Es reicht. Ungefähr zwanzig Jahre lang habe ich versucht, an dieser Stelle die für meine individuelle Wahrnehmung faktisch erkennbare Realität so reizvoll wiederzugeben, dass Fehler und Macken in den Feldern Kultur, Kunst und Politik auch von noch so einseitig fanatisierten Funktionärinnen und Funktionären erkannt und ausgebessert werden konnten. Nach einem Volltreffer durch einen nordkoreanischen Silvesterböller wurde mein kalkstarres Neuronenfluss-System offenbar so kräftig durchgeschüttelt und beweglich gemacht, dass mir pythiamäßig ein ganz anderer alle Sinne konzentrierender freier Blick auf das nächste Jahr, also 2027, sich eröffnete. So wird es werden:
2027 — The Glow Age: Die Welt hat den Reset-Button gedrückt. Kein WLAN verpestet mit kranken, perversen Bits-and-Bytes mehr die friedlich-cleane Atmosphäre, kein endloser Scroll durch die Bedeutungslosigkeit ausbeuterischer Ideologien. Stattdessen: pure Vibes, naturalFlow, Soft Power. Die Menschen schauen wieder nach oben – nicht aufs Display, sondern in den Himmel. Die Sonne hat wieder schleierfreie Kraft, der Wind schreibt kollektives Wissen eindrücklich auf die Haut. Keine Maschinen derangieren die Emotionen. Kein Algorithmus diktiert den Tagesablauf. Kein Trump, kein Putin, keine künstlichen Leader, die reden, um zu herrschen. Die Menschheit hat sich detoxed – digital, sozial, spirituell. Im Jahr 2027 zittert keine Luft mehr vom Brummeln der Server, kein Finger streicht über kalte Tastaturen, kein Herz pocht nach dem Rhythmus maschineller Benachrichtigungen. Stattdessen singen die Lüfte wieder. Der Wind trägt Stimmen, das Lachen von Menschen, die sich in die Augen sehen, anstatt auf Bildschirme. Die neue Erde atmet wieder menschlich – mit warmem Atem, der nach Schwarzbrot, Haut und Heu duftet.
Kultur ist das Rückgrat der neuen Gesellschaft – nicht zwecks Konsum, sondern als Lebensenergie. Musik, Malerei, Literatur: wunderbare Sprachen der Verbindung. Kein Geld, kein Status, kein Fame – nur Ausdruck. Musik geschieht überall. Ohne Bühne, ohne Charts. Pure Frequenz. Morgens, in den goldenen Hügeln, jammen Jugendliche im Tau. Handgetrommelte Beats, Stimmen wie flüssiges Licht. Sie nennen es »sunrise drop«, und jedes Mal klingt es neu, weil Wind und der Gesang von Vögeln Teil des mächtigen Tracks sind. Am Meer stehen Musizierende barfuß im Sand, Saxofon, Hangdrum, Vocals – Jazz meets Nature. People listen with closed eyes, heads swaying, barefoot in the foam. Heavy hängt bassige Ambient-Musik über den Feldern – so deep, dass die Sterne im Takt aufleuchten. Kein Konzert, kein Publikum – einfach Life jamming back.
Painting: Bilder werden nicht mehr besessen, sondern geteilt, wie Stimmungen. Malen ist allgegenwärtiges Ritual. Farbe ist Seele. Kein Wettbewerb, kein Verkauf. Jede Linie schafft eine Beziehung. In den Städten hängen Mosaike aus wiedergefundenen Materialien, reflektierend im Sonnenlicht, changing Farben each minute. Kollektive malen mit Biolumineszenz – Bilder leuchten, leben, atmen. Ein Sternenhimmel an Wänden.
Sprache ist clear again. Authentisch, roh, fließend. Kein Text für Likes, sondern für evergrowing Connection: Die Alten erzählen Mythen am Feuer, aber mit Slang: »Bro, whenthe ocean first breathed, it was literally vibing.« Junge Poeten schreiben Verse direkt auf Blätter, lassen sie im Sommerwind aufsteigen und davonfliegen – ephemeral poetry, no save, no archive. Sprache lebt. Kein Grammatikdogma, sondern Freestyle-Mind. Wörter sind Sound, Farbe, Emotion. Syntax who? It’s all about tone.
Das Gehirn der neuen Menschheit funktioniert im Modus sync without control. Kein Machtdenken, kein EGO.exe, keine Dominanz. Menschen verstehen einander nonverbal. Kommunikation ist telepathisch angehaucht – leuchtende Gedankenstränge zwischen Augen, Hirn, Fortpflanzung und Herz. Wenn zwei sich austauschen, entsteht kein Konflikt, sondern Fusion. Gespräch wird zum Designprozess. Ideen tanzen, Worte fließen, keiner will gewinnen. Philosophie hat wieder Style bekommen. Menschen diskutieren wie Impro-Musiker – argumentieren mit Flow, nicht mit Druck. Truth isn’t static – it’s a dance. Wissenschaft ist keine kalte Analyse mehr, sondern vibrierendes Staunen. Forscher nennen sich curiosityweavers. Erkenntnis bewegt sich in Rhythmen, nicht in Zahlen.
Die Erde hat sich erholt. Kein Plastik, kein Noise, kein Rush. Die Menschen sind wieder Teil des Ökosystems, nicht dessen Gegner. Jeder Tag beginnt im Garten – mental, möglichst real. Bäume sprechen wieder. Keine Esoterik, sondern simple Normalität. Man hört sie atmen, wenn Wind durch ihre Blätter fließt – deep green vibes. Flüsse glitzern in chromatischem Blau, moosige Steine reflektieren den Himmel wie NFT-free Mirrors. Städte sind wieder Biotope. Häuser aus Lehm, Glas, Holz – organisch verschmolzen mit Efeu, Farn, Myzel. Wege wachsen aus Wildblumen, Dächer summen vor Bienen. Architektur klingt wie Musik; jede Wand, jede Kurve folgt innerem Rhythmus. Licht ist kostbar geworden. Kein Overexposure. Nachts herrschen Dunkelblau und Feuerfarben, sanft tanzend wie Slow Beats in einem Summer Dream.
Im Jahr 2027 hat die Menschheit etwas verstanden, was ihr in Jahrhunderten zuvor entglittenwar: dass Bewusstsein geil ist. Dass Empathie Power ist. Man lacht wieder, echt, tief, loud – from the belly, not the ego. Man lebt slow but balanced und trotzdem voller Drive. Man liebt, ohne zu besitzen. Man denkt, ohne zu trennen.
Die Welt ist nicht perfekt – aber sie ist ehrlich geworden. Fehler sind Features. Chaos ist Teil des Designs. Wenn nachts über den Feldern das Summen der Grillen in einen sanften Beat übergeht, dann spürt man sie wieder: diese unsichtbare Resonanz zwischen Erde, Mensch, Luft und Traum. Everything beams. Everything breathes. Everything glows.
Und wenn wir nicht gestorben sind, erleben wir’s noch morgen, oder übermorgen?
Theo (Paulus) Geißler
Theo Geißler ist Herausgeber von Politik & Kultur
Medwedews Träume
Düsseldorf/Köln: Vor ihrer nordrhein-westfälischen Parteibasis (laut eigenen Angaben elf Millionen Mitglieder) hat die AfD-Bundesvorsitzende Alice Weidel die Politik der CDU scharf attackiert. Die Grönland-Problematik sei hausgemacht und Ergebnis einer »verlotterten, versifften grünen CDU-Politik«. Wenn die AfD an der Regierung sei, werde sie für entscheidende Änderungen kämpfen, sagte Weidel. »Weg mit der Einkommensteuer.« Auch das Verbrenner-Verbot wolle die AfD abschaffen und die Kernkraft wieder einführen. Subventionen für Kunst und Kultur werde die AfD streichen. Der Bau einer zweihundertachtzig Meter hohen Putin-Statue mit Dreh-Restaurant im Kopf anstelle des Kölner Doms sei beschlossene Sache.
Mainz: Im Dezember kehrt »Wetten, dass…?« nach drei Jahren Pause ins ZDF zurück und diesmal mit einer tierischen Überraschung: Bill und Tom Kaulitz (36) übernehmen die Moderation der Kultshow. »Die Katze hat uns ein paar Mäuse vor die Tür gelegt – und dann kamen die Ratten!«, hatte das ZDF zuvor auf Instagram angeteasert. Die »Katze« soll angeblich Multimilliardär Peter Thiel gewesen sein, der schon seit einiger Zeit eine »üppige Werbefläche« für seine Spionagesoftware »Superporn« sucht.
Hollywood: Favoriten für die Oscars sind diesmal Vampire. Es dominieren zwei wagemutige Filme zwischen Blut, Wut und Mythen: Ryan Cooglers »Blood & Sinners« und Paul Thomas Andersons »One Battle After Another«. Mehr kann sich Hollywood eigentlich nicht wünschen. Denn der Hauptdarsteller beider Filme, Donald Trump, hat zugesagt, seine Oscar-Statuen persönlich abzuholen.
Wien/Berlin: Kinder mit mangelnden Deutschkenntnissen haben in Österreich künftig kürzere Sommerferien. Sie müssen eine zweiwöchige Sommerschule besuchen, um ihre Sprachkompetenz zu verbessern. Das hat das Parlament in Wien beschlossen. Wer verweigert, muss mit einer Geldstrafe rechnen. Die Maßnahme ist Teil der Integrationspolitik der Koalitionsregierung von konservativer ÖVP, sozialdemokratischer SPÖ und den liberalen Neos. »Deutsch ist der Schlüssel für den Bildungsaufstieg, und Deutsch ist auch der Schlüssel für ein gelungenes Leben«, sagte Bildungsminister Christoph Wiederkehr (Neos) im Parlament. Die Kultus- und Bildungsministerien von 16 deutschen Bundesländern haben daraufhin beschlossen, bis zu sieben Millionen Schülerinnen und Schüler aus ihren betroffenen Schulen in Österreich anzumelden. tg