Kurz vor ihrem 90. Geburtstag überreichte die Großmutter des Autors ihm eine grüne Kladde. Sie enthielt handschriftliche Aufzeichnungen über ihr Leben als Gutsbesitzerin in Ostpreußen und die Flucht im Winter 1945 vor der Roten Armee. 20 Jahre brauchte Jochen Buchsteiner, um diese Aufzeichnungen zur Basis seines Buches zu machen, in dem er die Geschichte dieser mutigen und starken Frau vermischt mit einem Essay über die Geschichte einer untergegangenen Kultur, über Flucht und Vertreibung. Dabei gelingt es ihm, die besondere Schönheit und Eigenheit des ostpreußischen Lebens mit großen Gütern und deren Besitzerfamilien zu schildern, die er selbst nicht erlebt hat, denen aber nicht nur die damals Geflüchteten, sondern auch die Nachfolgegenerationen noch immer sehnsüchtig nachtrauern. Mehrfach ist er selbst in diese Regionen gereist und hat versucht, Erinnerungen, Übriggebliebenes zu finden, was aber kaum gelingt. Dabei ist das Buch keinesfalls eines, das im Sinne anderer Heimatvertriebener die Erinnerung verklären will. Es lässt keinen Zweifel daran, was der notwendigen Flucht vorausgegangen war, nämlich Krieg, Verwüstung und unmenschliches Leid auf der Seite der Gegner. Der Großmutter des Autors gelingt es, den Treck ihrer Gutsbewohner durch Gefahren, Eiseskälte und in ständiger Angst bis zur Ostsee, mit dem Schiff nach Dänemark, schließlich nach Deutschland zu leiten. Die Aufnahme der Flüchtlinge war alles andere als herzlich, beschrieben werden auch die ärmlichsten Verhältnisse, in denen diese durchaus unerwünschten Neuankömmlinge zunächst leben mussten. Eine Assoziation zu anderen Vertreibungen und Fluchtbewegungen aus Geschichte und Gegenwart kann da nicht ausbleiben. Etwa 6 Millionen Deutsche schafften es, bei Kriegsende aus den Ostgebieten zu fliehen, Hunderttausenden gelang es nicht. Die Verbrechen, die an diesen Menschen verübt wurden, gegen das Leid, das den Angehörigen der Siegertruppen zuvor zugefügt worden war, aufzurechnen, scheint müßig; beides darf nicht in Vergessenheit geraten. Diejenigen Flüchtlinge, die nach Kriegsende zurückkehrten, und die Deutschen, die dortgeblieben waren, wurden mit dem Ziel »ethnischer Homogenität« in den Osten deportiert. Das ehemalige Ostpreußen hatten inzwischen Polen, Litauen und Russland untereinander aufgeteilt.
Jochen Buchsteiner. Wir Ostpreußen. München 2025