»Lázár« ist eine Familiengeschichte. Der 22-jährige Autor Nelio Biedermann orientiert sich dabei an der Geschichte seiner eigenen Vorfahren: ungarischer Adeliger, die alle Phasen ungarischer Geschichte vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis zum blutig niedergeschlagenen Aufstand in den 1950er Jahren erleben. Sandro Lázár ist der Prototyp des Adeligen, für den Reichtum und gesellschaftliche Stellung selbstverständlich sind, der aber schließlich in Trunksucht verfällt und in seinem edlen Waldschloss zu Tode kommt – nachdem seine Frau sich einige Jahre zuvor das Leben genommen hat. Die Geschichte entwickelt sich für Sandros Nachkommen rasant: Im Zweiten Weltkrieg schließt sich Ungarn den Nationalsozialisten an; Sandros Sohn Lajos erlebt hier sehr deutlich, was Mitläufertum bedeutet. Es folgt die Flucht vor den Russen und nach und nach der Verlust der Besitztümer. Die Verachtung des Adelsstands, die die nun herrschenden Kommunisten kultivieren, wird sicht- und spürbar. Die Familie Lázár muss in ärmlichsten Verhältnissen Arbeiten verrichten, die noch kurz zuvor undenkbar schienen. Die junge Generation beteiligt sich schließlich am Aufstand gegen das aufgezwängte politische System, muss dessen Scheitern erleben und flieht schließlich in die Schweiz.

Biedermanns Kunst, mit Sprache Bilder zu malen, Geschichten und Geschichte zu erzählen, ist immens. Es gelingt ihm, den Leser, die Leserin ganz dicht heranzuführen an Personen und an das Geschehen. Und obwohl wir seine Figuren gut kennenzulernen meinen, ihre Besonderheiten regelrecht erspüren können, bleibt eine Distanz, die sich aus der Einsamkeit dieser Menschen nährt. Nicht der Autor schafft diese Distanz, sondern die Personen selbst, so scheint es. »Was tut ein Schriftsteller anderes, als seinen Figuren das Recht auf Selbstbestimmung zu nehmen«, denkt die jüngste Protagonistin Eva. Gerade das tut Nelio Biedermann nicht. Er erzählt die Geschichte eines Landes und einer Familie im Zerfall – auf eine derart fesselnde Weise, dass man das Buch kaum aus der Hand legen mag. Nicht ohne Grund haben es die unabhängigen Buchhandlungen mehrheitlich zu ihrem »Lieblingsbuch« erkoren.

Nelio Biedermann. Lázár. Berlin 2025

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 12/2025.