Die Rituale der deutschen Erinnerungskultur lassen jede Generation glauben, nun den entscheidenden Zugang zur und den richtigen Umgang mit der Vergangenheit gefunden zu haben. Mal sind es Fernsehserien, mal Wehrmachtsausstellungen, mal ein Oscar-prämierter Kinofilm, mal Schulprojekte oder Stolpersteine. Derzeit sind es NSDAP-Mitgliederkarteien, SS-Akten und genealogische Recherchen. Dadurch, dass solche Quellen durch Digitalisierung leicht zugänglich gemacht werden, entsteht der Eindruck, es beginne nun eine neue Phase der Aufarbeitung. Ein neuer »Hype« um die Nazi-Vergangenheit. Tatsächlich erzählt diese Aufregung jedoch auch viel über die Gegenwart.

Dass Menschen wissen wollen, welche Rolle die eigenen Großeltern oder Urgroßeltern im Nationalsozialismus gespielt haben, ist natürlich verständlich. Familiengeschichten sind ein zentraler Bestandteil der eigenen Identität. Wer verstehen möchte, woher er kommt, fragt zwangsläufig irgendwann nach den politischen und moralischen Entscheidungen der eigenen Vorfahren. Jahrzehntelang wurden solche Fragen innerhalb vieler deutscher Familien kaum gestellt oder konsequent abgewehrt. Das Schweigen der Tätergesellschaft nach 1945 war so etwas wie die gesellschaftliche Grundvoraussetzung der frühen Bundesrepublik.

Denn nach dem Zusammenbruch des »Dritten Reiches« lebten die Täter nicht irgendwo. Richter blieben Richter, Lehrer blieben Lehrer, Beamte blieben Beamte. Millionen ehemalige Parteimitglieder, Mitläufer und Profiteure des NS-Regimes bauten gemeinsam den demokratischen Staat auf, ohne jemals über ihre eigene Verantwortung gesprochen zu haben. Die Erzählung vom »Verführt-worden-sein«, vom »Nicht-gewusst-haben« oder vom bloßen »Befehle-befolgt-haben« wurde zur dominierenden Legende und war damit höchst funktional. Auch innerhalb der Familien. Sie erlaubte den gesellschaftlichen Neubeginn, ohne den moralischen Zusammenbruch betrachten zu müssen.

Gerade deshalb ist das heutige Interesse an den Akten verständlich. Die Archive beantworten Fragen, die innerhalb der Familien nie beantwortet wurden. Aber sie können die Auseinandersetzungen mit den eigenen Vorfahren nicht ersetzen. Indem Archive heute fehlende Informationen liefern, belegen sie gleichzeitig das große Schweigen von einst.

Ist das bitter für den Einzelnen, der seine Familiengeschichte kennen möchte? Ja, es ist bitter. Und doch lohnt sich ein zweiter Blick. Denn diese große, medial aufbereitete Familienrecherche hat auch etwas ausgesprochen Komfortables. Gerade weil die Großeltern tot sind. Und die Urgroßeltern natürlich auch. Selbst die Vätergeneration lebt vielfach nicht mehr oder ist so alt, dass man sie nicht mehr befragen will oder kann. Die historische Wahrheit, die jetzt ans Licht kommt, verlangt dem Einzelnen keine persönlichen Konsequenzen ab. Niemand muss mehr den eigenen Großvater beim Sonntagsessen damit konfrontieren, dass er bereits 1932 der NSDAP beitrat. Niemand riskiert den Bruch mit den Eltern, weil plötzlich Dokumente auf dem Tisch liegen. Niemand muss erleben, wie Familien an der Wahrheit zerbrechen.

Die eigentliche Konfrontation, die so nötig gewesen wäre, ist längst verpasst worden. Was bleibt, ist zumeist eine Form historischer Selbstaufklärung ohne persönliches Risiko. Das macht sie natürlich nicht wertlos. Aber es verändert ihren Charakter. Die Beschäftigung mit der eigenen Familiengeschichte kostet heute vergleichsweise wenig. Sie löst vielleicht Irritation aus, manchmal auch Scham oder sogar Entsetzen. Doch eine moralische Abrechnung wird mit Verstorbenen beglichen, die nicht mehr befragt oder gar zur Rede gestellt werden können.

Das erklärt möglicherweise auch, weshalb sich diese Geschichten hervorragend medial erzählen lassen. Sie sind voller persönlicher Betroffenheit, historischer Spannung und moralischer Abgründe und funktionieren dramaturgisch geradezu automatisch. Aus dem Archivfund entsteht eine Familiengeschichte, aus der Familiengeschichte ein Podcast, ein Magazinbeitrag oder eine Dokumentation. Selbstverständlich bedienen Medien damit auch ein legitimes öffentliches Interesse. Aber es wäre naiv zu glauben, dass die Konjunktur solcher Geschichten nur erinnerungspolitische Gründe hätte. Sie bringen obendrein, zusammen mit den aufbereiteten Zugängen zu den Archiven, zusätzlich Klicks, Einschaltquoten und neue Abonnements.

Bemerkenswert ist dabei, dass der öffentliche Blick, der sich auf die Täterbiografie richtet, dadurch zwangsläufig den Fokus verschiebt: Die Opfer geraten an den Rand der Erzählung. Fast unmerklich entsteht so eine Geschichte über deutsche Befindlichkeiten. Ein Dilemma, gerade in der heutigen Zeit.

Denn während in Deutschland erneut intensiv über die Vergangenheit und darüber gesprochen wird, welche Rolle die eigenen Familienmitglieder im Nationalsozialismus spielten, erleben Jüdinnen und Juden seit dem 7. Oktober 2023, seit dem Massaker der Hamas in Israel, im Hier und Jetzt also, einen geradezu explodierenden Antisemitismus. Dass Synagogen und jüdische Schulen bewacht werden müssen, ist schon lange traurige Realität. Neu aber ist das Ausmaß an antisemitischen Verschwörungserzählungen im Netz und wie Jüdinnen und Juden immer häufiger öffentlich beschimpft, bespuckt und tätlich angegriffen werden. Wie Jüdinnen und Juden in Deutschland verantwortlich gemacht werden für alles, was im Nahen Osten geschieht. Neu ist, wie Jüdinnen und Juden immer häufiger gecancelt werden oder sich an Universitäten kaum noch sicher bewegen können. Gleichzeitig gewinnen extremistische Parteien an Einfluss, demokratische Institutionen geraten unter Druck und autoritäre Tendenzen nehmen wieder zu.

Vor diesem Hintergrund stellt sich daher eine unbequeme Frage: Welchen Zweck soll Erinnerung haben? Wenn sie sich darin erschöpft, eine NSDAP-Mitgliedskarte zu finden, bleibt sie rückwärtsgewandt. Wenn sie dagegen hilft zu erkennen, wie Ausgrenzung, Verschwörungsdenken, Antisemitismus und Demokratiefeindlichkeit heute funktionieren, gewinnt sie politische Relevanz.

Erinnern darf nicht zur historischen Komfortzone werden, in der man sich über die moralischen Defizite Verstorbener empört und sich dabei scheinbar der eigenen demokratischen Haltung versichert. Die entscheidende Frage lautet nicht, ob der Großvater Täter, Mitläufer oder Parteigenosse war. Entscheidend ist doch, was die Enkelgeneration aus diesem Wissen macht.

Zu wissen, wer 1938 welches Parteibuch besaß, mag wichtig und interessant sein. Doch aus Geschichte lernen heißt, zu erkennen, welche Mechanismen damals wirkten, und sie in der Gegenwart wiederzuerkennen. Mehr Aufmerksamkeit also dem widmen, was heute geschieht. Denn die Vergangenheit kann man nicht mehr verändern. Die Gegenwart schon.

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 9-10/2026