Hunderte Menschen arbeiten im Theater daran, dass ein Musicalabend reibungslos gelingt, und doch bleiben viele von ihnen für das Publikum unsichtbar. Was hinter den Kulissen passiert, damit Show für Show alles ineinandergreift, erklärt die Geschäftsführerin von Stage Entertainment Deutschland Uschi Neuss.

 

Sophia Blochowitz: Musicals leben von großen Bildern, Musik, Choreografie und Emotionen. Was passiert hinter der Bühne, damit dieser Livemoment Abend für Abend zuverlässig entstehen kann?

Uschi Neuss: Große Musicals im En-suite-Spielbetrieb, bei denen ein einziges Stück über einen längeren Zeitraum hinweg ununterbrochen aufgeführt wird, zählen zu den aufwendigsten Theaterwerken überhaupt. In jedem unserer derzeit sieben Theater in Deutschland arbeiten bis zu 300 Menschen an jeder Vorstellung, sodass der unsichtbare Teil der Veranstaltung um einiges größer ist als die sichtbare Aufführung. Ausstattung und technischer Aufwand unserer Shows benötigen gut geprobte Abläufe von allen Abteilungen hinter der Bühne, die etwa zwei Stunden vor dem jeweiligen Showbeginn einsetzen. Wir führen unsere Stücke achtmal pro Woche auf und begrüßen damit mehr als 3,5 Millionen Gäste pro Jahr.

 

Welche Berufe und Gewerke sind an einer Musicalproduktion beteiligt – und welche Aufgaben bleiben für das Publikum meist unsichtbar, obwohl sie für das Gelingen der Show unverzichtbar sind?

Für das Publikum am sichtbarsten sind natürlich alle Darstellenden auf der Bühne – je nach Stück bis zu 30 Personen; hinzu kommen alternierende und Zweitbesetzungen. Auch die Servicekräfte im Foyer – vom Doorman über die Mitarbeitenden an Garderobe, Bars, Merchandise bis zu den Saaleinweisern spielen schon vor Showbeginn eine wichtige Rolle, da sie für eine angenehme Atmosphäre sorgen. Schon weniger sichtbar, aber immer hörbar ist das Orchester. Für die Show absolut notwendig, aber gänzlich unsichtbar sind alle technischen Gewerke wie Caller, Floater, Stage Manager, Ton, Kostüm, Make-up, Maskenwerkstatt sowie weitere Theaterabteilungen wie das Künstlerische Betriebsbüro, die Gehaltsbuchhaltung, die Theaterleitung, die Kantine, bisweilen auch Kinderabteilungen, die Reinigung, die Gebäudetechnik und die Pforte. Darüber hinaus gibt es viele weitere Berufe in Zentralabteilungen wie Casting, Personal, Recht, Finanzen, IT und Commercial. Stage Entertainment hat in diesen Abteilungen rund 150 Mitarbeitende. Sie alle sorgen dafür, dass eine Show ihr Publikum findet. Die Reinigungskraft, die alle Räume des Theaters säubert, wenn das Publikum das Haus verlassen hat, die technische Mitarbeiterin, die den Eisernen Vorhang – eine der wichtigen Sicherheitsvorkehrungen des Theaters – nach Showende herunterfährt, und der Phonetik-Coach, der Nichtmuttersprachler fit macht: All diese Menschen bleiben dem Publikum verborgen, sind aber für den Spielbetrieb unverzichtbar.

 

Musicals sind hochkomplexe Liveproduktionen mit festen Abläufen und zugleich immer neuen Publikumsreaktionen. Was macht die besondere Herausforderung aus, eine solche Produktion über viele Vorstellungen hinweg lebendig zu halten?

Auch wenn wir im regelmäßigen Spielbetrieb jedes unserer Stücke achtmal pro Woche aufführen, gleicht doch keine Show haargenau der anderen. Das ist der Zauber von Live-Entertainment. Die Zusammensetzung der Zuschauenden und die Besetzung aller Mitwirkenden wirken sich auf das Erlebnis aus und machen jede Aufführung einzigartig. Cast und Orchester sind es gewohnt, mit allen Details umzugehen, und es ist ihrer aller Anspruch, jeden Abend aufs Neue die bestmögliche Show zu präsentieren. Um dies zu gewährleisten, folgt auf jede einzelne Aufführung ein Show-Meeting, in dem wir für uns das Ergebnis bewerten. Regelmäßige Proben sind eine Selbstverständlichkeit. Unser Kosmos ist bunt und vielfältig. Kein Tag gleicht bei uns dem anderen.

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 7-8/2026