Mit der Pfaueninsel entsteht bei Bastei Lübbe ein neues literarisches Imprint. Das erste Programm mit sechs Titeln erscheint im Frühjahr 2026. Die verlegerische Leitung liegt bei Constanze Neumann, die zwischen 2017 und 2024 die Literaturprogramme des Aufbau-Verlags und dessen Imprints Blumenbar, Ch. Links und der Anderen Bibliothek verantwortet hat. Unter ihre Ägide fielen Bestseller von Sigrid Nunez, Natalie Amiri, Tove Ditlevsen oder Han Kang. Nach intensiver Zeit im Management und als Mitglied der Geschäftsführung – zwangsläufig oftmals weit entfernt vom Buch und von Autoren – hat sich Neumann für ein neues literarisches Domizil entschieden, von dem sie sich verspricht, relativ frei von den Zwängen eines großen Unternehmens kreativ arbeiten und verlegen zu können.
Die Pfaueninsel gibt es wirklich: eine Insel mit kleinem Lustschloss im oberen Havellauf. Ein Sehnsuchtsort für die preußischen Fürsten und Könige und später dann für das Berliner Bürgertum, das der Stadt müde war. »Der Name steht für einen Ort des Innehaltens, Staunens und Entdeckens«, so Constanze Neumann, »er klingt poetisch und verortet den Verlag in Berlin, wo er seinen Sitz haben wird.«
Geboren 1973 in Leipzig als Tochter einer Geigerin und eines Pianisten ist Constanze Neumann von klein auf mit klassischer Musik in Kontakt. Dennoch ist ihre Biografie alles andere als klassisch, denn früh gerät sie in die Zwickmühle zwischen zwei Welten: DDR und BRD. Nach einem gescheiterten Fluchtversuch müssen die Eltern ins Gefängnis, die Dreijährige muss ins Kinderheim, aus dem sie nach einigen wenigen Tagen jedoch der couragierte Großvater abholt. Dieser leidet zwar an der »Republikflucht« seiner Tochter, ist aber der Meinung, ein Kind brauche eine Großmutter und ein Zuhause.
Jahre später werden die Eltern von der BRD freigekauft und gehen in den Westen. Constanze folgt im Alter von sieben Jahren und muss sich in ein völlig neues Land einfinden. Neben Geigen- und Klavierunterricht wird ihr das Lesen immer wichtiger. »Ich war eine eifrige Bibliotheksgängerin. Sowohl meine Großmutter als auch meine Tante sind Bibliothekarinnen. Zu beiden hatte und habe ich einen sehr engen Bezug.«
Bücher sind Constanze Neumann in die Wiege gelegt, und irgendwann fängt dann das Tagebuchschreiben an; 2017 erscheint ihr Erstling »Der Himmel über Palermo – Blandine von Bülows große Liebe« (Goldmann). 2021 folgt »Wellenflug« (Ullstein), die Geschichte ihrer Familie großväterlicherseits, einer großbürgerlich-jüdischen Familie.
Mit »Das Jahr ohne Sommer« (Ullstein 2024) gelingt ihr drei Jahre später ein bemerkenswertes Buch über die große Normalität einer Extremsituation, wie sie für viele Kinder gilt, deren Leben von politischer Willkür, Flucht, Ankunft und Anpassung geprägt ist. Es ist ergreifende Selbstbiographie und gleichzeitig Spiegel jüngster deutsch-deutscher Geschichte.
Neumann sagt, sie musste »in diesem Wirbel der Zeit, in dem wir uns befinden, aufschreiben, was gewesen ist und was zu dem geführt hat, was jetzt ist. Auch für all die Kinder, die unterwegs sind, die auf der Flucht sind, die irgendwo anders ankommen. Den besonderen kindlichen Blick auf unsere Fluchtgeschichte noch einmal zu finden hatte etwas sehr Befreiendes. Manche beschweren sich über eine ›Flut‹ der DDR- und Wenderomane, aber das hat seine Berechtigung, weil die Vergangenheit ganz massiv hineinragt in unsere Zeit.«
Bevor sie selbst schreibt, übersetzt sie aus dem Italienischen. Sie lebt mehrere Jahre auf Sizilien und übersetzt neben anderen Valeria Parrella, Andrej Longo und Simona Vinci. Ganz zu Beginn aber das Schwerste: Als junge Frau begegnet Neumann einem sehr anspruchsvollen Buch der Anfang der 2000er-Jahre wiederentdeckten Autorin Goliarda Sapienza, »In den Himmel stürzen« (2005 Aufbau, unter »Die Kunst der Freude« 2022 neu verlegt bei Aufbau).
»Ich habe anderthalb Jahre an diesem Buch übersetzt. Ein Wahnsinnsding, 600 Seiten, und von einer Frau handelnd, die sich befreit von den Fesseln ihrer Herkunft und der Enge Siziliens, eine moderne Frauenfigur in einer anachronistischen Zeit. Die Heldin geht buchstäblich über Leichen, um ihr Recht auf Glück einzufordern. Ich bekam ein Stipendium vom Übersetzerverband und eine Patenübersetzerin, Ragni Maria Gschwend, mit der ich Satz für Satz durchging.«
Den eigentlichen Impuls für den Start ihrer bis heute andauernden Italien-Reise erhielt Neumann früh: Im Alter von 14 Jahren hatte sie von ihrer Großmutter das Buch »Der Leopard« des sizilianischen Autors Tomasi di Lampedusa in einer DDR-Ausgabe von Volk und Welt geschenkt bekommen. »Das hat mich fasziniert. Da wollte ich unbedingt hin. Nach dem Abitur bin ich nach Sizilien gefahren und habe dort einen Italienischkurs gemacht. Ich bin eigentlich der Literatur gefolgt. Man kann sich ja über Dialekte und Akzente streiten, doch vielleicht wird man auch im Norden Italiens anerkennen, dass Sizilien die höchste Dichte an italienischen Literaturnobelpreisträgern hat. Eine Erzählerinsel sozusagen.«
Ihre verlegerische Karriere verfolgt sie parallel in Deutschland: Praktika bei Reclam Leipzig und bei Aufbau Berlin, Volontariat bei Piper, Lektorin für deutschsprachige Literatur beim S. Fischer Verlag, Cheflektorin bei Hoffmann und Campe, Verlagsleiterin und Geschäftsführerin der Aufbau Verlage.
Was das gedruckte Buch angeht, ist Constanze Neumann nicht pessimistisch. Der Zustrom an Leserinnen im Romance- und New-Adult-Bereich zeige, dass diese sehr jungen Leserinnen wirklich das gedruckte Buch haben wollen, gern opulent ausgestattet und mit Farbschnitt.
Eine junge Generation, die trotz digitalen Wandels noch zum gedruckten Buch greift, ist ein Lichtblick. Der Wertewandel, der den digitalen Wandel begleitet, sicher nicht. Dazu Neumann: »Der Aufstieg der AfD ängstigt mich. Man macht es sich aber zu leicht, wenn man das als ostdeutsches Phänomen beschreibt. Es ist ein gesamtdeutsches Problem, das im Osten stärker ausgeprägt ist. Dafür gibt es viele Gründe. Einer davon liegt vielleicht auch im kulturpolitischen Bereich: Wenn von 79 DDR-Verlagen gerade mal ein großer, nämlich Aufbau, den Sprung auf den gesamtdeutschen Markt geschafft hat, ist das schon Indiz dafür, dass das kulturelle Gerüst, das die DDR ja hatte, weggebrochen ist. Und sicherlich hätte man in den 90er Jahren (und bis heute) vermeiden müssen, dass viele Leitungsposten im Kulturbereich vor allem von Westdeutschen übernommen werden. Begreift man Kultur als einen integralen Bestandteil von Demokratie, dann ist hier versäumt worden, das aus den sogenannten neuen Ländern selbst heraus zu entwickeln.«
Ein Fazit? »Bücher zu verlegen, die die Vielfalt der Welt abbilden, auch fern des eigenen Weges, neue Perspektiven zu eröffnen und Orientierung geben in einer immer unübersichtlicheren Welt.« Sicher auch eine der Aufgaben für die neue Erzählerinsel, die Constanze Neumann jetzt betreten hat, die Pfaueninsel.