Dass die russische Invasion der Ukraine, die 2014 mit der Annektierung der Halbinsel Krim begann und sich am 24. Februar 2022 zu einem vollumfänglichen Angriffskrieg ausweitete, nicht nur auf territoriale Gewinne abzielt, ist inzwischen traurige Gewissheit. Den genozidalen Charakter der Kriegspläne Russlands bezeugen u. a. die Statistiken zu den angegriffenen Kulturobjekten. Bis Mai 2026 waren laut ukrainischem Kulturministerium insgesamt 1.783 Denkmale und denkmalgeschützte Bauten sowie 2.540 Einrichtungen der kulturellen Infrastruktur – Kulturzentren, Museen, Bibliotheken, Archive usw. – teilweise oder komplett zerstört. Die Zahl der durch die Invasoren vernichteten oder geraubten Kulturgüter dürfte sich inzwischen auf eine mindestens sechsstellige Summe belaufen.
Die Führung des Kulturministeriums wurde seit Beginn des Krieges zweimal ausgewechselt, was natürlich auch Veränderungen beim leitenden Personal nach sich zog. Dennoch, und trotz einer chronischen Mittelknappheit, bemüht sich dieses Haus nach Kräften, die schwierige Situation im Kultursektor zu lindern und vor allem die Rettung von bedrohtem und beschädigtem Kulturgut zu koordinieren und zu unterstützen. Dabei erweist sich insbesondere die Evakuierung von beweglichen Kulturgütern aus den frontnahen Gebieten in sicherere Regionen des Hinterlands für das Ministerium und für die Regierung insgesamt als eine riesige Herausforderung. Da spezielle Schutzeinrichtungen bzw. Bunker für die Aufbewahrung von Kulturgütern in der Ukraine noch fehlen, kommen vor allem Depots in bestehenden, noch einigermaßen funktionsfähigen Museen infrage. Mit der Initiative des unlängst gegründeten Ukraine Cultural Heritage Fund (UCHF) bemüht sich das Ministerium dabei auch um die Einwerbung weiterer Unterstützung aus Partnerstaaten. Außerdem setzen sich eine Reihe von internationalen Organisationen bereits mit großartigem Engagement für den Erhalt des ukrainischen Kulturerbes ein, wobei deren Bemühungen den riesigen Bedarf leider nicht einmal ansatzweise decken können.
Auch die kommunalen Museen in der an das EU-Land Rumänien angrenzenden Region Czernowitz (Tscherniwzi) bereiten sich auf die Aufnahme evakuierter Kulturgüter vor – und dies, obwohl sie schon mit enormen Schwierigkeiten bei der sicheren Aufbewahrung ihrer eigenen Sammlungen kämpfen. Ihre Depots sind meist überfüllt und – wenn überhaupt – klima- und sicherheitstechnisch oft mangelhaft ausgestattet. Viele meiner Kolleginnen und Kollegen zerbrechen sich den Kopf, wo und wie sie die evakuierten Exponate unterbringen sollen, auch weil die staatlichen und kommunalen Verwaltungsstrukturen, die sich schon in Friedenszeiten kaum um die Museen kümmerten, jetzt noch weniger Möglichkeiten haben, den lokalen Kultureinrichtungen bei dieser Aufgabe unter die Arme zu greifen.
Hinzu kommt die große Verantwortung, die zusätzlich auf den Entscheidungsträgerinnen und -trägern lastet und die jetzt nicht nur ihre eigenen Sammlungen umfasst, sondern auch die ihnen im Zuge der Evakuierung aus dem Osten oder Südosten anvertrauten Kulturgüter. Alle fragen sich mit Bangen, welche Anordnungen wohl zu erteilen wären, falls die allgemeine Kriegslage solche erfordern sollte. Dass dabei auch die schlimmsten Szenarien nicht ausgeschlossen werden können, machen die andauernden Luftangriffe des Feindes – auch auf westukrainische Städte – immer wieder deutlich.
Etwas gelindert wird dieser Druck durch die willkommenen Richtlinien, die die Regierung erlassen hat – aber leider erst im letzten Februar, also nach vier Jahren Krieg. Sie zielen darauf ab, mit einem klaren Regelwerk Ordnung in den bisher eher chaotischen Ablauf der Evakuierungen zu bringen. Es bleibt abzuwarten, ob diese Vorschriften aus Kyjiw und der Notfallplan, den die Czernowitzer Museen zusammen mit der Oblast-Verwaltung erarbeitet haben, tatsächlich umgesetzt werden können.
Denn für eine schnelle und sichere Evakuierung tausender – wenn nicht hunderttausender – Objekte sind große personelle, finanzielle und logistische Ressourcen vonnöten, welche nicht nur für die Museen, sondern auch für die Oblast-Verwaltung sehr schwer zu finden sind. Außerdem bleiben Sammlungen in den privaten Museen – zu denen auch das Museum für Jüdische Geschichte und Kultur der Bukowina gehört – im lokalen Rettungsplan weitgehend unberücksichtigt. Das bedeutet, dass Privatmuseen auch weiterhin nur sich selbst und dem Schicksal überlassen sind, obwohl ihre Sammlungen laut Gesetz ebenfalls zum nationalen Kulturerbe der Ukraine gehören. Leider scheint diese Situation nicht nur in Czernowitz, sondern auch in anderen Regionen bzw. Städten der Ukraine vorzuherrschen.
Es bleibt also nur zu hoffen, dass die Notwendigkeit, Kulturgüter aus Czernowitz zu evakuieren, nie eintreten wird. Ebenso ist zu hoffen, dass der ukrainische Staat seine Unterstützung des Kultursektors auf allen Ebenen weiter ausbaut und effizienter gestaltet.