Zahlen sind nicht alles. Eine Kultureinrichtung ausschließlich nach der Quantität des Besuchs zu beurteilen, ist unbarmherzig und falsch. Aber ganz ohne Zahlen geht es auch nicht. Wenn kaum jemand kommt, wird es schwer. So im Fall des Oberschlesischen Landesmuseums in Ratingen. Etwa 5.700 Menschen sollen es im Jahr besuchen. Deshalb soll sein Inhalt nach Essen ziehen und Teil des dortigen Ruhrmuseums werden. Ob dies eine echte Fusion oder eher eine Auflösung ist, kann ich nicht beurteilen.

Der Ratinger Fall hat mich dazu gebracht, eine – wenn auch sehr unvollständige – Recherche über die Besuchszahlen bei Vertriebenenmuseen durchzuführen. Über 30 größere und manchmal kleinere Museen widmen sich den Kulturen und Schicksalen der Deutschen, die im und nach dem Zweiten Weltkrieg aus ihrer Heimat vertrieben wurden und fliehen mussten. Ich kenne bei weitem nicht alle. Besonders engagiere ich mich für das Berliner Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung. Mehrfach war ich im Museum Friedland und im Ostpreußischen Landesmuseum Lüneburg. Im Sommer habe ich einen Aufenthalt in München genutzt, um das neue Sudetendeutsche Museum zu besuchen.

Oft habe ich im Bekanntenkreis Werbung für diese Häuser gemacht. Das hat mir so einige Reaktionen eingetragen. Viele wussten nicht, dass es solche Vertriebenenmuseen gibt. Viele konnten sich nicht vorstellen, was es in ihnen zu sehen geben sollte. Viele vermuteten irgendetwas Rückwärtsgewandtes, politisch Problematisches darin. Wer sich aber anstiften ließ, erzählte mir danach von beglückenden Überraschungen. Ähnliches erlebe ich, wenn ich Gruppen durch das Berliner Dokumentationszentrum führe. Sie lernen ein modernes Haus kennen, das ein deutsches Thema klug in einen menschheitsgeschichtlichen Kontext stellt, eine verwickelte Geschichte nachvollziehbar darstellt und vor allem die Verletzungen nahe rückt. Nicht wenigen ging dabei ein Licht auf, fast erschraken sie darüber: Hier begegneten sie nämlich einer vergessenen, verschütteten eigenen Familiengeschichte. Keine Führung blieb im verabredeten Zeitmaß.

So intensiv der Besuch in einem Vertriebenenmuseum ist – damit es zu einem solchen überhaupt kommt, bedarf es großer Anstrengungen. In Berlin steht die Erinnerung an das Unrecht der Vertreibungen weit hinter dem Gedenken an die NS-Verbrechen, aber auch hinter der Aufarbeitung des SED-Unrechts. Das wird man durch keine noch so teure Marketing-Kampagne ändern. Auch sollte man in diesem Feld falsche Konkurrenzen vermeiden. Wirksamer und reizvoller wäre es, wenn die unterschiedlichen historischen Museen mehr aufeinander verwiesen. Das wäre für viele Touristen, aber auch für viele Berliner hilfreich.

Man muss realistisch sein: Der Besuch eines Vertriebenenmuseums ist eine Herausforderung, der man sich nicht mal so an einem sonnigen Samstag aussetzt. Deshalb sind Führungen und andere Vermittlungsangebote so wichtig. Vor allem die Zusammenarbeit mit den Schulen ist unerlässlich. Leider, so habe ich aus Friedland und Lüneburg gehört, ist das Thema aus den niedersächsischen Geschichtslehrplänen und Abiturprüfungen verschwunden. Doch hat man darauf reagiert und andere Fächer wie Religion oder Ethik angesprochen. Wenn man bedenkt, wie viele Schüler heute nicht bloß einen Migrationshintergrund, sondern eine familiäre Fluchtgeschichte haben, müsste man dies in allen Bundesländern verstärken. Besonders wichtig sind Angebote für Familien. Es hält sich hartnäckig das Gerücht, dass das Thema bloß Großeltern und Urgroßeltern interessiere und Kindern nicht zuzumuten sei. Dabei kann man Kinder sehr wohl heranführen und allen gemeinsam ein tieferes Verständnis der eigenen Familiengeschichte – und der aktuellen Weltlage – eröffnen.

Es ist also nicht nur die Quantität, sondern vor allem die Qualität des Besuchs, die entscheidet. Mit zeitgemäß gestalteten Ausstellungen und Vermittlungen, die Geschichte und Gegenwart zusammendenken, können Vertriebenenmuseen zeigen, warum sie unverzichtbar sind. Deshalb hat mich befremdet, dass einige von ihnen – vielleicht aus Angst – auf meine Anfragen mit Schweigen reagiert haben.

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 10/2025.