Es ist viel die Rede davon, dass in Deutschland gegenwärtig ein mächtiger Kulturkampf, wenn nicht gar ein Kulturkrieg tobe. Ich weiß nicht recht. Im Vergleich zu anderen Weltgegenden empfinde ich die Lage hierzulande noch als ziemlich friedlich. Auch frage ich mich, wer hier mit welchen echten Argumenten oder unlauteren Absichten einer kulturpolitischen Mobilmachung das Wort redet. Natürlich will ich nicht leugnen, dass unsere offene Gesellschaft Gegner, ja – Feinde hat, die zurzeit vor Kraft nicht laufen können. Aber hilft es da, selbst martialische Fanfaren anzustimmen?
Ich will stattdessen eine Gegenthese ausprobieren. Sie lautet: »Es herrscht in Deutschland momentan kein Kulturkampf. Liebe Leute, bitte weitergehen, hier gibt es nichts zu sehen!« Womit ich diese These begründe? Mir fällt auf, dass sich die kulturkämpferischen Aufregungen, die in enger Folge durch die Medien gejagt werden, zumeist umgekehrt proportional zu ihren Anlässen verhalten. Es geht da sehr häufig um lächerliche Kleinigkeiten. Vielleicht ist also eher unsere Aufgeregtheit das Problem als die Wirklichkeit?
Den Gegnern von rechts spielen wir damit in die Hände. Ihre »Metapolitik« zielt auf eine vollständige Abwertung der liberalen Demokratie. Deshalb übt sie sich in Katastrophenpropaganda. Ganz normale Konflikte, die zu einer lebendigen Kultur gehören, oder schlichte Fehler, die sich beheben ließen, werden ins Apokalyptische aufgebauscht, um das Vertrauen darauf zu zerstören, dass sie in Dialog und Kompromiss gelöst werden könnten. Und wenn es gerade mal keine Konflikte gibt, werden welche erfunden, nur um die tägliche Dosis Empörung zu produzieren.
Wäre es nicht am besten, solchen Destruktionspropheten mit selbstbewusster Gelassenheit zu begegnen? Unsere liberale Demokratie ermöglicht ein friedliches Zusammenleben trotz großer Unterschiede. Sie hat erhebliche Zivilisationsgewinne vorzuweisen. Nirgendwo kann man sich so frei entfalten. Warum sollten wir uns das schlechtreden lassen? Wir könnten doch auf die Stärken unserer Kultur hinweisen und andere einladen, sie näher kennenzulernen und Anteil an ihr zu nehmen. Dazu müssten wir aber selbst von unserer Kultur überzeugt sein und dies auch bei Widerständen zeigen.
Leider ist die deutsche Kulturbranche nicht unbedingt ein Quellgrund der Zivilcourage. Ich kenne es ähnlich aus der Universität (und meiner Kirche). Die größte Sorge, die viele hier zu haben scheinen, lautet: »Was werden bloß die lieben Kolleginnen und Kollegen dazu sagen?« Deshalb werden sorgsam die richtigen Wörter gewählt, damit nur ja kein falsches dabei ist, werden gute Personen ein- und schlechte ausgeladen je nach Konformitätserwartung, werden Proklamationen veröffentlicht, die den Konsens einer Szene artikulieren. So funktionieren Institutionen und Milieus. Leider funktionieren Kunst und Kultur so nicht.
Vor Kurzem hat Petra Morsbach in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung auf einen Vorfall hingewiesen: Ein Sänger sei von einem Literaturhaus ausgeladen worden, weil er ein russisches Lied singen wollte; daraufhin sei eine Gruppe der örtlichen Kunstakademie zusammengekommen, um nach Beratung zu beschließen, nichts zu tun. Nun, ich kann diesen Vorgang nicht beurteilen, finde ihn auch nicht so interessant. Wichtig finde ich dagegen die grundsätzliche Haltung von Morsbach: Kunst sei das Gegenteil von Sozialkontrolle – sie »(ver)urteilt nicht, sondern stellt in Frage. Sie bietet eine idealerweise freie individuelle Darstellung, die auf eigener Wahrnehmung beruht und in die Tiefe geht, dorthin, wo das Leben unbequem und widersprüchlich wird … Sie sollte für individuelle Wachheit, geistige Unabhängigkeit und Mut stehen, nicht für Gehorsam und Korpsdisziplin.«
Mitten im Ersten Weltkrieg prägte mein Lieblingstheologe Ernst Troeltsch den schönen Begriff von der »Demobilisierung der Geister«. Damit meinte er eine innere Abrüstung, die es ermöglich, mit Gleichgesinnten und Gegnern – nicht mit Feinden der Freiheit – Lösungen und Kompromisse für wirkliche Probleme zu finden. Oder in Abwandlung eines in meinen Jugendtagen beliebten Spruchs: »Stell dir vor, es ist Kulturkampf, und keiner geht hin.«