Kulturveranstaltungen bilden einen Querschnitt der Gesellschaft ab und sind Mikrokosmen politischer und kultureller Strömungen – entsprechend sind sie nicht frei von Diskriminierung und Grenzüberschreitungen. Auf Konzerten und Festivals sind Awarenessstrukturen bereits ein elementarer Teil, grundsätzlich betrifft Awareness jedoch alle Räume und Organisationen, in denen Menschen aufeinandertreffen. Veranstaltende können sensibilisieren und ein rücksichtsvolleres Miteinander fördern. Dieses Bewusstsein lässt sich auf jegliches gesellschaftliche Zusammentreffen übertragen und kann Veränderungsprozesse anstoßen.

Durch Sensibilisierung und klare Verhaltensregeln können wir erreichen, dass sich jede Einzelperson mit Machtstrukturen und ihren Privilegien auseinandersetzt, um Diskriminierung und Grenzüberschreitungen entgegenzuwirken. Sicherheitskonzepte sollen die körperliche Unversehrtheit der Besuchenden gewährleisten. Awarenesskonzepte ergänzen sie, indem durch Verantwortungsübernahme und Haltung auf die mentale Unversehrtheit geachtet wird: Sensibilisierung für die Grenzen anderer und Verhaltensregeln beeinflussen unmittelbar das Sicherheitsempfinden von Besuchenden. Awareness ist dabei immer prozesshaft: Eine gemeinsame Haltung ermöglicht kollektive Verantwortungsübernahme, die sich durch die stetige Auseinandersetzung mit der eigenen Rolle entwickelt.

Ein wesentlicher Teil von Awareness liegt auch darin, auf gesellschaftliche Ungleichheiten aufmerksam zu machen, die im Veranstaltungsraum sichtbar werden. Sexismus, patriarchale Strukturen, Rassismus oder andere Diskriminierungsformen entstehen nicht erst auf Veranstaltungen, sondern werden mitgebracht. Gerade deshalb haben Großveranstaltungen in den letzten Jahren eine tragende Rolle dabei gespielt, diese Themen für breite Öffentlichkeiten sichtbar zu machen. Laut GEMA besuchten 2024 rund 70 Millionen Menschen Konzerte in Deutschland. Durch ihre hohe Reichweite können Veranstaltungsräume gesellschaftliches Bewusstsein fördern, das politische oder pädagogische Angebote oft nicht erreichen.

In der Praxis steht das Erleben betroffener Personen im Vordergrund: Awareness folgt den Prinzipien der Betroffenenzentriertheit und Parteilichkeit. Ziel ist die Erhaltung der Handlungsfähigkeit und das Fördern von Selbstwirksamkeit. Awarenesskonzepte sollen einen Umgang mit Vorfällen ermöglichen, der deren negative Konsequenzen abmildert.

Awarenesskonzepte bestehen je nach Kontext und Umsetzungsraum aus den folgenden zentralen Elementen, die sich in präventive und interventive Maßnahmen unterteilen:

 

Code of Conduct

Die Erarbeitung einer Position als Veranstalterin oder Veranstalter ist nie von Zielgruppen und Publikum zu trennen. Menschen bringen Haltungen mit, abhängig von demografischen Faktoren, sozialen Milieus oder politischen Kontexten. Ein Code of Conduct definiert, welcher Umgang auf einer Veranstaltung gewünscht und welches Verhalten nicht geduldet ist. Dazu gehört auch die Sensibilisierung für Privilegien und die Grenzen anderer.

 

Awareness-Teams vor Ort

Awareness-Teams werden meist durch Initiativen gestellt, die sich mit dem Aufbau und der Umsetzung von Awarenesskonzepten befassen. Das Team ist für die Unterstützung von Betroffenen zuständig, nicht für die Aufklärung des Tathergangs oder die Verfolgung der ausübenden Person. Die Teammitglieder sollten einen psychosozialen Berufshintergrund haben, geschult und vorab gebrieft sein. Das Awareness-Team arbeitet eng mit dem Ordnungsdienst zusammen, der Hausregeln und den Code of Conduct durchsetzt. Ziel ist es, das Sicherheitsgefühl von betroffenen Personen zu stärken und ihnen zu helfen, ihre Handlungsfähigkeit wiederzuerlangen. Vorfälle werden anonymisiert dokumentiert und an die Veranstaltenden übergeben, sodass durch den unmittelbaren Kontakt von Awareness-Teams und Besuchenden ein umfassendes Bild für das Veranstaltungsteam entsteht.

 

Kommunikationsstrukturen und Meldeketten

Hier liegt der Übergang von präventiven zu interventiven Maßnahmen: Informationen zum Code of Conduct sowie Erreichbarkeit des Awareness-Teams müssen an Mitarbeitende und Besuchende kommuniziert werden. Die Diversität in Zielgruppen und Gewerken ist dabei zu beachten. Ein Awarenesskonzept sollte barrierearm und mehrsprachig kommuniziert werden. Auf Durchführungsebene muss definiert sein, welche Meldeketten gelten und wer z. B. über den Ausschluss einer Person entscheidet.

 

Safer Spaces bzw. Schutzräume

(Groß-)Veranstaltungen oder Livekonzerte können kein direkter »Safe Space« sein, solange Tickets frei erworben werden. Safer Spaces im Rahmen des Awarenesskonzepts dienen auf einem Event als Rückzugsort für Betroffene. Dort erhalten Menschen Unterstützung, die mit einer herausfordernden Situation konfrontiert wurden. Ob Überforderung, Panikattacken, Diskriminierungserfahrungen oder Gewalt, es wird nach den Bedürfnissen der betroffenen Person gehandelt und diese vom Awareness-Team versorgt.

Zusammenfassend verhindern Awarenessstrukturen Grenzüberschreitungen nicht vollständig. Sie machen diese sichtbar, dokumentieren Vorfälle und stellen Unterstützung sicher. Awarenessstrukturen werden somit längst nicht mehr als Zusatzangebot verstanden. In Zeiten politischer Krisen und gesellschaftlicher Spaltung bilden sie Leitplanken, damit alle Besuchenden denselben Anspruch auf ein positives Gesamterlebnis haben. Dafür tragen wir als Veranstaltende Verantwortung.

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 7-8/2026