Ein Stück Weihnachtsfolklore hat mich kürzlich wieder über die Notwendigkeit historischer Aufarbeitung und deren Grenzen nachdenken lassen. Es geht um »Ochs und Esel«. Auch wer mit dem Christentum kaum noch eine Berührung hat, kennt diese beiden Figuren. In Weihnachtskrippen stehen sie um das neugeborene Christkind herum, ebenso sind sie auf Altarbildern zu sehen oder auf der diesjährigen Briefmarke zum Weihnachtsfest (95 Cent). Sie gehören einfach dazu. Besonders bei spätmodernen Städtern, die keine Ahnung von realer Landwirtschaft haben, lösen die beiden unmittelbares Wohlwollen mit einem Schuss jahresendzeitlicher Rührung aus.

Wenige dürften wissen, dass Ochs und Esel in den biblischen Weihnachtsgeschichten nicht vorkommen. Noch weniger Menschen ist bewusst, dass die beiden Krippentiere ursprünglich eine judenfeindliche Bedeutung hatten. Im Neuen Testament und in der antiken Theologie war man emsig bemüht nachzuweisen, dass alle Christus-Ereignisse in den heiligen Schriften des Alten Testaments vorhergesagt wurden. Das diente der Legitimation des neuen Glaubens und erlaubte es ihm, sich als Erfüllung und Überbietung des alten Glaubens auszuweisen. Das ist an sich noch kein Problem: Jede neue Religion oder Weltanschauung verfährt so. Ganz ähnlich hat es einige Jahrhunderte später der Islam gegenüber Judentum und Christentum gemacht. Im engeren Sinn anstößig aber wird es, wenn diese Überbietung zu Anfeindung, Beleidigung und Totalentwertung wird.

Dies scheint bei der Erfindung von Ochs und Esel der Fall gewesen zu sein. Sie bezieht sich auf ein Wort des Propheten Jesaja: »Hör zu, Himmel! Gib acht, Erde! Denn der Herr hat gesagt: ›Ich habe Kinder großgezogen und heranwachsen sehen, aber sie haben sich von mir losgesagt. Ein Ochse kennt seinen Besitzer und ein Esel die Futterkrippe seines Herrn. Aber Israel erkennt nichts, mein Volk kommt nicht zur Einsicht.‹ Wehe dir, du schuldbeladenes Volk, dessen Sünden so schwer wiegen. Eine Bande von Verbrechern seid ihr, durch und durch verdorben.« (Jesaja 1,2-4) Das Stichwort »Krippe« wird frühchristliche Leser dazu gebracht haben, dieses prophetische »Scheltwort« zu vereinnahmen und gegen Israel zu wenden: Israel sei törichter als Ochse und Esel, diese wenig intelligenten Arbeitstiere, die aber wenigstens ihren Herrn und dessen Futterstätte kennen, während Israel den Messias nicht erkannt habe. Mehr noch, Israel wird als schuldhaft und bösartig gebrandmarkt.

Dies ist inzwischen in der Theologie hinreichend erforscht, in vielen Publikationen und Seminaren evangelischer Akademien verbreitet worden. Doch wie ist diese ins Bild gesetzte »biblical appropriation« zu beurteilen? So anstößig die theologisch-künstlerische Judenfeindlichkeit im Bild von Ochs und Esel ist, so schwer ist es zu sagen, wie sie in der Geschichte gewirkt hat. Haben Christen in Antike und Mittelalter dieses Bild so verstanden, wie es gemeint war? Hat es ihr Verhältnis zu jüdischen Nachbarn nachhaltig negativ geprägt? Diese Frage lässt sich nicht beantworten, dafür fehlen die Quellen.

Wichtiger ist die Frage, wie wir heute mit Ochs und Esel umgehen sollten. Hier zeigt sich nun eine Paradoxie kritischer Geschichtsbetrachtung. Den allermeisten Zeitgenossen ist der judenfeindliche Hintergrund der beiden Krippenfiguren unbekannt. Man müsste es ihnen erst ausführlich erklären. Dabei würde man aber die längst verloschene Giftigkeit wieder aktivieren. Traditionsverluste haben ihr Gutes: Vieles, was früher falsch und böse war, wird man am besten los, indem man es dem Vergessen anheimgibt. Doch so einfach darf man es sich nicht immer machen. Gerade Bilder besitzen eine eigentümliche Macht, die es erforderlich sein lässt, über ihren Sinn aufzuklären. Und dann? Dann sollte man die Krippen zu Hause und in den Kirchen nicht einer rigiden Säuberung unterziehen. Am besten, man stellte weitere Tiere dazu – die Schafe der Hirte, die Kamele der Magier und was es damals noch so gab. Dann hielte die Krippe eine andere und bessere Predigt, nämlich darüber, dass Gott nicht nur für die Menschen, sondern für alle Kreaturen auf die Erde gekommen ist.

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 12/2025.