Wer sich auf die Auseinandersetzung mit der AfD vorbereiten möchte, braucht gute Bücher. Man benötigt tiefenscharfe Urteilskraft, die man am besten durch die Lektüre historischer Studien und politikwissenschaftlicher Analysen gewinnt. Das bloße Beobachten der Tagesmedien genügt nicht. Inzwischen gibt es auf dem Buchmarkt viel Gutes und Informatives. Was aber bisher gefehlt hat, ist ein Buch mit einem kulturpolitischen Fokus. Dabei ist für die AfD der politische Kampf im Wesentlichen Kulturkampf. Da kommt Christoph Bartmann mit seinem neuen Buch »Attacke von rechts. Der neue Kampf um die Kultur« zur rechten Zeit. Er ist ein versierter Autor, dessen Buch über die Dienstleistungsgesellschaft (»Die Rückkehr der Diener«) ich vor zehn Jahren mit Gewinn gelesen habe. Zudem verfügt er als ehemaliger Leiter verschiedener Goethe-Institute über kulturpolitische Expertise.
Ich war also gespannt. Und schnell enttäuscht. Bartmann verfehlt sein Thema, dies aber auf eine lehrreiche Weise. Denn sein Scheitern steht exemplarisch dafür, wie leicht – zu leicht – es sich kulturpolitische Akteure immer noch mit der AfD machen. Deshalb lohnt ein kurzer Blick in sein schmales Buch – womit das Problem schon beginnt. »Attacke von rechts« ist einer dieser zurzeit beliebten Buch-Zwitter: ein knalliger Titel, ein aktuelles Thema, Nähe zum soeben Geschehenen, aber mit Niveau-Anspruch. Das geht häufig schief. Aktualität ist ein scheues Reh, das man mit einem Post oder Zeitungsartikel eher einfängt als mit einem Essaybuch. So wundert man sich – ach, wie schnell die Zeit vergeht! –, dass man bei Bartmann fast schon vergessenen Akteuren wie Joe Chiallo oder Marc Jongen wiederbegegnet. Andererseits fehlt es an ausgeruhtem, kenntnisreichem, analytischem Nachdenken.
Das zeigt sich schon daran, dass Bartmann sich nicht die Mühe begrifflicher Differenzierung macht. In einer verräterischen Anmerkung heißt es: »Ich spreche hier und im Folgenden ohne Unterschied von rechts und rechtsextrem, weil m. W. keine klare Grenze zwischen den kulturellen und kulturpolitischen Ideen der rechten Mitte und jenen der extremen Rechten existiert.« Das ist falsch und denkfaul. Man muss schon die Unterschiede zwischen »nationalsozialistisch«, »neo-nazistisch«, »neu-rechts«, »rechtspopulistisch«, »extrem« und »radikal«, »rechts« und »konservativ« kennen, um das weite Feld des »Rechten« auszumessen und die Bewegungen darin zu erfassen. So viel begriffliches Interesse am Beobachtungsobjekt sollte man aufbringen.
Aber vielleicht ist Bartmanns Interesse gar nicht so groß. Es fällt auf, wie wenig es in seinem kurzen Buch um die Kulturpolitik der AfD geht. Zwar finden sich darin erhellende Passagen über rechtsextremes Kulturkämpfertum, aber immer wieder schweift der Autor ab und schreibt über die Geschichte der Kulturförderung in der DDR und der alten BRD, Kulturkonflikte in anderen Ländern, die vorletzte documenta und sogar über Künstliche Intelligenz (die darf wohl in keinem Debattenbuch mehr fehlen). Nach 176 Seiten ist das Buch irgendwie zu Ende bzw. versandet.
Beim Lesen ist in mir der Verdacht gewachsen, dass Bartmann sich nicht die Mühe ernsthafter Recherche gemacht hat. So stellt er einmal überrascht fest, dass die Neue Rechte »neuerdings häufiger« Antonio Gramscis Konzept der »kulturellen Hegemonie« verwenden würde. Dabei tut sie genau dies seit mehr als einem halben Jahrhundert, nur dass diese Strategie jetzt für sie Früchte trägt. Kennt er nicht die einschlägigen Texte von Alain de Benoist, Armin Mohler oder Karlheinz Weißmann? Kennt er überhaupt die lange Vorgeschichte der »konservativen Revolution« oder der »Kulturpessimisten«, die weit ins 19. Jahrhundert zurückreicht? Hat er sich eigentlich jemals mit einem dieser Neu-Rechten direkt auseinandergesetzt? Ist er diesen Leuten schon einmal von Angesicht zu Angesicht begegnet? Wann war er das letzte Mal in der ostdeutschen Provinz oder in strukturschwachen Gebieten im Westen? Mir scheint, dass Bartmanns geistreiches, aber gedankenloses Buch beispielhaft für den immer noch höchstabstrakten, allzu vornehmen Umgang liberaler Intellektueller mit der Gefahr von rechts steht. Ich denke, dass wir uns mehr anstrengen sollten.