Als 1981 der Musiksender MTV an den Start ging, war das der Beginn eines neuen Zeitalters, auch im Bereich des Tanzes. Träumten früher die jungen Mädchen davon, im Tutu zur Ballettschule zu gehen, so kam das zeitgenössische Tanz-Curriculum jetzt modisch aufgepeppt mittels TV-Gerät ins Wohnzimmer geschwappt. So auch bei Familie Wagner in Zürich: Tochter Natalie tanzte jeden Tag in der guten Stube Videoclips nach, bis ihr Vater entschied, das bewegungssüchtige Kind müsse bei der Schweizerischen Ballettberufsschule angemeldet werden: »Da kannst du jeden Tag tanzen!«, hat Natalie Wagner ihren Vater noch im Ohr. Mit sieben Jahren begann die professionelle Ausbildung der jungen Tänzerin, für die sie ihren Eltern bis heute dankbar ist. 

»Damals ist mir das Ballett ans Herz gewachsen. Dann kam der Charaktertanz: Ich habe Flamenco kennengelernt, und irgendwann hat sich mein Herz für ganz viele Tanzstile geöffnet. Ich entdeckte Hip-Hop, dann Salsa. Gesteppt habe ich auch noch.« Verglichen mit der Zahl ihrer Tanzweiterbildungen ist ihre zweijährige Berufsausbildung an der KV Business School Zürich heute nur noch eine Randnotiz: Zunächst absolvierte die junge Tänzerin Workshops in der Schweiz mit Tänzern aus Amerika. Als sie 18 wurde, ging sie in die USA, wo es üblich ist, dass Tänzer alle Genres lernen und sich nicht nur auf eine Stilistik konzentrieren. »Diese Zeit hat mich sehr geprägt, ich wollte einfach alles lernen. Ich habe mich in meiner Freizeit zu Tode gearbeitet, damit ich Geld sparen konnte, um mir alle Workshops zu finanzieren.« Es war ein ewiges Hin und Her zwischen den Kontinenten und den Kulturen: Sechs Monate in den Staaten, dann ging es wieder in die Schweiz zum Geldverdienen, dann zwei Jahre Los Angeles und New York. 

Als freiberufliche Tänzerin arbeitete sie mit Choreografen wie Jérôme Bel (Schweiz), Adam Parson (USA), Katja Grässli (Niederlande) und Charlotta Öfverholm (Schweden) sowie mit Compagnien wie der Kamea Dance Company (Israel), dem Staatstheater Gießen (Tarek Assam) und in Görlitz (Adi Salant, Noah Zuk, Dan Pelleg & Marko Weigert) zusammen und trat in ganz Europa und den USA auf.  

Von 2006 bis 2015 war Natalie Wagner künstlerische Leiterin und Choreografin ihrer eigenen »naway company« und kreierte sowohl Kurzstücke als auch abendfüllende Werke. 20 Jahre lang lebte sie als freie Tanzschaffende. Doch auch wenn ihr jedes Projekt, jede Produktion immer wieder den Kick gaben, wollte sie nicht mehr so weitermachen und wagte 2018 einen Neustart mit einem Künstlerischen Masterstudium »Arts Choreografie« an der Palucca Hochschule für Tanz Dresden. Sie erinnert sich: »Einerseits hinterfragte ich mich, ob ich überhaupt noch choreografisch tätig sein will, gleichzeitig hatte ich das Bedürfnis, mich mit Themen und Methoden auseinanderzusetzen, für die ich bisher noch nicht die Zeit und die Gelegenheit hatte. Mit anderen Worten, ich hatte eine künstlerische Krise. Ohne Erwartungen habe ich mich für den Studiengang beworben und es dem Schicksal überlassen, ob ich angenommen werde oder nicht. Es war dann wie ein Zeichen für mich, dass ich wohl doch auf der richtigen Bahn bin.« 

Der Masterstudiengang Choreografie eröffnete ihr die Möglichkeit, ihr Netzwerk zu erweitern und mit Künstlerinnen und Künstlern zusammenzukommen, die sie sonst nicht getroffen hätte. Das Studium brachte ihr Klarheit und lenkte ihren Blick in eine Richtung, von der sie kaum gewagt hatte, zu träumen: Seit der Spielzeit 2022/23 steht das zeitgenössische Tanzensemble der Landesbühnen Sachsen in Radebeul unter der Leitung der Chefchoreografin Natalie Wagner. »Ich mache eigentlich gar nichts anderes als früher, nur ist mir jetzt Urlaub bezahlt«, scherzt sie. »Als ich vor vier Jahren in Radebeul angefangen habe, war das für mich wie ein Ankommen: endlich mal an einem Ort sein. Ich merke auch für mich als Künstlerin, ich kann mich anders vorbereiten, weil ich jetzt die Tänzer kenne und weiß, was die mögen, was sie können und was nicht. Wo sind die Stärken, die Schwächen, wo kann man sich ergänzen.« 

Als mobiles Theater sind die Landesbühnen Sachsen sowohl am Standort Radebeul als auch auf Gastspielen in ganz Sachsen vertreten mit dem Ziel, Teilhabe an Kunst und Kultur im ländlichen Raum zu ermöglichen. Die Tanzcompagnie des Theaters vereint zwölf internationale Tänzerinnen und Tänzer. Besonderen Wert legt Wagner darauf, den Mitgliedern des Ensembles die Möglichkeit zu geben, eigene Abende zu kreieren und choreografische Handschriften zu erproben.  

Weitere Schwerpunkte ihrer Arbeit bilden die Vernetzung zur freien Szene und anderen Choreografinnen und Choreografen sowie Inter- und Crossdisziplinarität. Im Rahmen eines zuvor initiierten Gesundheitsprojekts für Tänzerinnen und Tänzer wurde zudem ein regelmäßiges Athletiktraining etabliert. Dieses dient der Prävention, der nachhaltigen Gesundheitserhaltung und der professionellen Entwicklung der Tänzerinnen und Tänzer. Was diese früher in ihrer Freizeit auf eigene Initiative machen mussten, gehört jetzt in ihr vertragliches Zeitbudget. 

Im Rahmen ihres Stipendiums an der Palucca Hochschule in Dresden hatte Wagner zu Ansichten professioneller Tanzkünstler über ihren Beruf und zu den Herausforderungen der heutigen Berufswelt geforscht. 269 professionelle freiberufliche und festangestellte Tanzkünstlerinnen und -künstler in Deutschland nahmen an der Umfrage zur Berufsidentität im Tanz teil. Die Ergebnisse ihrer Arbeit lässt sie auch heute noch in die praktische Arbeit mit ihrem Ensemble einfließen; sie ermöglichen ihr, individuell an Selbstbildern und der künstlerischen und persönlichen Entwicklung ihrer Künstler zu arbeiten. 

Vom klassischen Ballett- und Tanztheater lässt sie sich inspirieren, aber ihre künstlerische Freiheit lebt sie in der modernen Lesart dieses Repertoires. Bei Carmen etwa erzählt sie von Femizid, beim Sacre stellt sie sich die Frage: »Braucht es immer ein Opfer? Einfach nur ein schönes Tänzchen zu machen oder tolle Tricks zu offerieren, das reicht mir nicht als Künstlerin.« In der nächsten Spielzeit macht sie den Ballettmusik-Hit unter den zeitgenössischen Choreografen überhaupt, »Die vier Jahreszeiten« von Antonio Vivaldi. So wie unsere Welt heute aus den Fugen gerät, wird in ihrer Choreografie jede Verbindung zur Frage: Können wir einander tragen, wenn die Ordnung wankt? Sensibilität wird zur Überlebensstrategie – fragil, präzise, ungewiss. »Es ist ein großes Privileg, dass ich hier an der Landesbühne immer wieder mit dem Komponisten Nikolaus Wörnle arbeiten kann. Wir nehmen die berühmten Melodien, aber werden diese zeitgenössisch neu arrangieren.« 

Ihre Leseart von zeitgenössischem Tanz setzt sie an den Sächsischen Landesbühnen erfolgreich um. »Mir ist es wichtig, dass es auch ins Kleine geht. Ins menschliche Miteinander.« Doch nicht nur der soziale Mikrokosmos, auch die großen gesellschaftlichen Themen spielen in Wagners Choreografien eine Rolle. »Wo beginnt Politik? Wie funktioniert Demokratie? Wer ist der Entscheidungsträger? Wie kann jeder gesehen und gehört werden? Eine wichtige Linie meiner künstlerischen Arbeit sehe ich darin, dass unsere spezielle Art von Zusammenarbeit der Inhalt der Arbeit selber ist, dass meine Arbeitsweise den Inhalt selbst hergibt. Das reizt mich, das finde ich spannend.« 

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 2/2026