Der moralische Absolutismus unserer Zeit erdrückt Kompromisse und kennt kein Entrinnen. Debatten polarisieren das Wir und das Sie. Die moralisch korrekte Wortwahl wird kulturelles Erkennungszeichen. Deshalb muss man über Moral nachdenken. Zur rechten Zeit meldet sich der Philosoph der Universität Utrecht Hanno Sauer zu Wort.
Seine Erzählung beginnt mit der Entstehung der Menschheit. Die Entwicklung von Moralvorstellungen sieht er als Etappen kulturellen Fortschritts. Eine zentrale Referenz ist für ihn der kanadische Anthropologe Joseph Henrich. Mit ihm spricht er dem westlichen Abendland genau das ab, was sonst nie hinterfragt wird: die Universalität der Vorstellung von dem, was Gut und Böse ist. Vielmehr sei es der Sonderweg einer Minderheit des Alten Europa und seiner »western, educated, industrialized, rich, democratic«, kurz WEIRD genannten Menschen. Sauer übersetzt das mit »die Seltsamen«. Nicht mehr Clan, Sippe und Familie bestimme Kultur und persönliche Identität, sondern die prosoziale gesellschaftliche Moralnorm. Die Kultur der Seltsamen sei von 2.000 Jahren katholischem Erb-, Familien- und Eherecht geprägt.
Diese These erstaunt angesichts der inneren, widersprüchlichen Vielfalt der westlich-abendländischen Kulturen. Aber sie auszuleuchten und zu durchdenken ist eine lehrreiche und anregende, teils auch geradezu vergnügliche Denkübung. Zur Entdeckung unserer Seltsamkeit lädt uns Sauer ein.
Vor Augen führt er uns auch die gegenwärtig so nervigen Trigger-Mechanismen der Entrüstungsprofis. Eine Auseinandersetzung mit dem Standardwerk von Steffen Mau (Triggerpunkte) wäre allerdings wünschenswert, ebenso vermisst man die Beschäftigung mit der einschlägigen Jenaer Soziologie oder Rutger Bregmans’ Plädoyer für das Gute. Trotzdem: Von Sauers Buch lässt man sich gerne einmal triggern.
Hanno Sauer. Moral. Die Erfindung von Gut und Böse. Eine philosophische Geschichte zu moralischen Wertvorstellungen. München 2023