Der Karikaturist Klaus Stuttmann, der regelmäßig auch auf der letzten Seite der Zeitung Politik & Kultur seine Werke veröffentlicht, wurde 1949 in Frankfurt am Main geboren, wuchs aber in Stuttgart auf. Es war keine Künstlerfamilie, in der er groß wurde, sie hatte aber nichts gegen seine künstlerischen Ambitionen. In Galerien und Ausstellungen ging er mit, außerdem gab es »irgendwo im 19. Jahrhundert einen relativ bekannten Maler bei meinen Vorfahren«, erzählt er im Interview. Gezeichnet hat er immer viel, in der Schule gefördert wurde er damals aber nicht.
Als Jugendlicher träumte er davon, Künstler zu werden, fand aber keinen richtigen Zugang zur damals meist abstrakten Kunst. Er entschied sich für ein Studium der Kunstgeschichte. 1968 ging er dafür zuerst nach Tübingen und dann 1970 mit Freunden ins damalige Westberlin an die TU, wo er mit dem Magistertitel in Kunstgeschichte und Geschichte abschloss.
Aufregende Zeiten waren das damals: »Ich bin sozusagen ein Alt-68er-Nachzügler, da ich 1968 nicht direkt in Berlin war. Aber alles, was daraus folgte, die WG-Experimente z. B., das habe ich natürlich alles mitgemacht. Das freie Leben interessierte uns. Deshalb wollten wir nach Berlin. In Tübingen in der Studentenbude durfte man zum Beispiel keinen Damenbesuch mitbringen …«.
Das Studentenleben war von Anfang an politisch. Klaus Stuttmann gestaltete Flugblätter, die normalerweise immer Bleiwüsten waren, künstlerisch und fing so ganz organisch mit seinen Karikaturen an: »Es gab damals viele verschiedene politische Strömungen. Zum Beispiel die sogenannten K-Gruppen, die mehr Richtung China orientiert waren. Dann gab es die Trotzkisten, und dann in Westberlin die Sozialistische Einheitspartei Westberlins (SEW). In der Richtung war ich damals aktiv.«
Die linksradikale Zeitung »Die Wahrheit« fragte schließlich an, ob er für sie zeichnen würde. »Ich habe auch versucht, für Gewerkschaften zu zeichnen. Aber da ich für eine linksradikale Zeitung gearbeitet habe, haben sie mich nicht mehr genommen.« Von den kleinen Aufträgen konnte er als Karikaturist noch nicht leben, er gestaltete Plakate und Layouts: »Damit konnte ich etwas Geld verdienen. Viel habe ich nie verdient. Das hat sich alles erst geändert mit der Wende 1989. Da konnte ich nicht mehr für die Linksradikalen zeichnen. Die gab es dann nicht mehr. Gewerkschaftszeitungen oder die TAZ hatten jetzt keine Probleme mehr mit mir und fanden meine Zeichnungen gut. So bin ich dann nach 1989, eigentlich 1990, so richtig ins Karikatur-Geschäft eingestiegen. Erst mal fing ich bei null an, konnte aber ziemlich bald davon leben. Die Junge Welt kam dazu, die Leipziger Volkszeitung …«
Zum Tagesspiegel kam er um die Jahrtausendwende – »langsam, aber sicher. Wenn die anderen nicht konnten, dann durfte ich. Aber dann sind immer mehr rausgeflogen oder haben aufgehört. Und irgendwann bin ich übriggeblieben.« Den täglichen Job hat er immer noch. Er benutzt ein Tablet für seine Karikaturen, die er dann auch digital einreicht. Das macht er schon seit 25 Jahren so. Obwohl es Stress bedeutet, macht es Klaus Stuttmann auch in seinem relativ hohen Alter immer noch Spaß.
Politisch ist er auf diese Weise natürlich immer noch auf dem Laufenden: »Ich bemühe mich auch meistens, tagesaktuell zu sein. Aber manchmal geben die Themen nichts her. Dann nimmt man auch etwas, das schon drei Tage zurückliegt oder das ganz allgemein in der Luft liegt.«
Und weiter: »Ich bin immer abhängig von dem, was in den Schlagzeilen ist. Und wenn mal was kulturpolitisch ist, dann wird es eben was Kulturpolitisches. Mich interessiert eigentlich alles, was so los ist in der Welt.«
Trump erhielt schon in seiner ersten Amtszeit ein Duckface. Ist er dankbar, dass er jetzt wieder gewählt wurde? »Naja, das ist wie oft, ich denke auch bei Kolleginnen und Kollegen so ähnlich, dass es zwei Seiten hat. Persönlich finde ich es natürlich eine Katastrophe. Aber beruflich ist es eine gewisse Vereinfachung.« Wie hält man das aus bei der derzeitigen Weltlage, wenn man praktisch immer Nachrichten schauen muss? Stuttmann schaut keine, er informiert sich nur nachts im Netz und arbeitet tagsüber an seiner Idee. Zum Runterkommen fotografiert er oder macht Sport. »Mir wird nie langweilig.«
Und hat er Angst davor, dass die Künstliche Intelligenz die Karikaturisten irgendwann überflüssig macht? »Ich persönlich bin in einem Alter, wo man keine Angst mehr hat. Aber es ist nicht mehr meine Zukunft. Jüngere Kollegen müssen sich tatsächlich schon Sorgen machen. Das wird irgendwann kommen, dass jeder sagen kann: Ich habe die Idee in der und der Richtung, zeichne das mal im Stil von Wilhelm Busch. Und dann ist es in ein paar Sekunden fertig. Dann kann man es nochmal verbessern. Alle, die mir heute schreiben und sagen, sie haben eine geniale Idee, aber sie können nicht zeichnen, ob ich das umsetzen könnte, die müssen mir oder den Kollegen nicht mehr schreiben. Die machen das dann selbst.«
Insgesamt stehe der Beruf des Karikaturisten sowieso wegen des Zeitungssterbens auf der Kippe. Dadurch würden die politischen beziehungsweise tagespolitischen Karikaturen auch immer mehr verschwinden: »Im digitalen Bereich spielen sie nicht mehr die Rolle, die sie im Print noch gespielt haben. Da hatten sie meistens eine bestimmte Stelle im Blatt. Da wusste jeder Leser, jede Leserin genau, wo das ist. Und guckte da oft zuerst hin. Das entfällt. Teilweise haben die Zeitungen auch die Karikatur schon aus den Printmedien rausgenommen.«
Die Madsack-Gruppe, die viele Zeitungen aufgekauft hat, verzichtet ganz auf Zeichnungen. Der New Yorker auch. »Einfach, weil sie zu viel Ärger haben mit den Lesern und keine Lust mehr darauf haben.«
Einen besonderen Platz in seinem Schaffen nimmt Angela Merkel ein, der er sogar ein Buch gewidmet hat: »Einfach auch dadurch, dass sie so lange am Ruder war. Und auch in einer Zeit, in der ich mich selbst entwickelt habe. Sie hat einen großen Teil meiner zeichnerischen Arbeit begleitet. Die erste Zeichnung von ihr habe ich, glaube ich, 1991 gemacht. Als sie noch ›das Mädchen‹ war. Beinahe 1.000 Zeichnungen kamen von ihr zusammen.«
Persönlich begegnet ist er ihr bisher nie, aber nach der Zusendung des Buches hat sie ihm eine Dankeskarte zukommen lassen. Überhaupt vermeidet es Klaus Stuttmann, seinen Modellen von Angesicht zu Angesicht gegenüberzutreten: »Man wird dadurch beeinflusst. Wenn man jemanden persönlich kennt und sympathisch findet, kann man nicht mehr so richtig bissig sein. Deshalb vermeide ich das.«
Zahlreiche Preise wie der Ludwig Emil Grimm Preis der Stadt Hanau oder der Karikaturenpreis der deutschen Zeitungen wurden ihm für sein Schaffen inzwischen verliehen: »Die letzten Jahre war es etwas unangenehm, weil ich so viele Preise gekriegt habe und immer das Gefühl hatte, ich nehme jetzt den jungen Kollegen die Preise weg. Trotzdem bin ich natürlich zufrieden, dass es immer noch Spaß macht, dass die Leute es gut finden.«
Für seine nächste Zukunft wünscht er sich persönlich, »dass man das gut zu Ende kriegt. Ohne große Krankheiten und Gebrechlichkeiten. Und natürlich, dass kulturell nicht alles den Bach runtergeht. Mit einem Kulturstaatsminister, der kaum eine Ahnung von Kultur hat, wie ich den Eindruck habe. Und wenn die rechte Mafia drankommt, dann sieht es sowieso düster aus. Da drücke ich die Daumen, dass es nicht so kommt, wie man befürchten könnte.«
