Seit April dieses Jahres ist der breiten Öffentlichkeit bekannt, dass die Mitgliederkartei der NSDAP zugänglich ist. Die National Archives and Records Administration (NARA) der USA hatte die zuvor auf Mikrofilm gespeicherten Akten digitalisiert und im März online gestellt. »Die Zeit«, »Der Spiegel« und die »Süddeutsche Zeitung« machen die frei zugänglichen Dokumente durch Künstliche Intelligenz (KI) leicht verfügbar und frei durchsuchbar. Online wird in nahezu jeder Ausgabe dieser Zeitungen und Zeitschriften damit geworben, dass jeder nun endlich suchen kann, ob die Großeltern, Großonkel und -tanten oder andere Verwandte Mitglied der NSDAP waren.
Auch mich hat die Möglichkeit elektrisiert und gleichzeitig auch beunruhigt, deshalb hat es einige Zeit gedauert, bis ich das Angebot genutzt habe. Ich gab den Namen, Wohnort und Geburtstag meines von mir sehr verehrten und geliebten Großvaters in die Suchmaske ein und wurde zu meinem Entsetzen fündig. Er war 1940 in die NSDAP eingetreten! Ein Jahr später hatte er, so steht es auf seiner Karteikarte, versucht wieder auszutreten; sein Antrag wurde aber abgelehnt. Mehr habe ich nicht erfahren. Doch wurde das Bild meines untadeligen, streng protestantischen Großvaters tief erschüttert. Ich wusste, dass er eine wichtige Person in dem Dorf war, in dem auch ich aufgewachsen bin. Er war der Betriebsleiter eines kleinen Bergwerks, das Kaolin abgebaut hat. Mittlerweile weiß ich, dass Kaolin im Zweiten Weltkrieg als kriegswichtiger industrieller Rohstoff galt. Ob seine Mitgliedschaft in der NSDAP damit zusammenhing, konnte ich noch nicht ermitteln. Über seine Mitgliedschaft in der NSDAP haben weder er noch meine Mutter jemals mit mir gesprochen.
Wie mir wird es vielen gehen und einige werden sich fragen: Was war mit meinen Vorfahren, wie stark waren sie in das NS-Regime involviert, waren sie Parteimitglieder? Die online zugängliche Kartei bietet aber nicht mehr als eine Karteikarte. Sie hat zumindest bei mir viele Fragen ausgelöst und ich will in der nächsten Zeit den Fragen, soweit das möglich ist, auf den Grund gehen.
Wer wie ich mehr wissen will, kann bereits seit 1995, also seit mehr als 20 Jahren, die im Bundesarchiv aufbewahrten Akten einsehen und sich Bezüge erschließen. Dem Bundesarchiv wurden die Akten des Berlin Document Center (BDC), also die Akten zur NSDAP-Mitgliedschaft oder auch zur Mitgliedschaft in der Waffen-SS, im Jahr 1994 übergeben. Seit 1995 sind sie zugänglich, werden erschlossen und sind wertvolle Forschungsmaterialien.
Verschiedene Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben sich seither mit den Dokumenten befasst und sie für Forschungszwecke genutzt. Zu nennen sind beispielsweise die umfänglichen Studien von Jürgen Falter zu den Mitgliedern der NSDAP, unter anderem zu deren Beitrittsmotiven. Falter und andere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die sich auf Materialien des Bundesarchivs stützen und zusätzlich zur NSDAP-Mitgliederkartei weitere Materialien wie beispielsweise die Entnazifizierungsakten auswerten, verdeutlichen, wie stark die deutsche Bevölkerung mit dem NS-Regime verwoben war und inwieweit Karrieren durch die NSDAP-Mitgliedschaft befördert wurden. Wissenschaftliche Arbeiten fördern auch zutage, wie viele Personen nach 1945 einfach weitermachen konnten, als sei nichts geschehen. Beispiele hierfür sind die umfänglichen Untersuchungen zur Kontinuität im Auswärtigen Amt, angestoßen seinerzeit von Außenminister Joschka Fischer, oder im Bundesjustizministerium. Der Historiker Norbert Frei hat sich im Jahr 2023 in seiner Publikation »Im Namen der Deutschen« mit den Bundespräsidenten von Theodor Heuss bis Richard von Weizsäcker und dem Umgang des Bundespräsidialamtes mit der NS-Vergangenheit auseinandergesetzt.
Die in den letzten zehn Jahren erschienenen Bücher zu NS-Kontinuitäten und zur Auseinandersetzung mit der NS-Zeit in Bundesministerien schließen nicht nur eine Forschungslücke, sie eröffnen die Möglichkeit, sich kritisch mit der Vergangenheit in der Verwaltung auseinanderzusetzen. Es wird damit angeschlossen an Studien zu Kontinuitäten in der Justiz, der Medizin oder Psychiatrie, die ab den 1980er Jahren erschienen sind.
Weitgehend unter dem Radar sind der Kulturbereich und seine Kontinuitäten geblieben. Gerade innerhalb der Kulturszene wurde vor allem auf jene geschaut, die in der sogenannten inneren Emigration oder im Exil waren. Insbesondere bekannte exilierte Künstlerinnen und Künstler wurden nach der Gründung der Bundesrepublik und der DDR teilweise umworben. Galt doch die Rückkehr als ein – nicht zuletzt politisches – Bekenntnis zum jeweiligen Teil Deutschlands.
Nach der öffentlichen Zugänglichmachung der NSDAP-Mitgliederkartei in den 1990er Jahren sorgte die NSDAP-Mitgliedschaft von geschätzten bundesrepublikanischen Geistesgrößen wie Walter Jens und die Mitgliedschaft von Günter Grass in der Waffen-SS kurzzeitig für Aufregung, führte aber nicht zu einer umfassenden Auseinandersetzung.
Allenfalls wenn es um Restitutionsforderungen der Nachkommen von NS-Verfolgten geht, taucht am Rande auf, welche Kontinuitäten insbesondere im bundesdeutschen Kulturbetrieb bestanden und wie hartleibig die »neuen« Museums- und Bibliotheksleitungen auf Rückgabeforderungen reagierten. Die Nachfahren mussten ihrerseits den NS-verfolgungsbedingt erfolgten Entzug genau nachweisen und wurden teilweise – insbesondere in den 1950er Jahren – mit lächerlichen Entschädigungszahlungen abgespeist.
Monika Grütters hat als Kulturstaatsministerin im Jahr 2021 beim Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam eine Untersuchung in Auftrag gegeben, die Forschungsdefizite im Bereich der NS-Aufarbeitung von BKM-geförderten Einrichtungen aufzeigen sollte. In der Ausstellung »documenta. Politik und Kunst« des Deutschen Historischen Museums in Berlin 2021 wurde sich unter anderem mit »blinden Flecken« und über die NS-Zeit hinausreichenden Netzwerken befasst. Damit wurde ein neues Licht auf die documenta geworfen, die zuvor von der Erzählung eines Neuanfangs in der Bildenden Kunst nach 1945 lebte.
Ebenfalls am Leibniz-Institut für zeitgeschichtliche Forschung Potsdam wird sich mit NS-Belastungen im organisierten Sport auseinandergesetzt. Die Studie hierzu soll 2026 zum 20-jährigen Bestehen des Deutschen Olympischen Sportbunds, der aus der Fusion des Deutschen Sportbunds und des Nationalen Olympischen Komitees hervorgegangen ist, publiziert werden. Ebenso wird am genannten Forschungsinstitut an einer Dissertation zur Geschichte der Jugendherbergen und des Deutschen Jugendherbergswerks in der NS-Zeit und im geteilten Deutschland gearbeitet.
- h., es findet inzwischen eine umfänglichere wissenschaftliche Auseinandersetzung mit NS-Kontinuitäten im Kulturbereich, aber auch in anderen gesellschaftlichen Feldern statt. Das ist gut so und es bleibt zu hoffen, dass hiervon weitere Impulse ausgehen.
Das ersetzt aber nicht die persönliche Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit in der eigenen Familie. Viele werden, so wie ich, niemanden mehr haben, den sie fragen können, welche Motive ihre Vorfahren hatten, der NSDAP beizutreten. War es Überzeugung? War es Anpassung? War es Karrierismus? In manchen Familien wurde und wird offen darüber gesprochen, in anderen, wie in meiner, wurde das Thema beschwiegen. Die Online-Recherche in der NSDAP-Mitgliederkartei bietet Anhaltspunkte. Wer sich intensiver mit der Vergangenheit der eigenen Familie beschäftigen will, wird um eine umfänglichere Recherche nicht herumkommen. Zum Glück halten das Bundesarchiv und die Landesarchive entsprechende Dokumente bereit und können ggf. weiterhelfen, welche Recherchepfade noch beschritten werden können. Dies belegt einmal mehr, dass Gedächtniseinrichtungen keineswegs totes Material bereithalten, sondern vielmehr lebendige Orte der Erinnerungskultur sind.