturelle Ambivalenz des 20. Jahrhunderts sind, braucht es Lösungen und neue Zuständigkeiten, um dieses Erbe zu bewahren. Spätestens bevor das Mare Tranquillitatis als nächster, superexklusiver Instagram-Spot auserkoren wird.