Die Dichterin Mascha Kaléko galt als junger aufstrebender Stern in der Berliner und deutschen Kulturszene der Weimarer Republik. Sie war regelmäßiger und gern gesehener Gast im Romanischen Café, dem zentralen Treffpunkt der Literaten und Intellektuellen in Berlin. Ihre Gedichte wurden in Zeitungen gedruckt, ihr erster Gedichtband, das »Lyrische Stenogrammheft« erschien 1933 (!) im Rowohlt Verlag. Als Jüdin musste und konnte sie 1938 quasi im letzten Moment mir ihrem Mann und dem zweijährigen Sohn in die USA auswandern. Hier erlebte ihr Erfolg eine abrupte lange Pause. Im Zentrum von Volker Weidermanns Buch steht Kalékos erste Reise nach Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg. Mit zwiespältigen Gefühlen reist sie 1956 zunächst nach Hamburg, dann auch in ihr geliebtes Berlin. Von ihren Erlebnissen, Begegnungen und Gefühlen erfahren wir insbesondere aus den zahlreichen Briefen an den in New York gebliebenen Ehemann Chemjo Vinaver. Mascha Kaléko erlebt diese Zeit in Deutschland wie in einem Rausch, sie wird wiederentdeckt, eingeladen, hofiert, gibt Interviews und begleitet die Neu-Auflage ihres Lyrikbandes. Immer wieder begegnen ihr neue »Wunder«, nicht zuletzt, als sie ihre seit 20 Jahren vermisste Schwester in Ost-Berlin wiederfindet. In ihren Briefen plant sie schon die endgültige Rückkehr mit ihrer Familie. Gleichzeitig weiß sie, dass sie sich im Land der Täter aufhält und dass viele der Menschen, denen sie begegnet, Mittäter oder Mitläufer waren. Sie beginnt zu spüren, dass sie auch in Deutschland keine echte Heimat mehr hat, ebenso wenig wie in den USA. Später wird sie mit ihrem Mann nach Israel auswandern, aber auch hier kein wirkliches Zuhause mehr finden.

Volker Weidermann schafft hier eine großartige Kombination aus Dokumentation einer ganz besonderen Reise und Liebeserklärung an eine Dichterin und Frau, die wie Millionen andere ihr Leben nicht so leben konnte, wie sie gewollt hätte, weil ein verbrecherisches System es nicht zuließ. Die Millionenauflage ihrer Gedichte hat Mascha Kaléko nicht mehr erlebt.

Volker Weidermann. Wenn ich eine Wolke wäre. Mascha Kaléko und die Reise ihres Lebens. Kiepenheuer & Witsch 2025

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 3/2026