Nachdem sich Christian Berkel, bekannt als Schauspieler aus Film und Fernsehen, in seinem ersten Buch mit der Geschichte seiner Großeltern und seiner Mutter, in seinem zweiten Roman mit seiner Schwester Ada beschäftigt hat, geht es in diesem Buch um seine eigene Entwicklungsgeschichte. Damit reiht er sich ein in die wachsende Zahl autobiografischer Romane prominenter Persönlichkeiten. Müssen wir so etwas wirklich lesen, »nur«, weil der Autor/die Autorin berühmt ist? Bei Christian »Sputnik« Berkel stellt sich die Frage nicht, denn er schreibt spannend und lebensnah, so dass hier nicht der Eindruck der Nabelschau entsteht. Schon früh spürt der Junge, dass in der Geschichte seiner Familie Themen ausgespart, beschwiegen werden. Erst später begreift er das Trauma der jüdischen Mutter, die von Exil zu Exil reisen musste, dazwischen im französischen Lager Gurs Schreckliches erlebte, sich verstecken musste und über diese Erlebnisse nicht sprechen kann. Er erfährt auch von der Kriegsgefangenschaft seines Vaters und macht seine eigenen Erfahrungen als Kind und Jugendlicher, mit Freundschaft, mit erster Liebe und Sexualität, mit Drogen und dem frühen Wunsch, Schauspieler zu werden. Als Jugendlicher beschließt er, in Frankreich leben zu wollen, geht dort zur Schule und möchte hier seine Karriere beginnen – und muss doch erfahren, dass er eben »deutsch« ist. »In deiner Sprache hast du eine ganz andere Kraft«, erklärt ihm sein erster – französischer – Schauspiellehrer. Schließlich geht es um die Anfänge als professioneller Schauspieler in Deutschland, um gute und schlechte Erfahrungen mit Theater und Regisseuren – auch um die Auseinandersetzung mit der Elterngeneration, mit der Frage, wie sie in der Zeit des Nationalsozialismus agiert oder nicht agiert haben, und ob man den berühmten Strich unter diese Zeit setzen sollte. Und es geht, wie in jedem (guten) Entwicklungsroman um die Suche nach der eigenen Identität. Lesenswert

Christian Berkel. Sputnik. Berlin 2025

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 10/2025.